Die Trägheit

Acedia, die Trägheit, ist auf den ersten Blick die langweiligste der Todsünden. Nichts zu tun ist kein Verbrechen, in manchen Situationen sogar angebracht, und schon die Taoisten lebten gelegentlich nach der Maxime: „Handeln durch Nichthandeln“. Warum also die Welt in ihrem Lauf gegen die Wand aufhalten, wenn schon ein bisschen Trägheit genügt, damit die Chose den Bach runtergeht?

Acedia scheint mir bei genauer Betrachtung eine typische Eigenschaft des zumindest politisch oder besser apolitischen Deutschen zu sein.

Rennt der Franzose gleich auf die Straße, wenn man ihm den Käse vom Baguette zu nehmen droht, und schreit der Italiener wenigstens laut herum, so murmelt der Teutone maximal in seinen Bart, analysiert und richtet – solo oder am Stammtisch – ohne sich real von der Stelle zu bewegen. Ein gewisser Zorn ist da, es gibt sogar die Sloterdijkschen „Zornsammelstellen“ im Netz oder auf Papier, nach deren Lektüre man sich verstanden fühlen und beruhigt zurücksinken lassen kann. Zorn und Trägheit wechseln sich ab, ja blockieren sich gegenseitig.

Manchmal fehlt nur das Glas Champagner, nach dessen Einnahme Bismarck den Deutschen erst für genießbar hielt.

Charakteristisch ist neben der Lähmung der Person durch den „komplexen Gedanken“ – der Mischung aus Aufbegehren und Resignation – auch der Zeitfaktor, also eine lang andauernde Bedrängnis, sowie die Verdunkelung des Intellekts, der so für eine tiefer gehende Erkenntnis seiner selbst unbrauchbar wird.

Doch die hier öfter zu Rate gezogenen Kirchenlehrer wissen Bescheid. Für die frühchristlichen Mönche im Sinai, die sich vorwiegend von Heuschrecken und wildem Honig ernährten, gab es den Mittagsdämon – schön ins Bild gesetzt von Grünewald bis Max Ernst. Da taucht allerlei gruseliges Getier auf. Aber psychologisch scheinen die „Patres“ auch einiges draufgehabt zu haben. Sie meinten, es gäbe typische Anzeichen für die Acedia:

Die sechs „Töchter der Acedia“ sind nach Gregor dem Großen und Thomas von Aquin: Bosheit, Auflehnung bzw. Groll, Kleinmut, Verzweiflung, stumpfe Gleichgültigkeit gegenüber den Geboten und das Schweifen des Geistes in Richtung des Unerlaubten.

Jeder kennt das Brüten, das innere Selbstgespräch mit seinen Rechtfertigungen und Selbsterhöhungen, das sich mühlenartig wiederholt. Und die Schuldzuweisungen, die ständig ausgearbeitet und verfeinert werden. Wer ist verantwortlich für meine Stagnation, für meinen falschen Ort im Leben – und für was auch immer?

Acedia ruft auch eine innere Unrast hervor, die sich z. B. darin äußert, dass der Lebenspartner, die Gesellschaft der Freunde, der erlernte Beruf oder der angestammte Wohnort als die scheinbaren Ursachen großer Unzufriedenheit angesehen werden. Daraus ergibt sich auch der Drang zum Reisen als altes Antimelancholikum.

Weitere Anzeichen sind:

  • Ablenkung und Zerstreuung (der für die Acedia so charakteristische Drang nach Abwechslung und insbesondere nach menschlicher Gesellschaft)
  • Die Furcht vor körperlichen Erkrankungen
  • Die Neigung, Mitmenschen für das eigene Unglück verantwortlich zu machen (Täuschung und Selbsttäuschung führen in die Irre, weil der wahre Charakter der Depression verborgen bleibt; Wurzel allen Übels sei die „Selbstverliebtheit“)
  • Vorgetäuschte Tugendwerke (ein oftmals karitativer Aktivismus, um den inneren Stillstand und die eigene Leere zu verbergen)
  • Verdrossenheit und Minimalismus in der spirituellen Praxis
  • Zweifel an der Echtheit der eigenen Berufung oder Lebensform

In dieser Beschreibung, die weit über das bloße Konstatieren von Trägheit hinausgeht, zeigt sich eine nicht seltene Ausprägung menschlicher Persönlichkeit, die man zwar zu kennen glaubt, die einem aber nicht unbedingt sympathisch ist.

Theologisch wird die Haltung der Acedia vielfach so verstanden, dass einem insbesondere das zu viel ist, was Gott von einem verlangt. Anthropologisch beschreibt Josef Pieper sie so, dass „der Mensch sich dem Anspruch versagt, der mit seiner eigenen Würde gegeben ist […], dass der Mensch seinem eigenen Sein letztlich nicht zustimmt.“

Jetzt wird es kritisch: Man ist also mit dem Ergebnis des eigenen „Geworfenseins“ nicht einverstanden und reagiert auf das Gesetz, mit dem man angetreten ist, mit schlichter Verweigerung. Wenn ich nicht habe oder bekomme, was ich glaube, dass mir zusteht, dann reagiere ich einfach nicht mehr.

Hier kommt einer unserer Lieblingsbegriffe ins Spiel: das „Entitlement“. Entitled bin ich heutzutage vor allem als Opfer – eine Haltung, die durch die sozialistische Forderung nach Gleichheit oder zumindest Chancengleichheit noch untermauert wird. Dass das Prinzip Gleichheit anthropologisch völliger Unsinn ist – dass der Mensch eben nicht gleich geboren ist – darf schon gar nicht mehr gesagt werden. Anwendbar ist es vielleicht auf die Forderung nach Gleichheit vor dem Recht, ansonsten gibt es eben neben Schönen auch Hässliche und neben Intelligenten auch Unterkomplexe. Da bleibt politisch nur noch der Schlachtruf: „Hie Heihei gegen Hahe“ (Heilige Heidi gegen Hass und Hetze) – und schon schwimmt man zumindest moralisch obenauf.

Dass sich im Konzept der Acedia auch die Superbia als Wurzelsünde zeigt, darf nicht verwundern – und so kann man hochgemut weiter grummelnd schlafen. Ein gar typisch deutsches Phänomen.

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