Schlager ist wie KI

Ich gestehe: Ich mag Schlager. Und ich liebe es, auf Schlagerpartys zu gehen. Das erste Mal bei einer Schlagerparty, es war in Dortmund in der Westfalenhalle, es waren Tausende da, das war hinreißend: einen ganzen Abend einfach mal nicht nachdenken, keinen klaren Gedanken fassen, in einen Sound und in Texte einzutauchen, die auf eine Weise an Herz und Gemüt gehen, die am Verstand vorbeigeht und direkt aufs vegetative Nervensystem zugreift. 

Für einen Menschen wie mich, der eher zu viel als zu wenig nachdenkt, dem es auch daran gelegen ist, sich als Persönlichkeit weiterzuentwickeln, was eben auch eine gewisse Individualität und Eigenständigkeit bedeutet, ist Schlager Befreiung und Bedrohung: Befreiung vom Grübeln, Bedrohung der Eigenständigkeit. Schlager ist wie KI. Und keiner steht für mich so sehr für die Ambivalenz des Schlagers wie der vor 45 Jahren geborene Florian Silbereisen.

Der perfekte Gastgeber

Am 4. August 1981 wird Florian Bernd Silbereisen im niederbayerischen Tiefenbach bei Passau geboren, als jüngstes von fünf Kindern eines Bauhofleiters und einer Hausfrau. Mit drei Jahren bekommt er von seinem Großvater seine erste Steirische Harmonika geschenkt, Mit zehn erscheint die erste Kassette, bald folgen Auftritte in volkstümlichen Fernsehsendungen. Regelmäßig steht er bei Karl Moik im „Musikantenstadl“.

Diese frühe Professionalität hat ihn geprägt. Kaum ein deutscher Unterhaltungskünstler wirkt so diszipliniert, so kontrolliert, so selten überrascht. Interviews verlaufen höflich, Skandale gibt es praktisch nicht. Über Jahrzehnte ist Silbereisen zuverlässig das, was von ihm erwartet wird. 

Er entwickelt sich zum perfekten Gastgeber diverser Shows. Mit 22 Jahren übernimmt er 2004 als jüngster Samstagabend-Showmaster Deutschlands die „Feste der Volksmusik“ von Carmen Nebel. Was seither folgt, ist eine der konstantesten Erfolgsgeschichten der deutschen Fernsehshowgeschichte, dazu die Rolle als Traumschiff-Kapitän seit 2019 und die Beziehung mit Helene Fischer, die von 2008 bis 2018 selbst zum Teil der öffentlichen Erzählung wurde.

Während viele Moderatoren versuchen, originell zu sein, setzt Silbereisen auf Berechenbarkeit. Er ist freundlich, aufmerksam, macht harmlose Witze und lässt seine Gäste glänzen. Millionen Zuschauer wissen ziemlich genau, was sie erwartet – und genau deshalb schalten sie ein.

In einer Zeit, in der Medien ständig versuchen, zu überraschen, wird Vorhersehbarkeit plötzlich zum Qualitätsmerkmal.

Selbst das Ende der Beziehung mit Helene Fischer zeugt von dieser Kontrolliertheit, kein Exzess, kein Drama, keine Schlammschlacht, selbstverständlich bleiben sie Freunde. „Eine Trennung ist immer traurig, auch wir waren sehr traurig. Aber inzwischen sind wir ´glücklich´ getrennt.“ Gegenseitiger Respekt und gemeinsame Fernsehauftritte. 

Perfekt.

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Sehnsucht nach der Traumwelt

Ich habe eine gewisse familiäre Disposition zu Florian Silbereisen: Samstagabend durfte ich noch ein wenig länger aufbleiben, was ich natürlich ausgenutzt habe, wenn die Familie vor dem Fernseher saß, um sich eine Musikshow mit ihm anzusehen. Den Grand Prix der Volksmusik. Das Sommerfest der Volksmusik. Das Winterfest, Frühlingsfest, Sommerfest, Adventsfest, Schlagerbooom, Schlagercountdown, Schlagerchampions … Ich glaube, denn ihr Musikgeschmack und ihr Fernsehgeschmack waren eigentlich ein anderer: Meine Mutter schwärmte eine Zeitlang für ihn. Weswegen sie sich auch regelmäßig das Traumschiff mit ihm als Kapitän ansah. Auch meine Frisur, ich gebe es zu, noch heute kümmert sich wie schon als Kind und Jugendlicher regelmäßig meine Mutter um meine Haare, erinnert an ihn.

Oder, wie es mir eben auch manchmal ergeht und was ich in kleiner Dosis auch genießen kann: Sie tauchte in eine Traumwelt jenseits des Alltags ab und Silbereisen stand an der Tür zu dieser Welt. 

Eine Tür, durch die, denke ich, viele Menschen gerne gehen möchten, wie der Erfolg von Florian Silbereisen beweist. Denn eigentlich wünschen sich viele genau das, was Schlager verspricht: eine Welt, in der Gefühle eindeutig sind, Beziehungen halten und am Ende alles gut wird. 

Die Realität ist komplizierter. Aber manchmal braucht es eben eine Auszeit von der Wirklichkeit. Gerade deshalb funktioniert Schlager. Er bietet für ein paar Stunden eine emotionale Vereinfachung der Welt.

Und vielleicht erinnert mich Schlager auch deshalb an Künstliche Intelligenz: Große Sprachmodelle funktionieren deshalb so gut, weil sie Abermilliarden menschlicher Texte auswerten und daraus Muster erkennen. Sie erzeugen selten das völlig Neue. Sie erzeugen das statistisch Passende. Schlager funktioniert ähnlich. Die Texte handeln fast immer von Liebe, Sehnsucht, Hoffnung, Abschied oder Neuanfang. Die Harmonien überraschen selten. Die Refrains wiederholen sich. Alles ist darauf ausgelegt, möglichst vielen Menschen möglichst vertraut zu erscheinen. Und diese Vertrautheit lässt sich, wie ich bei den Schlagerpartys erlebe, auch gemeinsam genießen: Wenn Tausende Menschen gemeinsam „Atemlos“, „Wahnsinn“ oder „Verdammt, ich lieb‘ dich“ mitsingen, entsteht eine Verbindung, eine gemeinsame Welt. Nur vorübergehend, aber immerhin. Ich finde es herrlich, in diese Welt einfach mal einzutauchen und nicht zu hinterfragen.

Aber wenn ich, wie jetzt, darüber nachdenke, ist es so: Vor allem die Texte des Schlagers erinnern mich oft an KI. Sie gehen ins Ohr und passieren dabei anstandslos, ohne großen Aufwand, das Denken. „Klar, passt, so ist es!“ Aber: Wenn man nur einen Moment innehält und genauer hinschaut, fällt auf: Wie oft sich Bilder wiederholen. Wie Aussagen nur lose über Analogien, Metaphern und Gefühle miteinander verbunden sind. Wie vieles plausibel klingt, ohne wirklich etwas zu sagen. Der Eindruck von Sinn entsteht oft stärker als der Sinn selbst.

Das gilt eben auch oft für KI. Ihre Antworten wirken schlüssig, flüssig, überzeugend. Erst wer innehält und nachfragt, merkt, wo Sprünge entstehen, wo Zusammenhänge eher sprachlich als gedanklich erzeugt werden. Auch dort ist Argumentation mehr Überzeugung als Logik. 

Je mehr man vom Schlager konsumiert oder die KI nutzt, und eben nicht innehält, umso selbstverständlicher wird es, sein Denken ausgeschaltet zu lassen oder das eigene Denken zu delegieren. Und genau das empfinde ich manchmal als Befreiung: nicht selbst denken zu müssen. Überhaupt nicht denken.

Damit erinnert mich Schlager nicht nur an KI, sondern auch an Sex: Der Kopf tritt in den Hintergrund, die Maschine, der Körper übernimmt. Wiederholung wird nicht langweilig, sondern lustvoll, weil sie immer wieder leicht variiert wird.  Sich vom Rhythmus mitreißen lassen, ein Rhythmus, der bei der KI die schier unglaubliche Geschwindigkeit ist, mit der die Zeilen generiert werden. Ohne bewusstes Dazutun von den Emotionen hinweggerissen werden, in der Wiederholung und Variation dieser Wiederholung die Lust des Immergleichen entdecken.

Vielleicht ist genau das das Geheimnis von Florian Silbereisen (der übrigens, was gut hierher passt, seit 2011 den Weltrekord für die meisten innerhalb einer Minute verteilten Küsse hält). Er steht für eine Form der Unterhaltung, die gar nicht originell sein will. Sie will zuverlässig sein. Vertraut. Tröstlich. Ein Erlebnis, das sich wiederholen darf, weil es uns mit anderen und der Welt im Guten verbindet.

Und so ambivalent mir das auch erscheint, manchmal genieße ich es, so frei zu sein, mich vom Denken freizumachen. Manchmal empfinde ich das als Befreiung: Einfach einmal nicht nachdenken.

Mehr über Denken im Sandwirt: 

Heureka! Einfälle und Zufälle“ von Immo Sennewald

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