Berlin zurück in die Geschichte
„Hier begann die schwierigste Zeit meines Aufenthaltes mit dem Ziel, mich zum Sterben zu bringen. Zellen im Keller ohne Fenster, heiß bis 45 Grad. …“ – So beschrieb Stanislaw Trabalski die Zeit seiner Haft in Berlin-Hohenschönhausen.
In einem Brief schilderte der Leipziger Sozialdemokrat außerdem die etwa 1,20 Meter langen Schlafpritschen, einen eingebauten Geräuschapparat, die Kaltluftzufuhr, die ständigen Zellenkontrollen im Abstand von wenigen Minuten und die verweigerte ärztliche Behandlung. Trabalski wusste, wovon er sprach: Er war seit 1914 Sozialdemokrat, hatte während der NS-Zeit für die illegale SPD gearbeitet und war 1945 Vorsitzender des SPD-Bezirksvorstands Leipzig geworden. Nach der Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED geriet er zunehmend in Konflikt mit der neuen Einheitspartei und wurde mehrfach verhaftet, weil er in einem freien Deutschland leben wollte, was die von den Sowjets gesteuerten Bonzen zu verhindern wussten.
Am 20. November 1952 wurde Trabalski nach Hohenschönhausen gebracht. Vorgeworfen wurde ihm schließlich „Kriegs- und Boykotthetze“; 1954 verurteilte ihn das Bezirksgericht Rostock zu sechseinhalb Jahren Zuchthaus. Erst 1956 kam er durch eine Amnestie frei. Die politische Konstruktion hinter dem Vorwurf war dabei entscheidend: Trabalski war für die SED längst ein politischer Gegner geworden, und der Vorwurf des „Sozialdemokratismus“ sollte ihn auch später noch verfolgen.
1960 wurde er erneut vom Ministerium für Staatssicherheit inhaftiert, diesmal ausdrücklich wegen des Vorwurfs, „Sozialdemokratismus“ zu betreiben. Insgesamt verbrachte er mehr als acht Jahre aus politischen Gründen in Gefängnissen der sowjetischen Besatzungszone und DDR.

Die Fortsetzung des DDR-Programms
Dabei war Hohenschönhausen nur einer von mehreren Orten dieser brutalen, politischen Haft. Bautzen II wurde ab 1956 zur Sonderhaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit und diente bis 1989 als Hochsicherheitsgefängnis für Regimekritiker, Republikflüchtlinge, Fluchthelfer und andere politische Gefangene; viele Häftlinge wurden dort jahrelang isoliert.
Auch Bautzen I, das „Gelbe Elend“, Waldheim und weitere Haftorte stehen für ein System, in dem politische Abweichung strafrechtlich verfolgt und Menschen durch Haft gebrochen werden sollten. Und doch könnten die Nachfolger dieser Gangster, die Gangster-by-proxy ausgerechnet in der Stadt von Hohenschönhausen, von Berlin, stärkste Kraft werden. Die Partei heißt heute „Die Linke“ und steht in Umfragen mit 21 Prozent auf Platz eins, vor CDU, AfD, Grünen und SPD.
Die Linke fordert weiterhin ganz im Geiste der SED eine weitgehende Verlagerung von Eigentum aus privaten in öffentliche Hände: Sie unterstützt die Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne und will in Berlin Wohnungsunternehmen mit mehr als 3.000 Wohnungen in öffentliches Eigentum überführen. Parteibeschlüsse sprechen ausdrücklich von der „Beschränkung der Marktmacht und Vergesellschaftung der Immobilienkonzerne“ und vom Ziel, Teile der Wirtschaft der Profitlogik zu entziehen. Honecker, Ik hör dir trapsen!
Die Geschichtsvergessenheit angesichts des unerträglichen Leids scheint, was die „SED-DDR-LINKE-Bande“ angeht, Konzept zu haben. Denn zur Geschichte dieser Partei gehören eben auch die Enteignungen, die politische Verfolgung und das systematische Zurückdrängen privaten Eigentums. In den fünfziger Jahren wurden Bauern, Unternehmer und andere Eigentümer unter dem Druck der SED-Politik enteignet oder zur Aufgabe ihrer wirtschaftlichen Selbstständigkeit gezwungen; 1972 wurden in einer konzertierten Aktion mehr als 11.000 Betriebe verstaatlicht. Insgesamt waren mehr als 580.000 Beschäftigte von dieser letzten großen Verstaatlichungswelle betroffen, was auf kurz oder lang Arbeitslosigkeit bedeutete.
Hohenschönhausen und der Preis der Freiheit
Und trotzdem könnte diese Partei in Berlin wieder an die Spitze der politischen Macht gelangen. Noch bemerkenswerter ist, wer ihr dabei helfen könnte: die SPD. Ausgerechnet jene Partei, der der gefolterte Stanislaw Trabalski einst angehörte, könnte in einem Bündnis mit Linken und Grünen den Weg zu einem linken Senat ebnen. Dass einige Jahrzehnte später Sozialdemokraten darüber nachdenken könnten, der Rechtsnachfolgerin dieser SED politische Macht in der deutschen Hauptstadt zu verschaffen, ist ein historischer, vor allem aber ein moralischer Widerspruch, der auf den Rücken der Opfer und ihrer Angehörigen ausgetragen wird.
Geschichte ist eben kein Museumsstück, was im DDR-Museum zu Berlin ausgestellt wird und das man einmal im Jahr bei einer Gedenkveranstaltung betrachtet und anschließend wieder vergisst. Erinnern ist angewandte Politik, um die schrecklichen Taten nie wieder geschehen zu lassen.
Stanislaw Trabalskis Zellen in Hohenschönhausen sind daher viel mehr als ein historischer Ort: Sie erinnern daran, wohin ein autoritärer Staat gelangen kann, wenn politische Macht, wirtschaftliche Kontrolle und die Verfolgung vermeintlicher Gegner in einem System zusammenfallen.
Sie erinnern daran, dass Freiheit auch bedeutet, Eigentum, politische Überzeugung und die Freiheit zum Widerspruch gegen die Regierung zu schützen, selbst wenn es zum eigenen, persönlichen Risiko wird.
Und sie warnen davor, dass die Nachkommen der Täter, die auch noch die Chuzpe hatten, das SED-Vermögen, welches auf Blut und Tränen aufgebaut wurde, verschwinden zu lassen, in Berlin stärkste Kraft werden könnten.


