Gesundheit und Selbstbestimmung

Der Begriff „Körperkompetenz” setzt sich aus „Körper“ (der physische, leibliche Aspekt eines Menschen) und „Kompetenz“ (Fähigkeit, Können, Fertigkeit) zusammen. In der Alltagssprache ist er nicht sehr geläufig. Wörtlich bedeutet er also die Fähigkeit, mit dem eigenen Körper umzugehen, ihn zu spüren, Signale wahrzunehmen und zu interpretieren und den Körper bewusst einzusetzen.

Beziehung zum Körper bedeutet auch Verantwortung. Verantwortung beinhaltet auch „Antwort”. Es ist die Antwort auf das wunderbare Geschenk des Körpers. Wer diese Verantwortung (auch) selbst trägt und nicht nur an das Gesundheitssystem bzw. an medizinische Fachpersonen abgibt, handelt kompetent und selbstbestimmt.

„Sorge du für meine Gesundheit“ oder „Entscheide du über meine Gesundheit“ sind Aufforderungen, die eine Erwartungshaltung und die Abgabe der Selbstverantwortung spiegeln. Ich glaube, dass es Menschen, die in Verbindung mit ihrem Körper sind, besser gelingt, eigene Entscheidungen für die Gesundheit zu treffen bzw. selbstbestimmt in gesundheitsbezogenen Fragen zu handeln.

Im „Antwort-Geben“ entwickelt sich Kompetenz. Den Begriff „Körperkompetenz“ leitete ich aus dem bekannteren Begriff der „Gesundheitskompetenz“ ab. Damit ist die Fähigkeit gemeint, Entscheidungen zu treffen, die sich positiv auf die Gesundheit auswirken. 

Gemäß der Weltgesundheitsorganisation WHO umfasst Gesundheitskompetenz das Wissen, sowie die Motivation und die Fähigkeiten von Menschen, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden. Die WHO beschreibt eine gesundheitskompetente Person u.a. als „fähig, einem fachlichen Rat oder Anweisung zu krankheitsbezogenen Themen zu befolgen“. Beim Wort „befolgen“ kommen die ersten Fragen zum Thema Autonomie und Selbstbestimmung auf …

Während 20 Jahren habe ich in der Schweiz an den Nationalen Tagungen für Gesundheitsförderung teilgenommen, zuletzt 2022. Da ging es um das Thema „Marketing in der Gesundheitsförderung“, um Strategien wie das Gesundheitsverhalten von Menschen geändert werden kann (Nudging). Ich konnte in den Ausführungen bald den Unterschied zwischen Propaganda und Marketing, zwischen Manipulation und sogenannte Neuro-Kommunikation nicht mehr erkennen. An dieser Tagung wurde auch der neue Leitfaden des Schweizer Bundesamts für Gesundheit über Verhaltensökonomie vorgestellt.

„Der Einsatz der Verhaltensökonomie kann dank neuester Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung zu einer Verbesserung der Wirksamkeit von (politischen) Maßnahmen führen.“ – Als ich diesen Satz aus dem Leitfaden las, wusste ich, dass dies mit meinen Werten nicht mehr vereinbar ist. Es war meine letzte Tagungsteilnahme.

Und so möchte ich die Gesundheitskompetenz mit „Körperkompetenz“ erweitern und ergänzen. Wissen und Fähigkeiten sind gut und wichtig, um selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen. Die Körperkompetenz rückt zusätzlich die Beziehung zum Körper in den Fokus, Körperkompetenz will die körpereigene (somatische) Intelligenz zu neuem Leben erwecken, will die Intuition (Körperwahrnehmung und Interozeption) aufleben lassen. Körperkompetenz will die Verbindung zwischen Körper und Geist stärken, um über die Veränderung des Bewusstseins (des Mindsets) den „innere Arzt“ bzw. die Fähigkeit zur Selbstheilung anregen.

Die somatische Intelligenz befähigt uns zu spüren, was der Körper braucht. Es ist ein „Andocken” an die Weisheit des Körpers. Es ist eine Intelligenz, die uns ermöglicht, wählen zu können, was dem Körper guttut und was nicht. Interessanterweise beinhaltet der Begriff Intelligenz dieses Wählen-Können, wenn man die lateinischen Worte betrachtet: inter = zwischen und legere = lesen, wählen. 

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Wir haben Millionen von „Antennen” (Sensoren) im Bewegungssystem, aber auch in unserem Bauchraum, die Informationen an das Gehirn weiterleiten. Wir sind es oft nicht mehr gewohnt, Informationen, wie z.B. Bekömmlichkeit oder Aversion, wahrzunehmen und zu verarbeiten. Die Reizüberflutung, der wir im Leben ausgesetzt sind, trägt auch nicht dazu bei, die Zeichen unseres Körpers zu erkennen. Je höher die Dichte an Außenreizen (Handy, Internet, Fernsehen etc.), desto weniger gelingt es, „Innenschau” zu halten. Damit wäre aber der Zugang zum „Bauchgefühl“ gegeben, das uns helfen würde, die Körpersignale wahrzunehmen.

Das Pflegen bzw. Entwickeln der somatischen Intelligenz führt zur Selbstermächtigung (empowerment) und damit zu Strategien und Maßnahmen für ein selbstbestimmtes Leben. Dies wiederum ermöglicht gesundheitliche Interessen selbstverantwortlich und selbst-bestimmt zu vertreten und damit auch weniger abhängig von der allgemeinen Gesundheitsversorgung zu sein.

Autofahrer kennen die Situation, wenn im Auto eine Kontrollleuchte aufleuchtet. Niemand, der am Steuer sitzt, wird es ignorieren. Oder haben sie schon einmal beim Aufleuchten ein schwarzes Klebeband genommen und das Lämpchen überklebt, nur damit es beim Fahren nicht mehr stört? Wir würden wohl kaum beruhigt weiterfahren. Aber genau das machen viele Menschen mit ihrem Körper, wenn sich die „Kontroll-Leuchten“ ihres Körpers melden. Oft werden Signale nicht wahrgenommen und damit wir auch keine eigenverantwortliche „Antwort“ gegeben. Leider manchmal mit fatalen Folgen …

Zur Körperkompetenz zählt auch, dass wir sogenannte Erklärungsmodelle kritisch hinterfragen. Ein Erklärungsmodell ist ein theoretisches Konstrukt, das darlegt, wie etwas zustande gekommen ist. Es ist eine Illusion zu glauben, dass die Medizin alles erklären kann, Vieles hat Modell-Charakter. Aus der Sicht des Betroffenen ist es nur allzu verständlich, dass man das Ungeklärte zu erklären versucht. Wenn keine klare Diagnose gestellt werden kann – die Schmerzen aber nach wie vor den Alltag lähmen. Wenn es keine Erklärungen gibt für Beschwerden und Symptome, bleiben wir stets auf der Suche. 

Auf diesem Weg des Suchens kommen wir mit verschiedenen Theorien und Modellen in Kontakt, aus denen wir gerne jene auswählen, die zu unseren Überzeugungen bzw. zu dem, woran wir glauben, am besten passen. Dies nennt man auch Passung. Man geht beispielsweise zum Kinesiologen, nimmt neue Supplemente, lasst sich mit farbigem Licht und Kristallen heilen, befasst sich mit Chakra-Meditationen, lässt das Ohr akupunktieren, trinkt grünen Tee, probiert eine ketogene Diät, geht Winterschwimmen, läuft barfuss durch den Wald, macht Atemtraining, lässt durch Atlaslogie den ersten Halswirbel richten, etc. …

Es geht um die Übereinstimmung des Erklärungsmodells des Experten mit jenem des Patienten. Diese Übereinstimmung vermag eine Magie zu entfalten. Ist diese vorhanden, wird die Therapie eine Wirkung zeigen. Verstärkt wird diese Wirkung noch durch eine hohe Erwartung des Patienten in die spezifische Therapie. Um es auf den Punkt zu bringen: Alle der oben aufgeführten Therapieformen haben eine Wirkung. Erklärungsmodelle sind jedoch auch Erklärungsmythen. Weil wir an etwas glauben.

Was können wir daraus schlussfolgern? Wahrscheinlich gibt es das alleinige Erklärungsmodell nicht. Es gibt nicht die eine Sichtweise. Es gibt nicht die eine Lösung. Viele Wege führen bekanntlich nach Rom. Wie kommen wir jedoch in der Vielzahl an Möglichkeiten aus diesem Dilemma der vielen Wege heraus? Vielleicht hilft schon, dass wir keine der angebotenen Erklärungsmodelle als absolut ansehen und ihnen dennoch ein Stück Wahrheit zuschreiben. Das wäre auch ein Beitrag zu einer positiven Diskussionskultur. 

Das Einnehmen einer breiten Perspektive und bewusstes „Selbst-Denken” kann hilfreich sein. Zu einer körperkompetenten Entscheidung kommen wir, wenn wir uns mit unserer Intuition und der Weisheit unseres Körpers verbinden und spüren, mit welchem Erklärungsansatz wir als Individuum in Resonanz gehen.

Leitner Körperkompetenz

Monika Leitner ist Autorin des Buches „Körperkompetenz – Im Körper Heimat finden durch Achtsamkeit und Bewusstheit”, das Sie im Kaufladen des Sandwirts bestellen können.

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