Die Linke und die Machtfrage
Wie ehrt man den Geburtstag von J. R. R. Tolkien am 3. Januar? Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat sich etwas besonderes einfallen lassen: Ein „Hitpiece“ gegen Rechte, die angeblich den Großmeister der Fantasy-Literatur politisch instrumentalisieren. Tolkien-Rezeption und Tolkien-Philosophie findet man wenig, dafür allerdings einige sehr interessante Beobachtungen darüber, was Menschen politisch rechts der linken Kulturhegemonie erlaubt ist – und was nicht.
Die „politische Lesbarkeit“ sei es, die „Rechtspopulisten“ dazu motiviere, sich mit Mittelerde zu befassen. Es gehe um den „Imperativ der Rettung einer Welt oder einer imaginierten Idylle vor der Moderne“. An anderer Stelle hatte der Autor bereits hervorgehoben: Es handele sich um eine „literaturpolitische Agenda“ von Strömungen und Parteien, die nach einer „anderen Popularität“, nach einer anderen kulturellen Hegemonie strebten. Die „Popularisierung des schon Populären“ sei ein „wesentlicher Teil“ einer literatur- und kanonbezogenen Metapolitik, die durch die Stiftung von Lesergemeinschaften und Lektürerichtungen die „kulturellen und hegemonialen Grundlagen des politischen Diskurses verschieben und verändern will“.
Zusammengefasst: Es gibt Leute, die nicht links sind, Tolkien lesen und die Geschehnisse auf aktuelle Umstände beziehen. Das ist gefährlich, weil man damit politische und kulturelle Grenzsteine, die ein bestehendes Milieu aufgestellt hat, verschieben könnte. Der Text ist deswegen symptomatisch, weil er eine Trivialität zu dämonisieren versucht: jede Generation beschäftigt sich mit Literatur und bezieht das Gelesene auf die Gegenwart. Konsequent müsste man daraus ableiten: Bücher sind gefährlich, weil sie einen auf dumme Gedanken bringen könnten, wenn diese nicht im festen Rahmen des vorherigen Kanons verlaufen – neue, andere Gedanken sind schließlich gefährlich.
Bereits das lässt die Frage aufkeimen, welche Seite eigentlich Freigeist, welche Seite Engstirnigkeit vertritt: Denn dass Kunst in jedem Jahrhundert anders interpretiert wird, kann man nur durch Doktrin oder „Nudging“ verhindern. Das FAZ-Feuilleton spielt hier mit autoritären Denkverboten, die sie sonst eher auf der anderen politischen Seite verortet.
Tolkien, Deutungshoheit und die Grenzen legitimer Interpretation
Womit wir zur linken Kulturhegemonie kommen: Denn exakt das impliziert der Text, dass offenbar Interpretationen von Tolkien nur dann nicht zu beanstanden sind, wenn sie dem „fortschrittlichen“, also ideologisch konformen Kompass entspricht – etwa die Interpretation der Hobbit-Freundschaften als homoerotisch oder gar non-binär. Tolkien ist hier nur Fallbeispiel. Denn dasselbe Milieu beanstandet kaum die Verzerrungen des klassischen Dramas durch nackte Akteure und orgiastische Szenen – das bewegt sich im Rahmen der zulässigen „Neuinterpretation“. Gefährlich aber wird es, wenn Tolkien Werte wie Treue, Opferbereitschaft und Glauben transportiert, und diese von Nicht-Linken entdeckt werden – dann handelt es sich um „neurechte“ Instrumentalisierung und damit eine direkte Steilvorlage zur Verführung und unausgesprochenem Ende im Vierten Reich.
Das sind die Denkverbote im besten Deutschland aller Zeiten: Kunst ist nur für die ideologisch Geprüften frei, der Rest verhunzt oder missbraucht sie zur Propaganda. Etwas, das Linke nie tun würden – ausgenommen natürlich, wenn alle Jahre wieder Jesus als Flüchtling politisch instrumentalisiert und die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten mit der Massenmigration seit 2015 gleichgesetzt wird.
Was die eine Seite macht, darf die andere eben nicht. Das ist die Quintessenz der kulturellen Hegemonie, und damit das so bleibt, müssen Artikel wie „Fantasy als Fanatismus“ herhalten, um klare Linien zu ziehen, was wie interpretiert werden darf – und von wem. Jede Rezeption klassischer Stoffe von „rechts“ muss zugleich politisch-machiavellistische Motivation besitzen. Auch deswegen ist der Artikel ein pars pro toto. Die Insinuation lautet: Nicht-Linke lesen Tolkien nur, um nach politischem Schleudermittel zu suchen, das sie in die Richtung des Gegners werfen können. Dass sich Tolkien-Leser vielleicht erst durch Tolkien radikalisiert haben könnten, weil den Werken eine konservative bis reaktionäre Weltanschauung inhärent ist – dieser Gedanke darf nicht aufkommen, denn nur Linke sind in der Lage, Kunst zu schaffen. Einerseits sind die Rechten abgehängt, wünschen sich die übersichtliche Welt des Auenlandes zurück, andererseits sind sie auch diabolische Genies, die mit ihrer Tolkien-Propaganda die Machtergreifung vorbereiten. Mehr können, mehr wollen die nicht.

Kulturelle Hegemonie und die Psychologisierung des politischen Gegners
Analysen wie diese gab und gibt es seit Jahren zuhauf. Ihnen liegt der „unbekannte Rechte“ als Forschungsgegenstand zu Grunde, denn „mit Rechten reden“ will man schließlich auch nicht – das könnte sie noch mächtiger machen. Die Journalistin Liane Bednarz, die exakt das kürzlich getan hatte, wurde innerhalb kürzester Zeit dafür angegriffen. Vielmehr ergehen sich deutsche Medien seit über einem Jahrzehnt in Psychologisierungen darüber, was Rechte antreibt, was Rechte denken und was Rechte wollen. Denn auch das ist klar: Leute, die nicht links sind, haben düstere Absichten, die sie um keinen Preis offen sagen. Sie hegen geheimen Pläne.
Freilich: Es existieren politische Vordenker im Spektrum rechts der Mitte. Aber nicht jeder, der sich als rechts im weitesten Sinne bezeichnet, identifiziert sich als Agitator. Aus dem einfachen Grund, weil sie keine Linken sind. Rechte zeichnen sich dadurch aus, dass das Private nicht politisch ist. Dass alles politisch sei, ist eine Stoßrichtung des klassischen Marxismus, die es ab 1968 in breite Teile der Öffentlichkeit geschafft hat. Dass das Private nunmehr politisch sei, dass versuchen die Medien nunmehr jeden Tag zum Fakt zu erheben und nicht mehr als bloße Deutung eines politischen Spektrums. Das Wetter ist politisch geworden: Klimawandel oder nicht? Das Essen ist politisch geworden: Vegan oder nicht? Der Sex ist politisch geworden, selbst die Körperhygiene, Schlafzeiten, Kinderspielzeug und jede Form von Realitätswahrnehmung. Das ist die eigentliche kulturelle Hegemonie: Dass jeder Satz, jeder Gedanke, jede Entscheidung auf die Waage gelegt wird, ob sie sich politisch einordnen lässt. In Deutschland heißt das letztendlich: „richtig“ oder „rechts“. Wer hat die Deutungshoheit darüber? Die Antwort darauf ist klar.
Literatur – wie Tolkien – ist dabei nur ein Aspekt. Dass eine „linke“ Kulturhegemonie herrscht, äußert sich darin, dass die Grundlage dieser Politisierung die Machtfrage ist. Historisch bedingt ist der Gleichheitsgedanke das Grundelement der linken Weltanschauung. Die Sehnsucht nach Gleichheit stellt konsequent die Frage nach Ungleichheit. Macht ist dabei der Schlüsselbegriff, um Ungleichheiten zu erklären. Wenn angeblich Gleichheit herrscht, Menschen aber ungleich sind, muss es ein verborgenes System geben, und das heißt: Ein System der Machtausübung. Wenn Eltern ihren Kindern vorlesen, ist das konsequenterweise eine Form der Ungleichbehandlung gegenüber Kindern aus Familien, wo die Eltern nicht vorlesen. Das klingt aus konservativer und liberaler Sicht absurd, bezeichnet aber eine Kernlogik. Wenn Frauen schlechter verdienen, muss es an strukturellen Machtverhältnissen liegen; politische Entscheidungen resultieren aus der Machtkonzentration von Großkonzernen mit Lobbys; das Machtungleichgewicht zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer führt zu niedrigen Löhnen.
Macht als linke Deutungsfolie – und Tolkiens Gegenentwurf
Das Individuum spielt in all diesen Überlegungen nie eine Rolle. Freie Entscheidungen, geistige und körperliche Ungleichheiten, kulturelle Mentalitäten und religiöse Überzeugungen sind bloße Patina. Die gefährliche Formel, nur danach zu fragen, wer die Macht hat, um die Übel der Welt zu erklären, hat dabei auch in anderen ideologischen Gruppen mittlerweile Fuß gefasst. Das Resultat ist ein grassierender Materialismus. Hier bildet sich die Brücke zu Tolkien. Dass zahlreiche „Rechte“ Tolkien anziehend finden, ist der klare Bezug zu Schönheit, Wahrheit und dem Guten. Dass „Rechte“ Tolkien aus spirituellen oder ästhetischen und eben nicht-politischen Gründen lesen könnten, ist aber aus linker Sicht unvorstellbar, weil der Machtaspekt fehlt. Exakt dieser Machtaspekt ist Kern des Herrn der Ringe, ist doch der Ring und die damit einhergehende Macht die große Verführung, welcher die Menschen stets zu erliegen drohen. Die Welt von Mittelerde funktioniert nicht nach Systemen, sondern nach Entscheidungen und Überzeugungen.
Giorgia Meloni, die lange vor der Popularisierung durch die Peter-Jackson-Filmreihe ein Tolkien-Fan war, hat selbst zugegeben, dass die Macht für sie immer etwas Bedrohliches war, das sie im Grunde nicht haben wollte. Sie identifiziert sich nicht einmal mit dem Hobbit Frodo, sondern mit dessen bestem Freund Sam – die einzige Figur in der Heldengruppe, die nicht wenigstens aus dem niederen Adel stammt und durchweg als „supporting character“ auftritt. Sams Charakteristik ist eben nicht die Sehnsucht nach einem makellosen Auenland – wie sie etwa die FAZ kolportiert, die explizit auf Meloni Bezug nimmt – sondern seine Opferbereitschaft, seine Hingabe und seine Demut, sich in die zweite Reihe zu stellen, um Gutes zu tun. Selbst als Sam nach kurzer Zeit der Ring in die Hände fällt, gibt er ihn an Frodo wieder zurück. Macht zu besitzen ist eine Bürde, eine Verpflichtung und ein notwendiges Übel, das man aus Pflicht trägt, und nicht, weil man es unbedingt erringen will. Tolkien hat ausgerechnet Sam deswegen als „chief hero“ bezeichnet. Heldentum muss keine großen Taten vollbringen, kleine Dinge können die Welt verändern. Nach der Weltrevolution sehnt sich nur der dunkle Antagonist.
Die Sehnsucht zahlreicher politischer – nicht nur linker – Denker, das Leben einzig auf die Macht zu reduzieren, bedeutet, das Leben zu reduzieren. Das mag zu belustigenden Memes führen, bei denen Linke auch das Grillen, die italienische Küche, Dosenbier oder häufiges Duschen aus machtpolitischen Aspekten herabwürdigen wollen. Es deutet aber bedauerlicherweise auf eine komplette Entleerung dessen hin, was das Menschsein wertvoll macht.
Wenn jede Beziehung tagtäglich darauf geprüft werden muss, ob der Mann genauso viel „Care-Arbeit“ übernimmt wie die Frau, ob gegenseitiges Küssen nicht schon übergriffig ist und ob man sich beim Autofahren abwechseln muss, um das Patriarchat zu verunmöglichen, dann hat die Machtfrage die Oberhand gewonnen. Die neurotische Infragestellung trivialer Vorgänge mag in einigen deutschen Akademikerhaushalten bereits die Regel sein. Im Grunde befinden sie sich aber in exakt jener Knechtschaft, die auch der Ring darstellt, der seine Opfer in der Dunkelheit bindet.



1 Kommentar. Leave new
„Was die eine Seite macht, darf die andere eben nicht.“
Tja, Pech für die Linke. Wir machen es einfach trotzdem 🙂