Die Katharer

Diesen Text gibt es auch als Episode im Podcast des Sandwirts: Hier.

Eine meiner lebhaftesten Kindheitserinnerungen besteht in meiner ersten Besteigung des mythischen „Montségur“, dieser uneinnehmbaren, fast surreal anmutenden Bergfestung mitten in den östlichen Pyrenäen, wo die letzten Katharer ihren asketischen Wunsch, dieser „satanischen“ Welt zu entfliehen, bis zum Äußersten auslebten – bevor sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden und so tatsächlich jenes Tal der Tränen verließen, das sie so verabscheuten.

Auch wenn das Mittelalter heute oft genug einseitig durch die Brille feudaler Gewalt und angeblichen religiösen Obskurantismus betrachtet wird, war es doch bis zum Rand gefüllt mit Gottesliebe, Wahrheitssuche, Schönheit, Sehnsucht und künstlerischer Kraft, die den Allgemeinplatz vom „finsteren Mittelalter“ zu einer echten Absurdität machen. 

Freilich verzeichnete das Mittelalter auch die verschiedensten, teils gewaltsamen Brüche, Reformversuche und Revolutionen, die ein bezeichnendes Licht auf die reiche Gesamtstimmung dieser Epoche werfen, und zu den faszinierendsten darunter gehört fraglos die Geschichte der Katharer, jener geheimnisvollen religiösen und sozialen Bewegung, die fast ein Jahrhundert lang auf den sonnenverbrannten Hügeln und Festungen Okzitaniens in Südfrankreich blühte. 

Die Katharer waren dabei theologische Revolutionäre und soziale Reformer zugleich und stellten nicht nur eine Herausforderung für die römische Kirche und das Königreich Frankreich dar, sondern vertraten auch eine völlig andere Vorstellung von Leben, Tod, Autorität und Gemeinschaft. Selten hat ein religiöser Glaube einen so vollkommenen Widerstand gegen die Welt als solche gelehrt und in die Tat umzusetzen versucht: Das Scheitern war vorprogrammiert.

Christliche Häresie oder dualistische Religion?

Die Katharer einfach als christliche „Ketzer“ abzutun, bedeutet freilich, die verengte Perspektive ihrer Gegner zu übernehmen, denn die Katharer waren nur eine von vielen Inkarnationen eines dualistischen Gnostizismus, dessen Ursprünge viel älter sind als das Christentum. Zu ihrer Zeit waren die Katharer als „bons hommes“ oder „parfaits“ bekannt; Männer und Frauen, die durch strenge persönliche Disziplin und ethische Reinheit danach strebten, nach dem zu leben, was sie für die authentische Botschaft Christi hielten, unbefleckt von den theologischen, politischen und materiellen Kompromissen der real existierenden „institutionellen“ Kirche.

In Wirklichkeit aber war der Katharismus wohl erheblich mehr als nur eine christliche Sekte unter vielen, denn er gründete – glauben wir unseren freilich meist kirchlichen Quellen und Inquisitionsprotokollen – auf einem radikalen Dualismus, der letztlich v.a. im Manichäismus, dem Marcionismus, dem Bogumilentum und wahrscheinlich auch vorchristlichen iranischen Glaubensvorstellungen wurzelte, möglicherweise sogar mit einigen Elementen des Buddhismus vermischt. 

Grundgedanke war die Überzeugung, dass die materielle Welt keine göttliche Schöpfung, sondern vielmehr das verdorbene Werk eines nahezu satanischen Demiurgen sei, der für die einseitigen und bösartigen Gesetze des Alten Testaments verantwortlich zeichne, während die menschliche Seele, ein göttlicher Funke des wahren, ätherischen Gottes des Lichts, nur vorübergehend in ihrem Gefängnis aus Fleisch festgehalten sei und unbedingt dieser Welt entkommen müsse, um ihre Mission zu erfüllen. Christus sei daher der ultimative Abgesandte des „guten Gottes“ gewesen und aus diesem Grunde von den Schergen des bösen Demiurgen gekreuzigt worden; die Vermischung seiner Lehre mit den Glaubenssätzen des Alten Testaments habe dann aber die „gnostische“ Wahrheit des Dualismus heillos verdorben und bedürfe somit der Richtigstellung. Dabei gingen die Gnostiker so weit, etwa im „Teufel“ der Genesis-Geschichte vielmehr die Stimme des wahren Gottes zu sehen, der den Menschen, der vom Demiurgen in ein paradiesisches Gefängnis gesetzt worden sei, aus seiner Blindheit zu erlösen und an die wahre Erkenntnis von Gut und Böse heranzuführen.

Diese ontologische Dichotomie, die von der West- wie der Ostkirche verständlicherweise nur aufs Schärfste verurteilt werden konnte, hatte auch in praktischer Hinsicht immense Auswirkungen. Die Katharer lehnten nicht nur die Sakramente der Kirche, ihre klerikale Hierarchie und ihr Interesse an Reichtum und Macht ab – und sei es selbst zur Verherrlichung Gottes –, sondern auch die Sichtweise der materiellen Welt als einer göttlichen Schöpfung, die zwar von der Erbsünde geprägt war, aber dennoch zahlreiche Spuren der ursprünglichen guten und schönen Absichten ihres Schöpfers bewahrt habe. 

Stattdessen boten die Katharer einen rein spirituellen Weg an, der von Askese, Gewaltlosigkeit, der Ablehnung der Fortpflanzung, Vegetarismus und der Verweigerung von Eiden, Steuern und Krieg geprägt war, denn ihrer Ansicht nach konnte die Erlösung nur durch eine vollständige Abkehr von der Welt erreicht werden, egal um welchen Preis. Ihre bedeutendsten asketischen Führer – die „Vollkommenen“ – lebten daher in strengster Armut, oft als Wanderprediger, trösteten die Kranken und Schwachen und unterzogen sich dem Ritual des „Consolamentum“, einer Art spiritueller Taufe, die die Seele auf ihre endgültige Befreiung aus der Materie vorbereiten sollte, während die einfachen Gläubigen hofften, in einem späteren Leben die nötigen Prüfungen vollziehen zu können.

„Gott wird die Seinen erkennen!“

Und doch war die Gesellschaft der Katharer nicht völlig nach innen gerichtet, genoss sie doch im 12. und 13. Jahrhundert breite Unterstützung in der Bevölkerung, insbesondere im französischen Languedoc und hier vor allem unter Kaufleuten und dem lokalen Adel. Städte wie Albi, Toulouse, Béziers, Carcassonne und Foix wurden zu pulsierenden Zentren des katharischen Einflusses, geschützt von regionalen Feudalherren und toleriert von den städtischen Behörden. Im Zentrum dieser Sachlage stand der breitere politische und kulturelle Kontext Südfrankreichs. 

Okzitanien mit seiner eigenen Sprache (der „langue d’Oc“), seiner reichen poetischen Tradition und seiner relativ dezentralen politischen Struktur unterschied sich deutlich von den eher ländlichen, hierarchischen und tiefkatholischen nördlichen Teilen Frankreichs, wo der König versuchte, seinen Feudalherren erste Formen des Zentralismus aufzuzwingen. Außerdem war das städtische Leben im Süden erheblich weiter entwickelt und geprägt von autonomen Kommunen, einer florierenden Kaufmannsschicht und pluralistischeren religiösen Einstellungen, oft genug gespeist von intensiven Handelsbeziehungen zum muslimischen und jüdischen Spanien und Sizilien. 

Diese Situation war wahrscheinlich auch einer der Hauptgründe für die Unterstützung der Katharer durch die lokalen Eliten, obwohl diese ihrerseits doch wahrscheinlich noch erheblich weniger puritanische Neigungen hatten als ihre nördlichen Kollegen: Genau wie der Protestantismus einige Jahrhunderte später wurde auch der Katharismus als ideales Instrument angesehen, um die Autorität von Paris und Rom über das französische „Midi“ zu lockern und damit die politische Unabhängigkeit zu stärken.

Und tatsächlich hätte die implizite Kritik der Katharer an der römischen Kirche und der königlichen Autorität kaum radikaler sein können. Sie weigerten sich, den Zehnten zu zahlen, lehnten die Kreuzzüge ab, verurteilten die Korruption des Klerus, prangerten die Messe als leeres Ritual an und verzichteten auf Eide; ihre „Vollkommenen“ lehnten es sogar ab, zu töten, sei es auch nur zur Selbstverteidigung. 

Natürlich konnte eine solche ideologische Autonomie nicht lange unangefochten bleiben. Früher oder später wären die asketischen Katharer wahrscheinlich auch mit den lebensfrohen Eliten Okzitaniens in Konflikt geraten, doch für die Kirche von Rom und den König von Frankreich stellte der Katharismus eine noch dringlichere existenzielle Bedrohung dar: Der Dualismus der Katharer war nicht nur eine theologische Abweichung, sondern eine klare Ablehnung der dogmatischen Grundlagen des katholischen Monotheismus und der französischen Monarchie. Nach Jahrzehnten geduldiger, aber letztlich erfolgloser religiöser Diskussionen erkannte Rom die volle Gefahr der Situation und änderte seine Taktik: 1208 rief Papst Innozenz III. mit Unterstützung des Königs von Frankreich einen Kreuzzug aus, diesmal aber nicht gegen die Sarazenen im Heiligen Land, sondern gegen die europäischen „Ketzer“ in Frankreich.

Der darauf folgende Albigenserkreuzzug (1209–1229) gilt bis heute als eine der gewalttätigsten internen Unterdrückungsmaßnahmen in der europäischen Geschichte. Päpstliche Legaten predigten dem nordfranzösischen Adel den Krieg und versprachen ihnen Land und Absolution. Zehntausende Ritter und Bauern marschierten nach Süden, verwüsteten Städte und Dörfer und wurden dabei ebenso sehr von religiösem Eifer gegen die dualistischen Asketen wie von Neid auf die exotischen Reichtümer Okzitaniens angetrieben. Das Massaker von Béziers im Juli 1209 gab den Ton an: Auf die Frage, wie man echte katharische Ketzer von guten Katholiken unterscheiden könne, soll der päpstliche Befehlshaber Arnaud Amalric lediglich geantwortet haben: „Tötet sie alle, Gott wird die Seinen erkennen.“

In den folgenden zwei Jahrzehnten wurde die katharische Gesellschaft systematisch ausgelöscht: Der Adel wurde enteignet, die Städte geplündert, die „Perfekten“ lebendig verbrannt und die Laienanhänger inhaftiert oder durch Terror zur Unterwerfung gezwungen. Der Fall von Monségur im Jahr 1244 nach einer langen Belagerung markierte das symbolische Ende des Kreuzzugs: Über 200 Katharer wurden am Fuße der Zitadelle verbrannt. Einige wenige verstreute Gläubige hielten noch Jahrzehnte lang im Verborgenen durch, doch zu Beginn des 14. Jahrhunderts war die Bewegung praktisch ausgelöscht – und was von Okzitanien übrig geblieben war, fest in das Gefüge des Königreichs Frankreich integriert.

„Nein“ sagen

Und doch lebt das Vermächtnis der Katharer weiter. Bereits im 19. und 20. Jahrhundert, inmitten der langsamen Entzauberung der Moderne, erwachte erneut das Interesse am Katharismus: Esoterische Gruppen, Neo-Gnostiker, Pazifisten, Anarchisten und sogar einige protestantische Reformer begannen, sich intensiv mit der Geschichte dieses Glaubens zu beschäftigen und die Katharer, die einst als Ketzer verbrannt worden waren, zu Symbolen des Widerstands gegen Autoritarismus, Kapitalismus und kirchliche Macht zu verklären, sodass die Ruinen von Montségur von Jahr zu Jahr immer mehr Pilger anziehen. 

Nur wenige von ihnen teilen freilich den ontologischen Rigorismus der Katharer und dessen asketische Auswirkungen auf das tägliche Leben des Gläubigen: Für die meisten speist sich die Sympathie für den Katharismus eher aus antichristlichen Ressentiments und regionalem Autonomiestreben – und nicht selten aus fragwürdigen okkultistischen und verschwörungstheoretischen Spekulationen. Denn das Ziel, das die Katharer im Hochmittelalter zu erreichen versuchten, war nicht nur eine weitere Kirchenreform, sondern letztlich die Errichtung einer völlig anderen Zivilisation als der christlichen.

Einige Zeitgenossen idealisieren die Katharer daher noch immer als Propheten einer Gesellschaft ohne Gefängnisse und Polizei, ohne Klassengewalt und militärischen Zwang; einer Gesellschaft, in der Autorität auf persönlichem Vorbild und nicht auf institutioneller Macht beruhte, in der auch Frauen spirituelle Führerinnen sein konnten, in der Reichtum verpönt und Frieden kein abstrakter Wert, sondern ein verbindliches Gebot war – einer Gesellschaft, die sich weigerte, selbst zum eigenen Überleben zu töten. 

Andere hingegen betonen vielmehr den grundlegend unchristlichen, ja sogar un-abendländischen Charakter jener radikalen Ablehnung der Schönheit und Gutheit von Natur und Schöpfung durch die Katharer, ihren religiösen Dualismus, der die meisten göttlichen Gebote einem teuflischen Demiurgen zuschreibt, und ihren Wunsch, die Trennung von politischer und religiöser Macht durch eine neue, rein asketische und spirituelle Hierarchie zu ersetzen – eine „Anti-Polis“ weltmüder Individuen, die nur durch die Ablehnung der Schöpfung und asketische Strenge miteinander verbunden waren.

Zumindest was die radikale Ablehnung des eigenen Umfelds betrifft und die Sehnsucht, aus diesem Leben ins nächste zu gelangen, erinnern die Katharer an die ersten Christen, wenn ihr Glaube auch nicht auf der Ablehnung der Welt als solcher beruhte, sondern vielmehr auf dem Wunsch, sie zu heiligen und eines Tages in ihrem Idealzustand als himmlisches Jerusalem erblicken zu dürfen. 

Gleichzeitig ist es auch verlockend, die Katharer mit anderen mittelalterlichen häretischen Bewegungen zu vergleichen wie etwa den Waldensern in den Alpen oder den späteren Hussiten in Böhmen; doch während diese Gruppen oft mit der weltlichen Macht verhandelten oder schließlich reformistische Kirchen hervorbrachten, hinterließen die Katharer keine direkten Erben. Ihr Dualismus war zu radikal, ihre Ablehnung des christlichen Erbes zu kompromisslos, ihr Pazifismus zu absolut, ihre Esoterik zu undurchdringlich: Sie hinterließen kein institutionelles Erbe, keine formale Lehre, nicht einmal schriftliche Zeugnisse außer einigen Fragmenten und Inquisitionsakten. 

Aber gerade aus diesem Grund gehören sie nach wie vor zu den reinsten Beispielen für ein religiöses Ideal, das sich zu einer ganz konkreten Parallelgesellschaft entwickelt hat.

Letztendlich liegt das Versäumnis der Katharer (wenn „Versäumnis“ hier überhaupt das richtige Wort ist) nicht in einem konkreten strategischen Fehler, sondern in ihrer Weigerung, langfristig jegliche Kompromisse einzugehen: Selbst als sie mit der Auslöschung konfrontiert waren, kämpften sie nicht, sondern predigten, versteckten sich, trösteten, vergaben – und wurden dann verbrannt. Welche militärischen Maßnahmen auch immer notwendig gewesen waren, um die Kreuzritter aus dem Norden zu bekämpfen, sie wurden nicht von den Katharern selbst ergriffen, sondern von den Okzitanern, die die Religionsfreiheit der Katharer und damit letztlich ihre eigene politische Autonomie verteidigten. Was sagt uns das über das Wesen idealer Gesellschaften? Vielleicht, dass ihre wahre Kraft nicht in ihrer Beständigkeit liegt, sondern in ihrer geradezu traumhaften und damit umso wirkungsmächtigeren Unmöglichkeit.

Das Schicksal der Katharer war wahrscheinlich unvermeidlich, da die Geschichte selten gnädig mit denen umgeht, die aus ihr heraustreten wollen. Aber in einer Zeit, in der Utopien oft mit zentralisierter Macht, technologischer Kontrolle und ideologischer Uniformität einhergehen, erinnern uns die Katharer – was auch immer wir theologisch von ihnen halten mögen – an eine Option, die wir gerne übersehen: Es ist immer möglich, „Nein“ zu sagen, wenn wir nur bereit sind, die Konsequenzen unseres Handelns zu tragen, denn letztendlich werden die wahren „Sieger“ von Gott bestimmt und nicht von einer „Weltgeschichte“, in deren Annalen die meisten zeitgenössischen Ereignisse in 500 oder vielleicht sogar schon in 50 Jahren wahrscheinlich völlig vergessen oder bedeutungslos sein werden.

Dawid Engels - Widerstand und EhreDer Autor dieses Artikels hat in der Edition Sandwirt das Buch „Widerstand und Ehre – 12 neue Lebensbilder der Freiheit veröffentlicht.

 

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