Im Körper Heimat finden

Heimat ist ein vielschichtiger Begriff, der Geborgenheit, Vertrautheit und Zugehörigkeit beschreibt. Niemand verbringt so viel Zeit mit seinem eigenen Körper wie wir selbst. Es stellt sich die Frage, wie wir diese Zeit verbringen und ob wir uns in unserem Körper auch wohl fühlen. Ist das „Sich-Zuhause-Fühlen” auch im eigenen Körper erfahrbar? Welches Verhältnis haben wir zum Körper? Wie soll Gesundheit entstehen, wenn man den eigenen Körper nicht leiden kann? 

Es ist eine Lebensaufgabe und auch eine Herausforderung, in die Selbstliebe zu finden und in ihr zu bleiben. Über die Liebe zum eigenen Körper wird selten gesprochen. Zu rasch wird das Thema abgetan – auch, weil es oft mit Narzissmus verwechselt wird, der in Wirklichkeit ein Zuwenig an Selbstliebe und Selbstbejahung ist. Die narzisstische Selbstverherrlichung ist der Mangel eines echten „Ja“ zu sich selbst und damit auch zum Körper.

Es geht bei diesem Thema nicht um körperliche Selbstoptimierung. Es geht auch nicht darum, dass der Körper überhöht werden soll. Meine Ausführungen sind auch kein Appell für sportliche Aktivität per se. Und schon gar nicht für sportliche Höchstleistung. Manche Menschen „verlieren“ sich darin und sind dennoch weit entfernt vom Körper. Viele Menschen laufen und strampeln kilometerweit, um gerade nicht Tuchfühlung mit dem Körper zu kommen. (Selbstverständlich bin ich jedoch für körperliche Aktivität, weil sie das körperliche Wohlergehen und unsere Vitalität erhöhen).

Ich verstehe den Körper als eine Erfahrungsdimension für dieses Leben. Nach der ihm begrenzten Zeit hier auf der Erde wieder er wieder vergehen. Er erschafft uns jedoch auch einen „Tempel”, in dem unser Innerstes, unsere wahre Essenz Platz findet. Wenn wir uns in ausgewogener Weise um ihn kümmern, erfahren wir eine größere Lebendigkeit, und dann jubelt auch unsere Seele. Dazu passt das wunderbare Zitat von Teresa von Avila: „Tu deinem Leib etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen“. 

Wer versteht, dass der Körper nicht nur Materie ist, sondern auch das Zuhause des inneren Wesens, der wird den Körper auch als heiligen Ort und mit Respekt betrachten. Die Seele ist der unsichtbare Teil des Körpers und der Körper ist der sichtbare Teil der Seele.

Über die Unzufriedenheit und die Feindschaft mit dem eigenen Körper wird selten offen gesprochen. Wer redet über die Körperbereiche, die man ablehnt? Wer unzufrieden ist mit dem Körper lebt im Unfrieden. Niemand kann langfristig unbeschadet bleiben, wenn er in einem inneren Kriegszustand lebt. Meine Gedanken zum Thema Körperbeziehung sind somit auch als Beitrag für den Frieden zu verstehen – im Inneren. Die Entwicklung einer positiven Körperbeziehung ist ein Friedens-Projekt. In diesem Sinne sehe ich mich auch als Friedensforscherin.

Natürlich nervt der Körper manchmal: Es zwickt unangenehm im Rücken oder in gewissen Jahren fühlen sich viele Frauen heiß, wenn die Hitze in Wellen auf sie zukommt (was frau am besten auch mit Humor nimmt). Und wir hadern manchmal mit dem Körper, wenn er die Spuren des Lebens sichtbar macht. Spuren, die sich beispielsweise an der schlechter werdenden Körperhaltung, am Gewicht oder an den Lachfalten zeigen. Letztlich machen diese Spuren nur das eine sichtbar: dass wir leben!

Betreffend die Beziehung zum Körper kann ich diesen als Werkzeug nutzen oder als wertvolles, persönliches Zuhause betrachten. 

  • Man kann den Körper als Gegenstand, als sicht- und greifbares Objekt begreifen. In dieser Perspektive wird der Körper im „Schadensfall” an das Gesundheitssystem abgeben, mit wenig Selbstverantwortung und geringer Gesundheitskompetenz. Er kann auch zum Objekt der Selbstoptimierung werden (Umgestaltung nach eigenem Wunsch bzw. gesellschaftlichen Vorgaben), dabei muss nicht automatisch eine echte Begegnung stattfinden. 
  • Der Körper kann aber auch als Gegenüber, als Subjekt verstanden werden, mit dem ich eine positive und bewusste Beziehung pflege. Eine Beziehung, in der man sich begegnet, in der man aneinander wächst, so wie in einer Partnerschaft und einer Liebesbeziehung. Durch die Beziehung kann sich ein Dialog entwickeln, der auf Augenhöhe stattfindet.

Der Weg zu dieser subjekthaften, positiven Körperbeziehung benötigt meiner Meinung nach Bewusstheit und Achtsamkeit. Wenn wir uns auf diese Reise in eine positive Körperbeziehung aufmachen, geht es nicht nur um eine intellektuelle Auseinandersetzung, es geht auch um ein körperliches Fühlen nach innen. Es ist ein bewertungsfreies Gewahrsein, das achtsam ist für den Augenblick. Die Bewusstheit schenkt Erkenntnis und diese befreit den Geist. Die Achtsamkeit ermöglicht das Fühlen und befreit den Körper. Beide – Bewusstheit und Achtsamkeit – beinhalten das Potenzial mehr Lebendigkeit, Freude, Frieden, Akzeptanz und Freiheit zu erleben.

Und ja, natürlich gibt es in der Beziehung zum Körper auch Herausforderungen! Auch in der Beziehung zum Körper gibt es Höhen und Tiefen. Krankheiten, die verschiedenen Jahreszeiten des Lebens, Verletzungen, schwerwiegende Diagnosen, Funktionsverlust, Behinderung, Beeinträchtigung und Schmerzerfahrungen fordern die Beziehung. Die Beziehung zum Körper ist auch dynamisch. So wie in der Beziehung zwischen Menschen erfordert sie Wachstum und Entwicklung.

Mit dem Körper und mit der Gesundheit läuft es nicht immer so, wie wir es uns wünschen und vorstellen. Eine Krankheit oder eine Verletzung reißt uns meistens aus den gewohnten Bahnen. Es kann sein, dass eine Krankheit oder ein Schicksalsschlag eine Entwicklung in unserem Leben anstoßen möchte, die wir erst viel später und im Rückblick erkennen können. Was in diesen Herausforderungen helfen kann: Die Realität akzeptieren, loslassen, im Lebensfluss schwimmen lernen und das Beste aus dem zu machen, wozu man in diesem Moment fähig ist. Nichts halten wollen, ist das Geheimnis.

Mein Buch „Körperkompetenz“ ist eine Einladung zu einer vertieften Reise zu uns selbst (Bewusstheit) und zu unserem Körper (Achtsamkeit). Der Körper kann ein Zuhause sein oder eine fremde Behausung. Es ist ein Schatz, wenn wir uns im Körper richtig wohlfühlen, wir uns in ihm wohlig einrichten.  Und genauso wie Wohnen mehr bedeutet als die Nutzung von Küche, Badezimmer, Sofa und Bett, ist das Finden von Heimat im Körper mehr als seine Verwendung als pures Werkzeug. Wer den Körper fühlt und mit ihm in Verbindung ist, wird aus einem inneren Impuls Verantwortung für ihn übernehmen wollen. 

Um dankbar für unseren Körper zu sein, muss er nicht den gesellschaftlichen Idealen genügen. Auch müssen wir nicht schmerzfrei oder ohne Einschränkungen sein. Es geht darum, das Wundervolle in unserem Körper zu erkennen. Albert Einstein sagte: „Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles eines“.

Wenn wir das Wunder Körper erfassen, so kommen wir nicht umhin, ihn wertzuschätzen, ihn anzunehmen, ihn zu schützen und ihn in gesundheitsfördernder Weise zu umsorgen. Dankbarkeit und Selbstfürsorge werden sich entfalten und mit ihnen das Bedürfnis, wohlwollend mit seinem eigenen Körper umzugehen. „Wohlwollend“ bedeutet, für seinen Körper das Wohl zu wollen.s

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Ganz konkret kann das beispielsweise sein:

  • Sich genügend Schlaf gönnen, sich erlauben, früh ins Bett zu gehen
  • Sich im Trubel des Alltags ein Mittags-Nickerchen schenken
  • Sich Zeit für gedankliche Reflexion nehmen – Stille erfahren
  • Sich für eine Massage anmelden
  • Wohlfühl-Zeiten genießen (Fußbad, Dampfbad, Sauna, …)
  • Den Körper beim Eincremen mit einem inneren JA umhüllen
  • Nährendes Essen aufnehmen, mit echten Lebensmitteln
  • Medizinische Behandlung aufsuchen, falls nötig
  • Verhaltensweisen ausüben, die die Gesundheit fördern

Von dem deutschen Komiker und Autor Karl Valentin stammt der Ausspruch: „Heute mache ich mir eine Freude und besuche mich selbst. Hoffentlich bin ich daheim.”

Ich wünsche allen Lesern, dass sie mehr und mehr „daheim“ sind im Körper und dadurch beschenkt werden mit Freude, Dankbarkeit, Lebendigkeit, interessanten Entdeckungen und hin und wieder mit einem Gefühl der Körperglückseligkeit.

Leitner Körperkompetenz

Monika Leitner ist Autorin des Buches „Körperkompetenz – Im Körper Heimat finden durch Achtsamkeit und Bewusstheit”, das Sie im Kaufladen des Sandwirts bestellen können.

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