Abhängigkeit: Freihandel verbindet
Unternehmen Zuversicht #9
Als ich 1977 in das väterliche Unternehmen eintrat, gab es kaum Verbindungen ins Ausland. Oft war ich der Einzige, der Englisch sprach und bei Messen mit internationalen Gästen kommunizieren konnte.
Als junger Mann war ich ein Jahr in den USA gewesen, ich bin heute noch dankbar für diese Möglichkeit, als Austauschschüler in die Staaten zu gehen. Als ich dann verstand, wie wichtig für mein Unternehmen es ist, andere Märkte als den Heimatmarkt anzugehen, waren die Vereinigten Staaten meine erste Wahl. 1985 gründeten wir die erste Vertriebsorganisation in den USA, ab 1990 folgten rasch weitere Länder, dieses Mal bei unseren Nachbarn in Europa.
Um es deutlich zu sagen: WIHA hätte in Deutschland allein nicht überleben können, der heimische Markt ist schlichtweg zu klein. Erst durch die europäische Integration, die zunehmende Öffnung der Märkte und die Chancen des globalen Freihandels – insbesondere in den USA und später auch in Asien – wurde der Weg für das anhaltende Wachstum und den langfristigen Erfolg geebnet.
Ich bin eindeutig ein Fan freien Handels. Denn freier Handel war und ist mehr als Wirtschaften über die Grenzen hinaus. Er ist immer ein Werkzeug einer umfassenderen Befreiung.
Wir sollten uns dieses mächtige Werkzeug nicht aus der Hand nehmen lassen. Denn wenn ein Mensch oder ein Land in Abhängigkeit gerät, beginnt meist der Niedergang.
Der Bruch: Neue Abhängigkeiten
Seit Jahrhunderten hat der Freihandel Menschen, Städte und ganze Kulturräume miteinander verknüpft. Die großen Handelsadern – von der Seidenstraße bis zum Hansebund – waren stets Motoren für Wohlstand, Innovation und kulturellen Austausch. Selbst die europäische Einigung nahm nicht ihren Anfang in politischer Vision, sondern in der wirtschaftlichen Öffnung: Zollunionen und gemeinsame Märkte schufen erst das Fundament, auf dem später das politische Europa erwuchs.
Wenn wir heute die Vorzüge des freien Handels betonen, ist das kein naiver Idealismus, sondern das Ergebnis jahrhundertelanger Erfahrung. Freihandel zwingt zum Wettbewerb, fördert Erfindungsgeist und belohnt jene, die besser, schneller oder nachhaltiger handeln. Friedrich A. Hayek und Karl R. Popper haben es früh erkannt: Fortschritt entsteht dort, wo Ideen und Waren frei zirkulieren: im offenen Wettstreit, nicht in der Abschottung. Offene Märkte schaffen keine Abhängigkeit, sondern Verbindung: Sie holen das Beste aus verschiedenen Welten an einen Tisch und geben allen die Chance, sich zu bewähren.
Freihandel ist deshalb weder Bedrohung noch Nullsummenspiel. Er ist eine Einladung zur Gestaltung – an Unternehmer, Forscher und ganze Gesellschaften. Wer sich ihr stellt, gewinnt mehr als nur neuen Absatz: Er gewinnt Zugang zu Wissen, Technologien und Perspektiven, die im nationalen Alleingang unerreichbar blieben.
Neue Abhängigkeiten: USA, KI
Heute stehen wir jedoch an einem Wendepunkt. Die einstige Offenheit des Westens wird zunehmend von neuen Formen der Abschottung verdrängt. Mit seinem Slogan „America First“ hat Donald Trump nicht nur eine politische Parole geprägt, sondern eine Denkweise salonfähig gemacht, die dem freien Austausch diametral entgegensteht.
Die Gründe liegen auf der Hand: Die USA können ihr gewaltiges Handelsdefizit nicht dauerhaft finanzieren. Allein die Zinszahlungen auf die Staatsverschuldung übersteigen inzwischen das – ohnehin üppig ausgestattete – Verteidigungsbudget. Die Antwort lautet Reindustrialisierung: Produktion, Arbeitsplätze und Wertschöpfung sollen zurück ins eigene Land geholt werden, flankiert von massiven Investitionen in Künstliche Intelligenz und Robotik.
Die Investitionen in Künstliche Intelligenz sind enorm: Allein im Jahr 2023 flossen über 67 Milliarden US-Dollar Risikokapital in US-amerikanische KI-Startups. Zusätzlich plant die US-Regierung massive Investitionen in strategische Schlüsselbereiche wie Halbleiterfertigung und KI-Infrastruktur.
Ein zentraler Baustein ist dabei das sogenannte Stargate-Programm, eine industriegetragene Initiative unter Beteiligung von OpenAI, Microsoft, Oracle, Nvidia und anderen. Ziel ist der Aufbau einer KI-Infrastruktur im Gesamtwert von bis zu 500 Milliarden US-Dollar bis Ende des Jahrzehnts.
Ein Schlüsselakteur darin ist Nvidia. Der US-Halbleiterhersteller baut gemeinsam mit Partnern wie TSMC, Foxconn, Wistron, SPIL und Amkor in den USA eine neue Generation von Supercomputing-Standorten auf, unter anderem in Arizona und Texas. Die Werke sollen hochautomatisiert, KI-gesteuert und auf den Einsatz der neuen Blackwell-KI-Chips ausgelegt sein. Sie liefern künftig die Rechenleistung für nahezu alle zukunftsentscheidenden Sektoren: von Mobilität und Biotechnologie bis hin zur Rüstungsindustrie.
Die USA streben hier eine Vormachtstellung an, die für die Zukunft, die auf freien Austausch setzt, gefährlich ist.
Besonders deutlich wird dieser geopolitische Anspruch an der Rolle von Palantir Technologies. Das 2003 gegründete amerikanische Unternehmen liefert fortschrittliche Datenanalyse- und KI-Lösungen, nicht für beliebige Konsumprodukte, sondern für Regierungen, Militärs und Sicherheitsdienste. Die Plattform „Foundry“ von Palantir hilft Industrienationen, ihre Wirtschaft effizienter zu steuern; „Gotham“ analysiert in Echtzeit Bedrohungen und unterstützt militärische Operationen mit präziser Datenlage. Palantir agiert dabei ausdrücklich im westlichen Bündniskontext – mit einem klaren Ziel: Durch technologische Vorherrschaft sollen die USA und ihre Verbündeten wirtschaftlich und militärisch strategisch überlegen bleiben.
Doch was bedeutet das für Europa?
Wird Deutschland nur ein Nutzer amerikanischer Systeme sein oder noch ein Partner auf Augenhöhe?
Oder erleben wir den Beginn einer geopolitischen Abhängigkeit, in der die USA die Spielregeln allein bestimmen?
Souveränität beginnt mit Energieautonomie
Denn was auf den ersten Blick nach Fortschritt klingt, sollte uns zugleich eine Warnung sein: Wer nicht Schritt hält, bleibt zurück – technologisch, wirtschaftlich, sicherheitspolitisch.
Auch Europa ist längst von neuen Abhängigkeiten betroffen: von den USA, die mit ihrer protektionistischen Industriepolitik neue Spielregeln diktieren; von China, das im Handel mit Rohstoffen und Vorprodukten längst die Führungsrolle übernommen hat; und nicht zuletzt von einer Energiepolitik, die unter dem Schlagwort „Nachhaltigkeit“ häufig mehr auf Ideologie setzt als auf praktikable Lösungen.
Zwar haben wir uns aus der Abhängigkeit vom russischen Gas befreit, doch sind wir dabei direkt in neue Abhängigkeiten hineingeraten: bei seltenen Erden, Solarpaneelen, Batterien – allen voran aus China. Statt auf marktwirtschaftliche Prinzipien zu setzen, dominiert zunehmend planwirtschaftliches Denken: Politische Lenkung ersetzt den freien Wettbewerb, staatliche Subventionen treten an die Stelle von Innovation und unternehmerischer Eigenverantwortung.
Dabei wird eines oft übersehen: die eigentliche Grundlage künftiger Unabhängigkeit.
Die USA – wie skizziert – haben Künstliche Intelligenz und Robotik längst als Schlüsseltechnologien erkannt, um ihre globale Vormachtstellung dauerhaft zu sichern. Wenn uns eine Zukunft in Wohlstand und Freiheit wichtig ist, dürfen wir – Deutschland ebenso wie unsere Partner in der EU – bei dieser Entwicklung nicht zurückbleiben.
Die Rechenzentren von morgen werden das Rückgrat von Produktion, Wissenschaft, Bildung und Verwaltung bilden. KI wird in vielerlei Hinsicht zur Grundvoraussetzung freien Lebens und Denkens, aber ebenso zu einer potenziellen Bedrohung. Und eines steht fest: Rechenzentren und KI brauchen vor allem eines – verlässlichen, bezahlbaren und klimafreundlichen Strom. Wer die Energie kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer sie nicht hat, wird abhängig.
Wahre Unabhängigkeit beginnt mit einer souveränen, verlässlichen und klimafreundlichen Energieversorgung. Thorium-Salzschmelze-Reaktoren bieten genau das: Sie sind sicher, kostengünstig, CO₂-frei – und kommen mit einem Bruchteil des Ressourcenbedarfs aus. Jahrzehntelange Energie aus minimalem Brennstoff, ohne Abhängigkeit von Wetter, Importen oder geopolitisch riskanten Lieferketten.
Sie machen Energiepolitik wieder zu einer Frage der Gestaltungsfreiheit, nicht der Abhängigkeit.
Fortschritt durch Freiheit
Nur durch diese Selbstständigkeit werden wir in der Lage sein, das zu bewahren und weiterzuentwickeln, was uns und vielen Menschen weltweit in der Vergangenheit Fortschritt und Lebensqualität gebracht hat: den freien Handel – von Waren ebenso wie von Ideen.
Denn freier Handel geht fast immer Hand in Hand mit internationalen Verbindungen. Unternehmen, Fachkräfte und Forschungseinrichtungen arbeiten über Grenzen hinweg – und schaffen so Offenheit für neue Perspektiven. Wenn Produkte, Dienstleistungen und Menschen sich frei bewegen können, entsteht ein lebendiger Austausch von Kulturen, Denkweisen und Innovationen.

Es geht dann nicht mehr um die Vormachtstellung eines einzelnen Landes oder weniger Mächtiger, sondern um den Vorrang von Werten und Errungenschaften, die allen zugutekommen.
Freier Handel darf dabei nicht naiv sein. Er muss Regeln haben, Fairness, Resilienz. Aber er bleibt das beste Mittel gegen Abhängigkeit, Planwirtschaft und Stillstand.
Wir brauchen keine Weltregierung, aber eine internationale Ordnung mit fairen Spielregeln. Wir brauchen keine Planwirtschaft, sondern einen freien Markt, in dem sich die besten Ideen durchsetzen. Und wir brauchen Energieunabhängigkeit, um als Kontinent handlungsfähig zu bleiben – inmitten der Spannungen zwischen USA und China.
Wer in einer multipolaren Welt bestehen will, muss sich von Abhängigkeiten lösen, wirtschaftlich, politisch, geistig. Und freies Handeln ist dafür die Voraussetzung.
Der Freihandel hat uns verbunden, nicht getrennt. Er hat uns von Armut befreit und Wohlstand geschaffen, nicht Mangel. Freihandel ist mehr als nur Austausch von Waren, er ist eine Brücke zwischen Menschen, Ideen und Chancen. Eine Brücke in unsere Zukunft.
„Zuversicht ist kein Gefühl, das man einfach hat. Sie ist eine Haltung, die man sich erarbeitet.” Wilfried Hahn




