Die drei Fragezeichen: Ein Refugium der Normalität 

Seit mehr als 20 Jahren füllen die Protagonisten eines Hörspiels Hallen mit Tausenden Fans: die drei Fragezeichen. Lange bevor mehr oder weniger begabte Podcaster den Einfall hatten, mit Live-Veranstaltungen Geld zu verdienen, waren Oliver Rohrbeck, Jens Wawrczeck und Andreas Fröhlich, wie die drei inzwischen gar nicht mehr jugendlichen Jugendlichen im realen Leben heißen und die in bald fünf Dekaden ganze zwei Jahre gealtert sind. Da bekommt der Begriff „reife Leistung“ eine völlig neue Bedeutung.

Was das Detektivteam aus Rocky Beach ebenfalls zu einem Novum in der deutschen Jugendbuch- und Jugendhörspielszene macht, ist die Tatsache, dass das Autorenteam woke Zeitgeistthemen, ganz im Gegensatz zu vielen Konkurrenten, zu ignorieren scheinen. Dabei sind die Geschichten keineswegs politisch inkorrekt, sie sind einfach gänzlich normal, ohne den dirigistischen Moral-Zeigefinger des Belehrens, den der Deutsche doch allzu gerne schwingt. 

In der Folge „Schüsse aus dem Dunkeln“ gibt es zwei homosexuelle Paare. Diese drängen sich aber nicht aufgrund ihrer unmaßgeblichen Sexualität in den Vordergrund, sondern sie sind einfach so, wie sie sind. Den Beziehungsstand des einen Paares klärt sich übrigens mit einem einzigen, simplen Satz, den jeder, ob 8 oder 88, versteht: „Ich liebe ihn.“

Noch prägnanter ist der Fall „Hexenhandy“. In einer zugegebenermaßen etwas trashigen, aber nicht minder unterhaltsamen Folge treffen Justus, Peter und Bob auf die Vorzimmerdame Monique Carrera. Im Laufe der Geschichte stellt sich heraus, dass die Lady eine Transperson ist. Auch hier genügt ein Satz der Erklärung vom ersten Detektiv, der unmissverständlich klarmacht, dass es sich bei Monique Carrera um eine echte Transfrau handelt, die, ohne es beim Wort zu nennen, an Geschlechtsdysphorie leidet und dass auch keine Missverständnisse auftreten könnten, sie litten an etwas Non-Binärem oder sonstigem Schabernack. 

Gut, im Jahr 2001, in dem die Folge aufgenommen wurde, gab es diese kruden Spielarten woker Wortakrobatiken noch nicht, was aber keinen Unterschied macht, denn damals wie heute gibt es keine non-binären Menschen. Zwischen 0 und 1 mag es allerhand geben, doch sicherlich nicht Kopfgeburten in aller Regel reizloser Damen mit Professuren in Zeitgeistwissenschaften. Wahlweise schreiben sie auch für die Süddeutsche Zeitung.

Disclaimer bei bösen, alten Folgen 

Mit solchen Petitessen woker Protagonisten begeben sich die drei Fragezeichen nicht ab. In „Die Spur des Spielers“ bringt der Fall Jugendlichen wie erwachsenen Hörern vorurteilsfrei und fast nebenbei den Kalten Krieg nahe, ein Thema, welches aktueller nicht sein könnte, während „Das brennende Schwert“ vor dem blinden Gehorsam in Sekten warnt, etwas, was sich ebenfalls auf aktuelle radikale Glaubensrichtungen übertragen lässt. 

Natürlich gibt es mal bessere, mal weniger gute Geschichten, „Vampir im Internet“ ist zum Beispiel ganz und gar furchtbar. Dennoch verzichten die Autoren auf einen belehrenden Duktus, der dieser Tage ohnehin den Zenit erreicht zu haben scheint. Im Gegenteil: Als die drei Fragezeichen mehr oder minder wider Willen in der Folge „Der grüne Kobold“ ein veganes Hotel aufsuchen, erklärt die Besitzerin die Vorzüge fleischloser Ernährung unter anderem mit der „Klimakrise“. Doch sodann wird sie von ihrer genervten Tochter unterbrochen, sie solle doch ihre Gäste nicht mit ihren Vorträgen belästigen. Kleiner Spoiler: Zum Ende hin stellt sich heraus, dass die Gute gar nicht mal so vegan lebt. Doch auch das erfolgt nicht in einem Akt politischer Inkorrektheit, sondern, weil es schlicht zur Handlung passt.

Natürlich beinhalten ältere Folgen auch etwas derbere Sprüche. So bezeichnete Auftraggeber Mr. Prentice in „Der Karpatenhund”, den der erste Detektiv als „netten, älteren Herrn“ bezeichnete, die penetrant neugierige Hausmeisterin als „widerwärtiges Weibsstück“. Das ist nicht nur gar nicht nett, sondern veranlasste auch Streaming-Dienste bzw. den Verlag, diese, wie die Folge „Schwarze Katze“, die angeblich rassistisch sei, dazu, diese Hörspiele mit einem Warnhinweis zu versehen. So sei das Werk „ein Produkt seiner Zeit“, welches „diskriminierende Darstellung“ enthalten kann, die „in der Gesellschaft zu wenig in Frage gestellt wurden“. Des Weiteren seien jegliche Art von Diskriminierung heute wie damals falsch und passe nicht in eine vielfältige und gleichberechtigte Welt. Dankenswerterweise habe man sich dennoch entschlossen, „das Hörspiel in seiner ursprünglichen Form zu belassen und die kulturellen Versäumnisse nicht zu verbergen“.

Davon abgesehen, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass sich irgendwer, ob 8 Jahre oder 88 Jahre alt, sich auch nur ein bisschen von diesem Disclaimer beeindrucken lässt, ist die Herrenreiterattitüde dieser Sätze bemerkenswert. Die Warner sind sich sicher, den verstaubten Deppen von anno dazumal heute kulturell überlegen zu sein, daher wähnen sie sich auch im Besitz der Gnade, das Hörspiel in seiner „falschen“ Form zu belassen und die „Versäumnisse“ nicht zu verbergen. Diese unglaubliche Überheblichkeit formulieren Leute, die Gendersternchen für die aktuelle Speerspitze der kulturellen Emanzipation halten. Diese viel beschworene Vielfalt ist in Wahrheit eine kaum erträgliche Arroganz und eine Herabsetzung vergangener kultureller Leistungen.

Haltung vor Qualität 

Doch in Zeiten, in denen in weiten Strecken mittelmäßige, weil unleserliche Werke aus der Regenbogenliteratur den großen Sowjet abgelöst haben, dürfte einen das eigentlich nicht wundern. Apropos: Die erwähnte Transfrau Monique Carrera wird von Popikone Amanda Lear gesprochen, eben jene Diva, die aus ihrem Geschlecht bis heute ein Geheimnis macht. Als sie am Ende der Folge den Bösewicht mit einem gezielten Handkantenschlag außer Gefecht setzt, betont sie auf Nachfrage, dass sie auf einem gewissen Internat Karate belegt hatte, worauf Peter entgegnet, dass dies doch ein Jungeninternat sei. Mrs. Carrera beginnt gedämpft zu lachen, während die Schlussmelodie ertönt; das Hörspiel ist vorbei. So einfach kann es sein. Ging es nach der Woke-Schickeria, bräuchte es vermutlich heute einen Discloser von fünf Minuten, um dabei das Thema Trans einzuordnen. Doch „Das Hexenhandy“ löst dies, wie es sich für Literatur gehört: literarisch.

Wer Literatur, also auch ein Hörspiel, versucht, einzig aufgrund einer Haltung, und mag sie noch so wünschenswert sein, zu erschaffen, begeht zwei Fehler: Erstens wirkt man entsetzlich unsympathisch weil von oben herab, und zweitens sind die Werke mit hoher Wahrscheinlichkeit qualitativ minderwertig, eben weil man kein Werk, sondern eine bestimmte politische Agenda vor Augen hat. 

Bei Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews aus Rocky Beach spielt das bislang keine oder allenfalls in Nuancen eine Rolle. Vielleicht sind die drei Fragezeichen daher, mindestens für fortlaufende Hörspiele und Jugendbücher, eines der letzten Refugien der Normalität.

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