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Ich war noch nie in New York. Ich bin überhaupt noch nie über den großen Teich in die Staaten geflogen. Was ich von Amerika weiß und denke, habe ich aus zweiter und dritter Hand. Aus den Nachrichten, vor allem aber aus Filmen und Songs und Büchern. Und was ich auch erfahre, lese und sehe – und ich erfahre, sehe, höre und lese eigentlich mehr Gegenteiliges –, ein Eindruck, ein Gedanke, der beinahe schon ein Gefühl ist, bleibt immer gleich stark: Amerika ist das Land der Freiheit.
Ob dieser Satz nun wahr ist oder nicht, ob das „Land of the Free“, der freien Menschen, ein Traum oder eine Illusion ist: Egal! Es bleibt dabei: Amerika ist das Land der Freiheit.
Warum? Weil die USA keine Realität sind, sie sind ein Symbol. Nicht für die Freiheit selbst, will mir scheinen, sondern für die Hoffnung auf Freiheit. Für den Traum von Freiheit, den so viele Menschen auf so viele unterschiedliche Weisen träumen. Ein Traum, eine Hoffnung, die sich für viele Menschen nicht oder noch nicht erfüllt, ohne die sie aber nicht leben wollen.
Hoffnung ist einer der stärksten Antriebe für Menschen und enorm widerstandsfähig gegenüber der Realität. Und kaum ein anderes Bauwerk steht mehr für diese Hoffnung als die vor 140 Jahren eingeweihte amerikanische Freiheitsstatue.
Am 28. Oktober 1886 war es so weit: Die mit Sockel insgesamt knapp 93 Meter hohe Freiheitsstatue in New York, ein Geschenk Frankreichs an die Vereinigten Staaten, wurde von US-Präsident Grover Cleveland eingeweiht. Offiziell trägt sie den Namen „Liberty Enlightening the World“, im Volksmund ist sie als „Lady Liberty“ bekannt, auf Französisch heißt sie „La Liberté éclairant le monde“ („Die Freiheit, die die Welt erleuchtet“).
Die Freiheitsstatue steht zwischen New York City und Jersey City auf Liberty Island im New Yorker Hafen. Seit 1924 gehört sie zum Statue of Liberty National Monument, seit 1984 zählt sie zum Weltkulturerbe der UNESCO. Geschaffen hat sie der elsässische Bildhauer Frédéric-Auguste Bartholdi aus Colmar als neoklassizistische Kolossalstatue.
Auf einem massiven Sockel erhebt sich die in Roben gehüllte Figur der Libertas, der römischen Göttin der Freiheit. Sie besteht aus einer Kupferhülle auf einem Stahlgerüst. Mit der rechten Hand reckt sie eine vergoldete Fackel in den Himmel, in der linken hält sie eine Tabula ansata, eine Schreibtafel, auf der das Datum der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung eingraviert ist. Zu ihren Füßen liegt eine zerbrochene Kette, ein stilles, aber unmissverständliches Zeichen für überwundene Unterdrückung.
Bis heute zählt die Freiheitsstatue zu den höchsten Statuen der Welt – bis 1959 war sie sogar die höchste überhaupt.

Die Wurzeln des Projekts reichen zurück ins Frankreich der 1860er-Jahre. Der französische Jurist und Politiker Édouard René de Laboulaye hatte die Idee für ein Monument zu Ehren der amerikanischen Unabhängigkeit, das ein gemeinsames Werk der Völker Frankreichs und der Vereinigten Staaten sein sollte.
Wegen der angespannten politischen Lage in Frankreich – Kaiserreich, Krieg gegen Preußen, die Wirren der Pariser Commune – begannen die eigentlichen Arbeiten an der Statue jedoch erst in den frühen 1870er-Jahren.
Die Franzosen wollten die Statue finanzieren. Die Amerikaner sollten den Sockel und den Bauplatz übernehmen. Was heute wie ein historisches Gemeinschaftsprojekt erscheint, drohte zwischenzeitlich an etwas sehr Profanem zu scheitern: an fehlendem Geld.
Bartholdi präsentierte zunächst einzelne Teile der Statue bei Ausstellungen. Der Kopf und der Fackelarm wurden öffentlich gezeigt, noch bevor die Statue vollständig fertiggestellt war. In Amerika aber stockte die Finanzierung des Sockels.
1885 drohte das Projekt endgültig zu scheitern.
Dann kam Joseph Pulitzer ins Spiel, der Herausgeber der Zeitung New York World. Er startete eine große Spendenkampagne. Nicht nur wohlhabende Amerikaner sollten sich beteiligen. Auch kleine Spenden wurden veröffentlicht und damit zu einem Teil der Geschichte gemacht.
Am Ende war es tatsächlich eine große Zahl einzelner Menschen, die halfen, den Sockel zu finanzieren. „Die Freiheit“ braucht Menschen, die sie wollen, unterstützen und manchmal auch gegen Widerstände verwirklichen.
Fertiggestellt wurde die Statue schließlich in Frankreich, wo sie zunächst probeweise zusammengebaut wurde, um Passform und Statik zu prüfen. Danach zerlegte man sie wieder in ihre Einzelteile, verschiffte diese über den Atlantik nach New York und setzte die Statue dort auf der damals noch „Bedloe’s Island“ genannten Insel erneut zusammen.
Ein Detail aus jenen Tagen ist bis heute lebendig: Als der Einweihungszug am Gebäude der New York Stock Exchange vorbeikam, warfen Börsenhändler spontan Papierstreifen von Börsentickern aus den Fenstern auf die Straße. Unter anderem aus diesem improvisierten Moment der Begeisterung entwickelte sich eine New Yorker Tradition, die bis heute lebendig ist: die Konfettiparade, wie sie etwa bei Siegesfeiern von Sportmannschaften entlang des „Canyon of Heroes“ gefeiert wird.
Für die Millionen Einwanderer, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert an ihr vorbeifuhren, war die Freiheitsstatue das erste sichtbare Zeichen einer neuen Welt, ein Versprechen, das sich nicht immer erfüllte, das aber trotzdem trug: Ihr seid angekommen an einem Ort, an dem ein Mensch noch einmal anfangen kann. Wo Herkunft nicht alles bestimmen muss. Wo der Sohn eines Einwanderers Präsident werden kann. Wo ein Mensch sein Leben selbst in die Hand nehmen darf. Angekommen im Land der Freien!
Die zerbrochene Kette zu Füßen der Lady Liberty erzählt bis heute von diesem Versprechen – unabhängig davon, wie oft die Wirklichkeit dahinter zurückbleibt.
Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung verkündete 1776, dass „all men are created equal“ seien und dass zu den unveräußerlichen Rechten „Life, Liberty and the pursuit of Happiness“ gehörten: Leben, Freiheit und das Streben nach Glück.
Und gleichzeitig existierte in den Vereinigten Staaten die Sklaverei. Die Freiheit wurde verkündet und zugleich Millionen Menschen verweigert.
Auch später blieb der Widerspruch bestehen. Die amerikanische Geschichte ist voller Beispiele dafür, dass der Anspruch der Freiheit und die gesellschaftliche Wirklichkeit auseinanderfielen: bei der Diskriminierung Schwarzer Amerikaner, bei der Behandlung indigener Bevölkerungsgruppen, bei der Ausgrenzung von Einwanderern und in vielen anderen Bereichen.
Die Hoffnung ist enorm widerstandsfähig gegenüber der Realität. Die Fackel der Freiheitsstatue scheint diese Hoffnung immer wieder neu zu entzünden. Die Hoffnung auf Freiheit und darauf, dass sich der amerikanische Traum erfüllt: Das eigene Leben ist nicht vollständig durch Geburt, Herkunft, Stand oder Vergangenheit festgelegt. Man kann sich neu erfinden und ein Mensch muss nicht bleiben, was die Welt aus ihm gemacht hat. Jeder Mensch ist seines Glückes Schmied und frei zu gewinnen, frei zu scheitern.
Lang lebe Amerika! Die Hoffnung stirbt eben zuletzt. Jedenfalls meine.
Mehr zu Amerika im Sandwirt:
„Der Niedergang der amerikanischen Demokratie“ von Stefan Blankertz

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