Die Königin der Kleider wird geboren

Meine Oma erzählte mir einmal, wie befreiend das für sie gewesen war, sich endlich schöne Kleider selbst nähen zu können, die sie sich sonst nie hätte leisten können: Denn in der Burda erschienen Schnittbögen, die ihr genau zeigten, wie das ging.

Meine Mutter erzählte, wie sehr sie es als Teenager gehasst hatte, dass meine Oma darauf bestand, für meine Mutter passende Kleider zu nähen („Kleider, die Mama für mich passend fand!“). Und wie befreiend es für Sie gewesen war, sich die erste eigene Jeans kaufen zu können.

Zwei Generationen, zwei Frauen – und für mich eine der ersten Lektionen darin, wie unterschiedlich sich ein Freiheitsgeschehen interpretieren lässt. Oder andersherum gesagt: Wie das, was als Freiheit verstanden wird, an unterschiedlichen Erfahrungen, an Interpretationen, an Kultur und Geschichte hängt.

Was für meine Großmutter der befreiende Zugang zu eleganter, erschwinglicher Mode war, wurde für meine Mutter zum Symbol mütterlicher Bevormundung und eines altmodischen Modegeschmacks, gegen den sie rebellieren wollte. Und beide Sichten waren untrennbar mit demselben Namen verbunden: Burda-Moden und ihrer Schöpferin, der vor 117 Jahren geborenen Aenne Burda.

Sie machte sich einen Namen

Aenne Burda wurde am 28. Juli 1909 in Offenburg als Tochter eines Lokomotivheizers und einer streng katholischen und sparsamen Wirtschafterin geboren. Ihr Geburtsname war Anna Magdalene. Ihren späteren Rufnamen „Aenne“ gab sie sich mit 17 selbst nach ihrem Lieblingslied „Ännchen von Tharau“.

Aenne hatte einen eigenen Kopf und war durchsetzungsstark. Das zeigt unter anderem die Anekdote, dass sie nicht, wie ihre Geschwister und die anderen Eisenbahnerkinder, auf die gewöhnliche Volksschule gehen wollte. Sie wollte auf die Klosterschule, die den höheren Töchtern vorbehalten war, und also ging sie auf die Klosterschule. Wobei ihre Kleidung ihre Herkunft aus einfachen Verhältnissen verriet: So konnte sie sich keine Schuhe mit Ledersohlen leisten und trug genagelte Sohlen. Dass sie deswegen vor der Klasse ermahnt wurde, traf sie tief und spornte sie bei ihrem Wunsch an, ein besseres Leben zu führen.

1929 lernte sie Frank Burda kennen, promovierter Volkswirt, Sohn eines Offenburger Druckereibesitzers, dessen Nachfolge er nach der Gesellenprüfung als Drucker und dem Tod des Vaters angetreten hatte. Das Paar bekam drei Söhne (1932, 1936, 1940).

Franz Burda war erfolgreich, er entwickelte den Drei-Mann-Druck-Betrieb zum Medienunternehmen mit mehreren Zeitungen. Dabei profitierte er, er trat 1937 in die NSDAP ein, von seinen Kontakten zu den herrschenden Nationalsozialisten. 1938 konnte er im Zuge der Arisierung eine der modernsten Druckereien Deutschlands von den jüdischen Brüdern Reiss in Mannheim übernehmen.

Dass seine Frau die Nazis für „Kriminelle“ hielt, wie Peter Köpf, Autor der Unternehmensgeschichte „Die Burdas“, in der TAZ schreibt, hielt ihn nicht davon ab, sein Zeitungsunternehmen bis 1945 auszubauen. 

Ein Erfolg, an den er auch nach dem Krieg anknüpfen konnte. Oder wie es in der „Geschichte von Burda“ steht: „Er war ein Visionär und einer der Väter des deutschen Wirtschaftswunders. In den 1970er- und 1980er-Jahren baute er neue Druckereien in den USA, und Burda wurde zum größten Tiefdrucker der Welt in dieser Zeit.“

Für Aenne Burdas eigene verlegerische Karriere entscheidend war das Jahr 1949: Sie hatte schon lange davon geträumt, ein eigenes Modemagazin ins Leben zu rufen und zu führen. Franz Burda erwiderte: „Meine Frau arbeitet nicht!“

Doch dann erfuhr Aenne Burda, was halb Offenburg bereits wusste, dass ihr Mann eine Affäre hatte. Und nicht nur, dass er mit seiner Geliebten einen unehelichen Sohn hatte, er hatte seiner Geliebten zudem auch einen Modeverlag finanziert.

Nun sah Aenne Burda ihre Chance gekommen. Auch eine Chance, sich von den Rollenklischees, in die sie als Frau und Mutter hineingepresst wurde, zu lösen. Sie stellte ihren Mann vor die Wahl: Entweder Scheidung oder er überschreibt ihr den Verlag seiner Geliebten.

Sie erhielt den Verlag.

Schnittmuster für Millionen

Im Verlag arbeiteten zunächst lediglich 48 Beschäftigte, überwiegend Frauen. Im Januar 1950 erschien die erste Ausgabe von Burda Moden. Zwei Jahre später folgte die Idee, die den Unterschied machte: großformatige Schnittmusterbögen zum Herausnehmen. Das Prinzip war zwar nicht neu, doch Aenne Burda machte daraus ein Massenprodukt. Plötzlich konnten Frauen Mode, die sie aus Paris oder Mailand bewunderten, zu Hause selbst nachnähen. Die Burda-Schnittmuster eröffneten Millionen Frauen die Möglichkeit, sich modisch zu kleiden, ohne reich zu sein.

Der Erfolg war überwältigend. Bereits Mitte der 1960er Jahre verkaufte sich Burda Moden mehr als eine Million Mal pro Ausgabe.

Was mir meine Oma als Befreiung schilderte, müssen viele Frauen so empfunden haben, ein Gefühl, über das eigene Äußere selbst bestimmen zu können – unabhängig vom Geldbeutel.

In den folgenden Jahrzehnten erschien das Magazin in über achtzig Ländern und sechzehn Sprachen und wurde zum Synonym für selbstgemachte Mode.

Aenne Burda arbeitete mit Karl Lagerfeld zusammen, empfing Gäste wie Romy Schneider und Ella Fitzgerald, war mit Andy Warhol befreundet und brachte ihre Mode bis nach Russland. 

1987 erschien Burda Moden als erste westliche Frauenzeitschrift offiziell in der Sowjetunion. Für viele sowjetische Frauen bedeutete das Heft weit mehr als Mode. Es brachte Farben, Stoffideen und einen Hauch westlichen Lebensgefühls in einen von Mangelwirtschaft geprägten Alltag. Die Auflagen waren sofort vergriffen, Schnittmuster wurden kopiert, weitergegeben und oft dutzendfach nachgenäht.

Die Fashionshow 1987 im berühmten Säulensaal des Gewerkschaftshauses in Moskau, auf dem Höhepunkt der Perestroika gemeinsam mit Raissa Gorbatschowa, war auch ein politisches Statement. Möglich wurde dies auch durch die Reformpolitik Michail Gorbatschows. Zwischen ihm und Aenne Burda entwickelte sich ein respektvoller persönlicher Kontakt. 

Burda erkannte früh, dass Mode und Kultur Brücken schlagen konnten, wo Politik oft an Grenzen stieß. Dass ausgerechnet Schnittmuster zu kleinen Botschaftern der Verständigung zwischen Ost und West wurden, gehört zu den ungewöhnlichsten Geschichten der deutschen Nachkriegsgeschichte.

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Emanzipationsfigur wider Willen

Aenne Burda selbst verstand sich nie als Feministin. Sie kämpfte nicht für Frauenrechte auf der politischen Bühne, sondern für ihren eigenen Erfolg.

„Ich würde nie einem Mann Untertan sein“, sagte die Verlegerin in einem Interview, das in den Achtzigern mit ihr geführt worden war. Mit der größten Selbstverständlichkeit sagte sie auch: „Ich bin absolute Matriarchin.“

Das machte sie für viele Frauen zum Vorbild, ihre eigenen Wünsche und Träume ernster zu nehmen. Sie bewies, dass eine Frau in einer von Männern dominierten Wirtschaft nicht nur bestehen, sondern ein internationales Unternehmen aufbauen konnte. Als sie sich in den 1960er Jahren im Fernsehen selbstbewusst neben Politikern, Unternehmern und Staatsmännern präsentierte, war das keineswegs selbstverständlich.

Meiner Großmutter imponierte das und sie wertschätzte die Bedeutung von Aenne Burda, der „Königin der Kleider“, wie sie einmal genannt wurde, für ihr eigenes Leben. Wer selbst nähen konnte, war unabhängiger, konnte sparen und dennoch modisch auftreten. Für meine Mutter war das, was sich die älteren Frauen erkämpfen mussten, bereits selbstverständlicher. Sie focht andere Kämpfe der Befreiung aus.

Mode kann Freiheit sein. Aber Freiheit, so unterschiedlich ihr Gehalt, ihre Form, ihre Reichweite auch verstanden werden kann, ist nie einfach eine Mode. Für Freiheit gibt es keinen Schnittbogen.

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