Auf dem Plattenspieler: Guns N’ Roses

Künstler: Guns N’ Roses

Song: „Better“ – erschienen auf dem Album „Chinese Democracy“, 2008 Geffen Records

Michael Jackson veröffentlichte 1982 mit „Thriller“ das bis heute meistverkaufte Album der Musikgeschichte. Rund 750 000 Dollar sollen die Produktionskosten betragen haben. Bei über 70 Millionen verkauften Exemplaren hat sich das Investment jedoch eindeutig ausgezahlt.

Das meistverkaufte Debütalbum aller Zeiten kommt aus einer ganz anderen musikalischen Ecke: Guns N’ Roses’ „Appetite for Destruction“. Die Produktionskosten dieser Platte beliefen sich auf etwa 370 000 Dollar, während sie sich 30 Millionen Mal verkaufte.

Zeitweise hielten Guns N’ Roses noch einen weiteren Rekord: Ihr sechstes Studioalbum „Chinese Democracy“ galt lange als teuerstes Rockalbum der Geschichte. Stolze 13 Millionen Dollar verschlang das Projekt, fast 17-mal so viel wie „Thriller“ also, und etwa 35-mal so viel wie „Appetite for Destruction“. Über ein Jahrzehnt dauerte die Produktion der Platte. Verkauft wurden allerdings … rund vier Millionen Einheiten. Vier Millionen.

Wie konnte ausgerechnet eine der erfolgreichsten Rockbands aller Zeiten so lange an einer Platte arbeiten, so viel Geld investieren und damit trotzdem so weit hinter den eigenen Erfolgen zurückbleiben?

„Chinese Democracy“ stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Nach den großen Erfolgen der ersten Alben wollten Slash und Axl Rose in unterschiedliche Richtungen: Slash setzte auf den geradlinigen Rock ’n’ Roll, der Guns N’ Roses groß gemacht hatte. Rose wollte den Sound dagegen mit größeren Arrangements und immer neuen Veränderungen weiterentwickeln. Seine Arbeitsweise setzte sich durch – und nach zwei Jahren war noch immer kein einziger Song fertig. Dadurch wurden aus den musikalischen Differenzen zunehmend auch persönliche Konflikte.

1996 verließ Slash die Gruppe schließlich. 1997 wurde Matt Sorum gefeuert, kurz darauf ging auch Duff McKagan. 1999 war Axl Rose das einzige verbliebene Mitglied der ursprünglichen Band.

Genau ab diesem Punkt ging der Wahnsinn erst richtig los: Die Aufnahmen von „Chinese Democracy“ wurden zu einer Drehtür aus Besetzungswechseln, Gastmusikern, Produzenten und neuen Songversionen. Die Kosten schlugen daher an allen Stellen gleichzeitig ordentlich zu Buche.

Rose sparte nicht an der Technik: Er experimentierte wiederholt mit neuem Equipment, dessen Anschaffung teuer war und für dessen Bedienung zusätzlich jeweils spezialisierte Fachleute benötigt wurden.

Auch bei den Musikern wurde nicht gespart: Wer Robin Finck von Nine Inch Nails und den exzentrischen Gitarristen Buckethead ins Boot holt, hat sich selbstverständlich keine günstigen Verpflichtungen eingekauft. Den legendären Brian May von Queen für ein Gitarrensolo hinzuzuziehen, dürfte ebenfalls ins Geld gegangen sein – besonders wenn dieses später gar nicht auf dem Album landete.

Bei Besetzungswechseln wurden sogar bereits fertiggestellte Songs erneut eingespielt. Die neuen Musiker sollten so an das Niveau ihrer Vorgänger herangeführt werden. Bereits investierte Studiozeit musste dadurch mehrfach wiederholt werden.

Selbst bei den Produzenten nahm der Wechsel kein Ende: Zunächst war Mike Clink beteiligt, der bereits „Appetite for Destruction“ produziert hatte. Später folgten unter anderem Roy Thomas Baker, Produzent von Queens „Bohemian Rhapsody“, und Bob Ezrin, der bereits mit Pink Floyd und Alice Cooper gearbeitet hatte.

So wurde aus Perfektionismus ein System, das sich selbst immer weiter verlängerte. Bis 2008 waren mehr als zehn Musiker sowie über 20 Produzenten, Ingenieure und Assistenten beteiligt. Aufgenommen wurde in 14 Studios in vier Städten.

Als „Chinese Democracy“ Anfang 2008 einmal mehr für das Jahresende angekündigt wurde, warteten die Fans bereits geschlagene 17 Jahre auf neue Musik von Guns N’ Roses. Rund 14 davon war das Album selbst in Arbeit. Seine Veröffentlichung wurde in dieser Zeit so oft angekündigt und wieder verschoben, dass die Ankündigungen längst zum Running Gag geworden waren.

Im November 2008 wurde „Chinese Democracy“ tatsächlich endlich veröffentlicht. Objektiv gesehen war die Platte keineswegs erfolglos: Sie stieg in den USA auf Platz drei ein und verkaufte sich in der ersten Woche mehr als 250 000 Mal. Für die meisten Rockbands wären das unglaubliche Zahlen. In diesem Fall jedoch stand dahinter eine Geschichte, die die Bilanz in ein gänzlich anderes Licht rückte.

Für viele Fans klang die Platte kaum noch nach Guns N’ Roses. Effekte, zusätzliche Gitarrenspuren, elektronische Elemente und zahllose nachträgliche Bearbeitungen ließen den ursprünglichen Band-Sound weit hinter sich. „Chinese Democracy“ wurde daher eher als Axl Roses persönliches Werk denn als Guns-N’-Roses-Album wahrgenommen.

Kein Track verkörpert diese ganze Geschichte besser als „Better“. Der Song existierte bereits Anfang der 2000er-Jahre und wurde damals schon live gespielt, später jedoch mehrfach verändert. 2006 tauchte er schließlich in einem Werbespot auf, nachdem es zu vertraglichen Unklarheiten gekommen war – ganze zwei Jahre vor dem Album.

Auch musikalisch steckt „Chinese Democracy“ in diesem einen Song. „Better“ verbindet klassischen Hard Rock mit bluesigen und elektronischen Elementen, zahlreichen Übergängen und Effekten auf der Stimme. Hochpoliert und technisch aufwendig, hat die Nummer mit dem ursprünglichen Guns-N’-Roses-Sound allerdings nur noch wenig gemein.

„Chinese Democracy“ ist damit fast ein kleines Lehrstück über Freiheit: Wo Menschen selbst über ihre Arbeit, ihr Eigentum und ihre Entscheidungen bestimmen, entstehen unterschiedliche Ideen, die miteinander konkurrieren und sich weiterentwickeln.

Je mehr Entscheidungen dagegen von einer zentralen Stelle getroffen werden, desto stärker wird auch das Ergebnis von Anfang an vorgegeben. Dabei gehen gerade jene Ideen und Lösungen verloren, die niemand vorher hätte planen können. Vielfalt und Wettbewerb bringen Ergebnisse hervor, die eine einzelne Stelle gar nicht hätte vorausdenken können.

Für ein Rockalbum gilt das gleichermaßen wie für eine freie Gesellschaft.

Hören Sie hier „Better“ von Guns N’ Roses.

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