Die Geburtsstunde automobiler Freiheit 

Tagesgericht: Heute vor 140 Jahren reichte Carl Benz das Patent für das erste Auto ein

Eine meiner ersten automobilen Erinnerungen ist der Streit zwischen meinen Eltern über das Anschnallen. Während meine Mama sich vorbildlich an die Gurtpflicht hielt, die damals just bußgeldpflichtig geworden war, sah mein Vater den Gurt als Einschränkung seiner individuellen Freiheit. Ein Spruch von ihm hat sich mir eingebrannt, und ich brauchte eine Weile, bis ich verstand, dass der Spruch nicht ein väterliches Original war, sondern gut ein Jahrzehnt zuvor vom ADAC geprägt worden war: „Freie Fahrt für freie Bürger!“

Mit diesem Slogan positionierte sich der Automobilclub gegen ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen, ein Thema, das bis heute immer wieder aufflammt. Ein Thema, das auch schon zu Beginn des automobilen Zeitalters eine Rolle spielte: Geschwindigkeit. 

Mechanisch erzeugte Geschwindigkeit galt im 19. Jahrhundert als gefährlich: So wurde von den ersten Eisenbahnen gewarnt, weil die Reisegeschwindigkeit von 35 oder gar 50 km/h zu Schäden für die menschliche Gesundheit führen würde. In Großbritannien wurde der „Red Flag Act“ beschlossen und vorgeschrieben, dass ein Gefährt ohne Pferde oder ein Dampfwagen mit einer Höchstgeschwindigkeit von maximal vier Meilen in der Stunde (ungefähr 6,4 km/h) fahren durfte. Innerhalb der Ortschaften betrug das Tempolimit zwei Meilen pro Stunde, also knapp 3,2 km/h. Als Warnung vor diesen exorbitanten schnellen Verkehrsteilnehmern ging ein Mann mit einer roten Flagge voran (das Gesetz wurde 1896 abgeschafft).

Trotz dieses Misstrauens gegenüber fortschrittlichen Gefährten, setzte sich die Erfindung von Carl Benz durch und entwickelte sich zu einer weltweiten Erfolgsgeschichte.

Die Geburtsstunde des Automobils

Am 29. Januar 1886 reichte Carl Benz für den „Benz Patent-Motorwagen Nummer 1“ als dreirädriges „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“ das Patent ein. Das gilt als die Geburtsstunde des ersten modernen Automobils. Erteilt wurde das Patent für die Patentschrift DRP 37435 dann am 2. November 1886. 

Der Erfolg des „ersten Automobils“ ließ allerdings auf sich warten.

Es war seine Frau Bertha Benz, die den Durchbruch für Benz’ Erfindung brachte: Im August 1888 startete sie mit dem dreirädrigen Benz Patent-Motorwagen Nummer 3 von Mannheim aus nach Pforzheim. Die von ihr zurückgelegte Strecke von etwa 106 Kilometern gilt als erste Fernfahrt in der Geschichte des Automobils und fand große Aufmerksamkeit. Drei Tage später fuhr sie auf einer anderen Route zurück. Sie war insgesamt 180 Kilometer unterwegs und bewies die Alltagstauglichkeit des Autos.

Die Stadt-Apotheke von Wiesloch, in der Berta Benz, als ihr der Sprit ausging, das als Kraftstoff benötigte Ligroin (Waschbenzin) einkaufte, gilt als erste Tankstelle der Welt.

Diese erste Fernfahrt war mehr als nur eine technische Demonstration – sie war ein Statement gegen die Skepsis und Ängste der Zeit. Bertha Benz bewies, dass Geschwindigkeit kontrollierbar war, dass Innovation nicht zwangsläufig Gefahr bedeutete. Und doch: Die Debatte um Freiheit versus Sicherheit, um individuelles Recht versus gesellschaftliche Verantwortung, die schon damals mit den ersten selbstfahrenden Gefährten begann, zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Automobil- und Technikgeschichte, ja durch die Geschichte aller moderner Gesellschaften.

Mehr zum Thema Auto im Sandwirt: 

„Das erste E-Auto-Land der Welt“ von Marc A. Wilms

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