Ist Homeschooling potenziell gefährlich?
Freie Fakten #03
In Deutschland gibt es viele Vorbehalte gegen sogenanntes Homeschooling (Heimunterricht). Teilweise heißt es, Kinder würden verwahrlosen oder sich nicht mit sinnvollen Lerninhalten beschäftigen.
Aber stimmt das tatsächlich?
Wer will seine Kinder zu Hause unterrichten?
Insbesondere gebildete Eltern mit hohem Einkommen und viel Engagement unterrichten ihre Kinder zu Hause. Auch historisch war Heimunterricht vor allem etwas, das von gebildeten und wohlhabenden Kreisen praktiziert wurde – zur Förderung ihrer Kinder.
Kinder, die zu Hause unterrichtet werden, sind auch heutzutage im Durchschnitt akademisch erfolgreicher, intelligenter und sogar sozial kompetenter als Kinder, die öffentliche Schulen besuchen. Das zeigen mehrere Studien.
Das ist nicht alles. Kinder, die zu Hause unterrichtet werden, fühlen sich auch seltener sozial isoliert und konsumieren auch seltener Drogen und Alkohol. Bezogen auf Missbrauchserfahrungen gibt es keine Unterschiede.
Das gängige Narrativ, der Schulzwang sei eine wichtige Institution, um Missbrauch und Verwahrlosung zu vermeiden, bricht damit in sich zusammen. Das zeigen auch internationale Bildungsdaten: Länder ohne Schulzwang schneiden beispielsweise bei PISA-Tests nicht systematisch schlechter ab als Länder mit Schulzwang.

Fragwürdige Kausalität
Warum sage ich Schulzwang anstatt Schulpflicht? Weil Schulpflicht ein Euphemismus ist. Faktisch handelt es sich um einen polizeilich mit Gewalt durchgesetzten Zwang, im Schulgebäude anwesend zu sein – auch dann, wenn ein Kind außerhalb der Schule besser lernen würde. Es geht nicht um Bildungspflicht, sondern um Schulgebäudeanwesenheitszwang. Das ist die Realität, möge man sie mit schönen Worten auch versuchen zu drehen oder zu wenden.
Zurück zu den Daten. Dass zu Hause unterrichtete Kinder akademisch oftmals bessere Ergebnisse aufweisen als herkömmlich beschulte Kinder, widerlegt gängige politische Narrative. Aber es sagt nichts über Kausalität aus. Denn wie bereits erwähnt wurde, unterscheiden sich Familien, die sich für Homeschooling entscheiden, systematisch von anderen Familien in Bezug auf Bildung, Einkommen, Engagement und auch Familienstruktur (häufiger verheiratet, seltener geschieden). Diese Variablen sind unabhängig von der Schulform mit akademischem Erfolg assoziiert. Kausale Rückschlüsse sind also nicht ohne Weiteres möglich.
Es gibt Studien, die verschiedene Formen des Homeschoolings miteinander vergleichen. Aber auch hier stoßen wir auf die erwähnten Limitationen: Selektionseffekte.
Was sie aber zumindest zeigen: Homeschooling kann für unterschiedliche Kinder funktionieren. Und ganz grundsätzlich sollte das Bildungssystem am tatsächlichen Lernerfolg der Kinder gemessen werden. Wenn herkömmliche Beschulung für einige Kinder schlecht oder kaum funktioniert, sollte die Möglichkeit zur Verfügung stehen, dass das Kind anderweitig beschult wird. Das würde dem Schulsystem sogar Ressourcen sparen. Kein Schulzwang, sondern eine Bildungspflicht. Ein freier Wettbewerb der Bildungsangebote.
Bildungsfreiheit als Mindestkonsens
Wenn ich mir die öffentliche Debatte vergegenwärtige, stehen sich in diesem Kontext diskursiv zwei Lager gegenüber: Diejenigen, die Bildungsfreiheit befürworten, und diejenigen, die Schulzwang befürworten. Das ist diskursiv keine ausgewogene Diskussion. Eine tatsächlich ausgewogene Diskussion wäre: Schulzwang versus Schulverbot. Und die ausgewogene, mittige Position wäre dann Bildungsfreiheit unter Sicherstellung der Bildungspflicht.
Schulzwang ist keine bildungswissenschaftlich evidenzbasierte Position in Anbetracht der Daten. Sie lässt sich anscheinend primär nur aus einem totalitären Hintergedanken heraus rechtfertigen: Dass die Kinder ideologisch uniformiert werden sollen. Das war beispielsweise die Position des Nationalsozialismus. So liest sich in Abschnitt I, Paragraph 1 des 1938 eingeführten Reichsschulpflichtgesetzes: „Im Deutschen Reich besteht allgemeine Schulpflicht. Sie sichert die Erziehung und Unterweisung der deutschen Jugend im Geiste des Nationalsozialismus.“
Teilt man diese Position nicht, wird es schwer, gegen Bildungsfreiheit zu argumentieren.
Gerade in Anbetracht der heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen – Massenmigration, schlechter werdende Deutschkenntnisse bei Mitschülern, sinkende PISA-Werte – wäre Bildungsfreiheit bei gleichzeitiger Bildungspflicht keine Kompromisslösung, sondern das Mindestmaß an Freiheit, die Bürgern zur Verfügung stehen sollte, wenn man den gesellschaftlichen Bildungsauftrag an die nächste Generation ernst nimmt. Schulzwang würde der Bildungspflicht nicht Genüge tun, sondern mit dieser konfligieren. Bildungspflicht sollte grundsätzlich nicht etwas sein, das die Kinder und Eltern gegenüber dem Staat erfüllen müssen, sondern die Gesellschaft gegenüber den Kindern.



