Der Frühling stirbt im August
Von der einen Freundin, die mir ein Gandhi-Filmplakat geschenkt hat, habe ich Ihnen ja vor einer Weile erzählt.
Was ich nicht erzählt habe, war der eigentliche Grund, weswegen sie mir dieses Plakat geschenkt hat. Sie war eifersüchtig. Das Gandhi-Plakat sollte ein anderes Poster ersetzen: Und zwar jenes des Films „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, auch für die DVD-Veröffentlichung genutzt, auf dem Lena Olin in schwarzen Dessous und mit einem schwarzen Bowler-Hut zu sehen ist.
Eifersüchtig war meine Freundin, weil mir eine andere Freundin, die eben gerne genauso einen Hut trug (auch Dessous), das Plakat geschenkt hatte. Wobei ich gestehen muss: Hut und Dessous standen Lena Olin besser.
Und ich muss gestehen: Als ich damals den Film das erste Mal sah, blieb in meiner Erinnerung mehr von der Liebesgeschichte und den erotischen Details hängen als von dem dramatischen Hintergrund, der der Geschichte ihre Dynamik verleiht: dem Prager Frühling, dessen Ende vor 58 Jahren durch die Panzer des Warschauer Pakts besiegelt wurde.
Der Prager Frühling
Im Frühjahr 1968 versuchte die Tschechoslowakei unter der Führung des Reformkommunisten Alexander Dubček, einen eigenen Weg innerhalb des sozialistischen Systems zu gehen.
Der Begriff, den Dubček dafür prägte, lautete „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Es war kein Aufruf zur Abschaffung des Sozialismus, sondern der Versuch, ihn menschlicher zu machen: mit mehr Pressefreiheit, mehr Meinungsfreiheit, mehr Reisefreiheit und mehr Raum für öffentliche Debatten.
Doch genau darin, so scheint es mir, lag die eigentliche Sprengkraft dieser Bewegung. Denn Freiheit beginnt nicht erst dort, wo ein anderes politisches System eingeführt wird. Freiheit beginnt dort, wo Menschen wieder selbst denken dürfen.
Die Reformen führten zu einer neuen Offenheit in der Gesellschaft. Schriftsteller, Journalisten, Studenten und Künstler diskutierten öffentlich über die Zukunft ihres Landes. Eine kritische Öffentlichkeit entstand – und mit ihr eine Idee, die für jede autoritäre Macht gefährlich ist: Menschen könnten ihre eigene Meinung entwickeln. Macht fürchtet die Gedanken freier Menschen.
„Prager Frühling“ als Name für diese Bewegung, für diesen Gedanken, der ein ganzes Land bewegte, prägten westliche Medien in Anlehnung an Ilja Grigorjewitsch Ehrenburgs Roman „Tauwetter“.
Die Nacht, in der die Panzer kamen
Vor 58 Jahren, in der Nacht zum 21. August 1968, überschritten Truppen des Warschauer Pakts – angeführt von der Sowjetunion, unterstützt unter anderem von Soldaten der DDR und polnischen, ungarischen und bulgarischen Einheiten – die Grenzen der Tschechoslowakei.

Am Morgen erreichten die ersten sowjetischen Panzer Prag, um eine Bewegung aufzuhalten, die keine Armee besaß und keine Gewalt plante. Es waren Panzer gegen Zeitungen, Panzer gegen Diskussionen, Panzer gegen die Vorstellung, dass ein Volk selbst entscheiden könnte, wie es leben möchte.
Dubček und weitere Reformer wurden verhaftet und nach Moskau gebracht. Hardliner wie Karel Hoffmann, der frühere Kultur- und Informationsminister und damalige Direktor der Zentralverwaltung für Fernmeldewesen, arbeiteten den Invasoren zu. So ließ Hoffman die Sender des Tschechoslowakischen Rundfunks abschalten – ein Versuch der moskautreuen Kräfte, die Kontrolle über die öffentliche Kommunikation zurückzugewinnen.
Dieser Versuch misslang, der Drahtfunk, der nicht in seinem Zuständigkeitsbereich lag, funktionierte weiter, und ab vier Uhr morgens gingen die regulären Sender, ein Triumph der freien Meinungsäußerung und ein Affront gegen Moskau, wieder auf Empfang.
Der Rundfunk war mehr als ein Medium, er war das Symbol dafür, dass Menschen noch miteinander sprechen konnten. Er war die Stimme der Menschen, die sich für die Freiheit einsetzten. Diese Menschen stellten sich den Truppen entgegen, errichteten Barrikaden und versuchten, diese Stimme zu schützen. Sie versammelten sich vor dem Haupteingang des Funkhauses in der Vinohradská-Straße, knapp 200 Meter oberhalb des Wenzelsplatzes, um dieses vor den Invasoren zu beschützen. Gegen 7.30 Uhr meldete der tschechoslowakische Rundfunk, das Sendegebäude sei durch Panzer umstellt, wobei die von Prager Bürgern errichteten Barrikaden aus leeren LKW, Bussen oder Straßenbahnen niedergewalzt wurden und die sowjetischen Soldaten von ihren Kalaschnikows Gebrauch machten. Gegen 9 Uhr drang Militär in das Gebäude ein.
Am ersten Tag der Invasion starben zahlreiche Tschechen und Slowaken bei den Auseinandersetzungen.
Der Prager Frühling wurde militärisch beendet, es begann die Zeit der sogenannten „Normalisierung“.
Erst Jahrzehnte später, in der Samtenen Revolution von 1989, kehrten viele der Gedanken hinter dem Prager Frühling zurück: die Forderung nach Würde, Offenheit und einem Leben, in dem Menschen nicht nur verwaltet, sondern ernst genommen werden.
Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
Als ich mich mit dem Prager Frühling beschäftigte, habe ich mir „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ noch einmal vorgenommen – nicht den Film, sondern das Original, den Roman von Milan Kundera.
Das Drama von Freiheit und Widerstand, das Kundera hinter der Liebesgeschichte entfaltet, packte mich dieses Mal mehr als damals, als mich das Äußere Lena Olins von den politischen Geschehnissen und den inneren Konflikten der Figuren ablenkte.
Ich verstand nun, dass Kundera nicht einfach die Geschichte einer politischen Niederschlagung erzählt, sondern die leisere, komplizierte Geschichte davon, wie Menschen unter Druck und im Angesicht der Unterdrückung erst herausfinden, wer sie eigentlich sind.
Wie Menschen herausfinden, wie bereit sie sind, es zu riskieren, selbst zu denken und entsprechend zu handeln. Wie wir lernen, oder an dieser Aufgabe scheitern, trotz Unterdrückung unsere Würde zu bewahren.
Mehr über Prager Frühling und Widerstand im Sandwirt:
„Vom Sündenbock“ von Immo Sennewald


