Jean Raspail
Innerhalb nur weniger Stunden überrennen sechzigtausend Menschen die Grenze nach Ceuta: Die friedliche kleine spanische Enklave in Nordafrika bricht unter dem Ansturm förmlich zusammen, Bilder von überfüllten Stränden und marodierenden Horden gehen als „Memento Mori“ des Abendlands um die Welt, Rufe nach Einsatz des Militärs zum Schutz von Grenze und Bevölkerung werden von gutdenkenden Politikern und Aktivisten in Spanien und ganz Europa routiniert als „rassistisch“ diffamiert, während vielmehr eine rasche Überführung der Migranten nach Europa gefordert wird, und selbst eine Aufgabe der letzten exterritorialen Besitzungen Spaniens in Afrika steht im Bereich des Möglichen.

Marokko reibt sich die Hände, während Israel und die USA die Ereignisse als Retourkutsche angesichts der mangelnden Unterstützung ihrer Nahostpolitik durch die progressive Regierung in Madrid betrachten. Da fällt es, wie schon so oft seit 2015, überaus schwer, nicht an jene Vision zu denken, die Jean Raspail ein halbes Jahrhundert zuvor in „Le Camp des Saints“ niedergeschrieben hatte: die Landung einer unkontrollierbaren Migrantenmasse in Südfrankreich, welche den Westen nicht nur durch Waffen und ihre schiere Zahl, sondern auch und vor allem durch die moralische Lähmung der Europäer überwindet und schließlich eine ganze Zivilisation zusammenbrechen lässt.
Jean Paul Raspail wurde am 5. Juli 1925 als Sohn einer wohlhabenden bürgerlichen Familie in Chemillé-sur-Dême im Indre-et-Loire geboren. Sein Vater Octave war Präsident der Grands Moulins de Corbeil und Generaldirektor der Saarkohlenminen; die Mutter Marguerite Chaix entstammte demselben Milieu. Der junge Raspail genoss eine strenge katholische Erziehung an den Collèges Saint-Jean-de-Passy und Sainte-Marie in Paris sowie an der École des Roches in Verneuil-sur-Avre. Doch schon früh zog es ihn hinaus in die Weite.
1949, mit dreiundzwanzig Jahren, unternahm er mit einer kleinen Gruppe eine Kanufahrt von Québec nach New Orleans auf den Spuren des Jesuiten-Missionars Jacques Marquette. 1950 bis 1952 organisierte und leitete er eine spektakuläre Autoexpedition von Feuerland bis hoch nach Alaska, quer durch die wildesten und unwegsamsten Regionen des amerikanischen Kontinents. 1954 folgte eine Forschungsreise ins Gebiet der letzten Inkas. In den folgenden Jahrzehnten bereiste er dann Japan, den Nahen Osten, Afrika, die Antillen, Hongkong und immer wieder die indianischen Völker Nord- und Südamerikas.
Raspail dokumentierte dabei das allmähliche Verschwinden verschiedenster indigener Kulturen, die unter dem Druck von Moderne und Demographie erloschen, und brachte von diesen Reisen zahlreiche Berichte und ethnologische Schriften mit: „Terre de Feu–Alaska“ (1952), „Terre et Peuple Incas“ (1955) und viele weitere. Raspail war Mitglied der „Société des explorateurs français“, erhielt später die „Grande Médaille d’Or des Explorations“ und proklamierte sich selbst schnurrigerweise auch zum „Generalkonsul“ des Königreichs Araukanien und Patagonien, das Orélie-Antoine de Tounens, ein französischer Abenteurer und Träumer, im späten 19. Jh. einmal proklamiert hatte – eine romantische Geste, die Raspails lebenslange Faszination für verlorene Königreiche und untergehende Zivilisationen spiegelte. Er war Traditionalist, Royalist und gläubiger Katholik, ein Mann, der immer mit offenem Visier kämpfte und sich selbst ganz offen als „ultrareaktionär“ und „an Identität und Boden gebunden“ beschrieb, und der daher auch dem Gedanken der „Métissage“ Frankreichs trotz – oder gerade wegen – seiner Bewunderung für indigene Völker eine klare Absage erteilte.
Denn seine Reisen hatten seinen Blick auf die Welt tief geprägt, hatte er doch immer wieder feststellen müssen, dass, um mit Paul Valéry zu sprechen, auch Zivilisationen sterblich sind, da ganze Völker und ihre Traditionen unter dem Druck überlegener Kräfte oder demographischer Wellen verschwinden können. Gerade weil er den Untergang so vieler „kleiner“, angeblich „primitiver“ Zivilisationen so genau beobachtet hatte, erkannte Raspail auch die Gefahr, die dem Westen selbst drohte, wenn auch nicht in erster Linie durch militärische Eroberung, sondern eher durch den inneren Verlust des Willens zur Selbstbehauptung.
1971, in einer Villa an der Côte d’Azur, blickte er auf das Mittelmeer und stellte sich die Frage: „Et s’ils venaient ?“ Aus dieser Vision entstand 1973 der Roman „Le Camp des Saints“, sein fraglos berühmtestes Werk. Das Buch schildert die Ankunft einer Flotte unzähliger maroder Schiffen mit einer Million Indern an der französischen Riviera. Die französische Armee weigert sich zu schießen, die Politiker predigen Mitgefühl, die Medien feiern die Ankunft als Sühne für den Kolonialismus, die Kirchen reden von Christusnachfolge, die jungen Hippies heißen die Eroberer aus Hass auf die „Alten“ willkommen, und das Land geht rasch unter, und zwar nicht in einem heroischen Kampf, wie er noch 1919 in Spenglers Prognosen aufscheinen mochte, sondern in einer Orgie aus Selbsthass, Sentimentalität und Feigheit.
Der Titel des Romans stammt dabei übrigens aus der Offenbarung des Johannes, wo es heißt (20,7-9): „Und wenn die tausend Jahre vollendet sind, wird der Satan losgelassen werden aus seinem Gefängnis und wird ausziehen, zu verführen die Völker an den vier Enden der Erde, Gog und Magog, und sie zum Kampf zu versammeln; deren Zahl ist wie der Sand am Meer. Und sie stiegen herauf auf die Ebene der Erde und umringten das Heerlager der Heiligen und die geliebte Stadt.“
Eine Kernstelle des Romans macht die ganze Radikalität und Aktualität der Vision Raspails deutlich. Der Protagonist spricht hier mit einem jungen Mann, einem Hippie, der die Landung der Million Fremdem freudig begrüßt und in der anstehenden Zerstörung Frankreichs und seiner Zivilisation das reinigende Bad der baldigen Völkerverbrüderung sieht:
« – Je vous regarde et je vous trouve parfait. C’est pourquoi je vous hais. Et c’est chez vous, ici, que je conduirai les plus misérables, demain. Ils ne savent rien de ce que vous êtes, de ce que vous représentez. Votre univers n’a aucune signification pour eux. Ils ne chercheront pas à comprendre. Ils seront fatigués, ils auront froid, ils feront du feu avec votre belle porte de chêne. Ils couvriront de caca votre belle terrasse et s’essuieront les mains aux livres de votre bibliothèque. Ils cracheront votre vin. Ils mangeront avec leurs doigts dans les jolis étains que je vois à votre mur. Assis sur leurs talons, ils regarderont flamber vos fauteuils. Ils se feront des parures avec les broderies de vos draps. Chaque objet perdra le sens que vous lui attachiez, le beau ne sera plus beau, l’utile deviendra dérisoire et l’inutile, absurde. Plus rien n’aura de valeur profonde, sauf peut-être le bout de ficelle oublié dans un coin et qu’ils se disputeront, qui sait ? en cassant tout autour d’eux. Cela va être formidable ! Foutez le camp !
– Encore un mot : eux vont détruire sans savoir, sans comprendre. Mais vous ?
– Moi, parce que j’ai appris à haïr tout cela. Parce que la conscience globale du monde exige que l’on haïsse tout cela. Foutez le camp ! Vous m’emmerdez ! »
(- „Ich sehe Sie an und finde Sie vollkommen. Deshalb hasse ich Sie. Und genau hierher, zu Ihnen, werde ich morgen die Elendsten führen. Die wissen nichts darüber, wer Sie sind und wofür Sie stehen. Ihre Welt hat für sie keinerlei Bedeutung. Sie werden nicht versuchen, sie zu verstehen. Sie werden müde sein, ihnen wird kalt sein, und sie werden mit Ihrer schönen Eichentür ein Feuer machen. Sie werden Ihre schöne Terrasse mit Kot beschmutzen und sich die Hände an den Büchern aus Ihrer Bibliothek abwischen. Sie werden Ihren Wein ausspucken. Sie werden mit den Fingern aus den hübschen Zinnschalen essen, die ich an Ihrer Wand sehe. Auf ihren Fersen sitzend werden sie zusehen, wie Ihre Sessel in Flammen aufgehen. Sie werden sich aus den Stickereien Ihrer Bettwäsche Schmuckstücke basteln. Jedes Objekt wird die Bedeutung verlieren, die Sie ihm beigemessen haben; das Schöne wird nicht mehr schön sein, das Nützliche wird lächerlich und das Unnütze absurd. Nichts wird mehr einen tieferen Wert haben, außer vielleicht das in einer Ecke vergessene Stück Schnur, um das sie sich streiten werden – wer weiß? –, während sie alles um sich herum zerbrechen. Das wird großartig! Verschwinden Sie!
– Noch ein Wort: Die Fremden werden zerstören, ohne es zu wissen, ohne es zu verstehen. Aber Sie?
– Ich, weil ich gelernt habe, all das zu hassen. Weil das globale Bewusstsein der Welt verlangt, dass man all das hasst. Verschwinden Sie! Sie gehen mir auf die Nerven!“)
Die Reaktion auf den Roman war vernichtend. In einer Zeit, in der der intellektuelle Druck gegen alles Rechte bereits stark gestiegen war, wurde Raspail als „Rassist“ gebrandmarkt. Die großen Zeitungen zerrissen das Buch, die linke Kritik warf ihm Faschismus vor, und selbst Teile der bürgerlichen Presse distanzierten sich. Raspail selbst blieb unerschütterlich und definierte sich offen als „Royalist“, als „freier Mann, der nie einer Partei unterworfen war“. Den Rassismusvorwurf allerdings leugnete er vehement mit dem Hinweis auf sein ganzes Lebenswerk: Wer so viele Völker am Rande des Aussterbens gesehen habe, könne kein Rassist sein. Er verteidigte sein Buch als Plädoyer für die abendländische Zivilisation, nicht als Angriff auf Fremde, zog keine einzige Linie oder Aussage zurück und fügte der Neuauflage von 2011 noch das Vorwort „Big Other“ hinzu, wo er selbst penibel die 87 Passagen auflistete, die nach den Gesetzen Gayssot, Lellouche und Perben strafrechtlich verfolgbar sein könnten – eine letzte, ironische Geste des Trotzes.
Trotz aller Anfeindungen erhielt er weiterhin hohe literarische Auszeichnungen, was den ganzen Gegensatz zwischen der geistigen Offenheit Frankreichs und Deutschlands zeigt, wo Ähnliches wohl unmöglich wäre: 1981 der „Grand Prix du Roman“ der Académie française für „Moi, Antoine de Tounens, roi de Patagonie“, 1987 den „Prix du Livre Inter“ für „Qui se souvient des hommes“, 1995 die Mitgliedschaft in der Ehrenlegion, 2003 den „Grand Prix de littérature der Académie française“ für sein Gesamtwerk und 2004 –sage und schreibe – den Offiziersrang der Ehrenlegion. Doch der Schatten von „Le Camp des Saints“ blieb.
Das Buch verdrängte alle anderen Arbeiten Raspails im öffentlichen Bewusstsein und wurde zum Kultbuch der Rechten, von Jean-Marie Le Pen bis Martin Sellner immer wieder zitiert, in Amerika und Europa stets neu aufgelegt und gleichzeitig in den Medien bis heute als „hasserfüllt“ diffamiert. Raspail lebte daher bis zu seinem Tod am 13. Juni 2020 in Neuilly-sur-Seine trotz seiner Auszeichnungen ganz am Rande dessen, was man die „gute Gesellschaft“ nannte – ein Mann, der die Wahrheit gesagt hatte, als sie noch vielen unerträglich schien, und der dafür wie so viele den Preis der weitgehenden gesellschaftlichen Ostrakisierung zahlte; ermüdet von zu vielen sterilen Selbsterklärungen und im vollen Bewusstsein, nicht mehr die Kraft zu besitzen, den Kampf um die Wahrheit weiter durchzufechten, wie er mir ein paar Jahre vor seinem Tode schrieb.
Was macht Raspail für uns heutige zu einem Vorbild des Widerstands? Sicherlich nicht der bloße literarische Erfolg, und auch nicht seine spätere Rehabilitierung durch die Ereignisse, die wie üblich von jenen, die so lange diffamieren, bis sie dann auf einmal kollaborieren, nur zu gerne unterschlagen wird – denn Außenseiter sind unter allen Regimen unbequem, wenn man sie nicht zu kommoden Säulenheiligen zurechtstutzen kann.
Nein, suchen wir nach einer Vorbildwirkung, so liegt sie vor allem in Raspails Weigerung, dem Zeitgeist zu opfern, und in seinem Entschluss, gradlinig weiter zu vertreten, was er neben seinem katholischen Glauben für das Höchste hielt: das Recht einer Zivilisation, sich selbst zu erhalten, und das Ideal einer konkreten, historischen Identität, die mehr ist als die organisatorische Umsetzung abstrakter Menschheitsliebe.
Inmitten der Hochzeit der Hippie-Bewegung, als Relativismus und Schuldkult auch in Frankreich die Fähigkeit zur Selbstbehauptung zu lähmen begonnen, setzte Raspail dem scheinbaren Konsens ein klares „Nein“ entgegen, denn er wusste, dass Institutionen und Gesetze nur so viel wert sind wie der Wille der Menschen, die sie tragen, auch wenn ihm völlig klar war, dass der Preis für dieses „Nein“ Isolation, Verleumdung und der Vorwurf der „Hassrede“ sein würde.
Wenn es sich heute auch „nur“ um 60.000 Menschen und nicht eine Million handelt: Die Ereignisse von Ceuta im Juli 2026 wirken wie eine bittere Fußnote zum „Camp des Saints“, umso mehr, als jeden weiteren Tag irgendwo an den europäischen Außengrenzen ein neues, kleines Ceuta geschieht, das es meist nicht einmal in die nationalen Medien schafft. Und die Parallele reicht natürlich weiter. Wie Raspail selbst wurden und werden bis heute alle, die vor den Folgen unkontrollierter Massenmigration warnen – sei es aus kultureller, demographischer oder sicherheitspolitischer Sicht –, systematisch dämonisiert: als Rassisten, als Feinde der Menschlichkeit, als Brandstifter, obwohl die Geschichte der letzten Jahrzehnte zuhauf gezeigt hat, dass viele dieser „verfemten“ Stimmen in den wesentlichen Punkten recht behalten – in der Prognose der Zahlen, der Integrationsprobleme, der Parallelgesellschaften und der Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts.
Doch gerade in dem Moment, in dem die Realität die Prophezeiungen einzuholen scheint und ein Kurswechsel hin zu mehr Kontrolle und Selbstbegrenzung politisch möglich zu werden beginnt, droht eine andere Gefahr, die der echte Konservative – ewig unbeliebt – ebenso im Blick haben muss: die Gefahr eines Backlashs. Die öffentliche Meinung, lange Zeit in die eine Richtung gedrängt, könnte wie so oft (und getragen von denselben Stimmen) ebenso ins andere Extrem umschlagen – und dann von einem ebenso selbstzerstörerischen wie verlogenen Ultra-Humanismus, der jede Form von Grenzschutz und Selbstbeharrung als moralisches Verbrechen brandmarkt, zu einer ebenso problematischen Selbsterhöhung mutieren, wo aus der Idealisierung der eigenen liberal-progressiven Gesellschaft nicht mehr die Notwendigkeit von Öffnung und Multikulturalismus, sondern vom Ausstoß allen Fremden abgeleitet wird.
Psychologisch wäre dies alles andere als unverständlich, und vielleicht hätte solch ein Umschlag auch politisch einen dringend benötigenden Selbstreinigungseffekt. Trotzdem steht zu befürchten, dass eine solche Selbstbestätigung, wenn sie eben nicht auf einer echten, historisch wie moralisch sauberen identitären Renaissance beruht, sondern nur auf einer Hypostasierung einer innerlich seelenlosen, progressiv-liberalen Gesellschaft, kaum einen echten Fortschritt bedeuten würde: In einem politischen Programm wie „1990er Hedonismus minus Massenmigration“ könnte ein jeder, dem Abendland, Christentum und Tradition auch nur ansatzweise etwas bedeuten, sich kaum wiederfinden, und es ist daher kein Wunder, dass auch Raspail sein Plädoyer für das Überleben Frankreichs eben nicht unter die Vorzeichen der säkular-progressiven Moderne, sondern der christlich-abendländischen Reaktion stellte.
Der Autor dieses Artikels hat in der Edition Sandwirt das Buch „Widerstand und Ehre – 12 neue Lebensbilder der Freiheit“ veröffentlicht.



