Auf dem Plattenspieler: Mort Garson

Künstler: Mort Garson

Album: Mother Earth’s Plantasia – erschienen 1976, Homewood Records

Was klingt wie aus einem Fantasy-Roman, ist tatsächlich wissenschaftlich belegt: Ein Baum kann seine Nachbarn um Hilfe rufen. Wird er etwa von Schädlingen befallen, können benachbarte Pflanzen die Gefahr wahrnehmen, ihre Abwehrmechanismen aktivieren und den betroffenen Baum teilweise sogar mit Wasser und Nährstoffen unterstützen.

Möglich wird diese erstaunliche Form der „Kommunikation“ durch chemische Signale in einem unterirdischen Netzwerk aus feinen Pilzfäden, das die Wurzeln zahlreicher Bäume und Pflanzen miteinander verbindet: das sogenannte „Wood Wide Web“.

Ein Wald ist also weit mehr als eine Ansammlung einzelner Bäume: Unter der Oberfläche verbirgt sich ein lebendiges, miteinander verbundenes Ökosystem.

Die Vorstellung, dass Pflanzen über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügen könnten, faszinierte Menschen schon lange vor ihrer modernen Erforschung. Besonders in den 1970er-Jahren, als im Zuge der Hippie-Bewegung Naturverbundenheit an Bedeutung gewann, stießen solche Ideen auf großes Interesse – und kaum eine Idee war zu absurd, um ihr nicht zumindest eine Chance zu geben. Dazu gehörte auch die, dass Pflanzen Musik wahrnehmen könnten.

Der Musiker Mort Garson griff diese Vorstellung auf. Daraus entstand eines der wohl außergewöhnlichsten Experimente der Musikgeschichte: „Mother Earth’s Plantasia“, ein elektronisches Album, das nicht für Menschen, sondern ausdrücklich für Zimmerpflanzen komponiert wurde.

Auch der Vertriebsweg passte zu diesem ungewöhnlichen Konzept: Das Album wurde nicht im Plattenladen verkauft, sondern ausschließlich als Beigabe beim Kauf einer Zimmerpflanze in einem Blumenladen in Los Angeles weitergegeben; fast wie Düngemittel.

Die Geschichte hinter dieser bizarren Platte beginnt einige Jahre zuvor …

Zunächst war Garson vor allem als Songwriter und Arrangeur für die junge Musikszene der 1950er- und 1960er-Jahre tätig. Dabei gelang ihm sogar ein Nummer-eins-Hit in den USA: der 1962 veröffentlichte Track „Our Day Will Come“, den er für Ruby & the Romantics schrieb.

Als er 1967 den Ingenieur Robert Moog kennenlernte, nahm seine Karriere jedoch eine entscheidende Wendung. Moog hatte kurz zuvor den ersten kommerziell erhältlichen Synthesizer entwickelt und damit elektronische Klänge erstmals aus der Welt der Forschungseinrichtungen geholt. 

Das Instrument eröffnete professionellen Musikern völlig neue Möglichkeiten. Künstler wie Wendy Carlos veröffentlichten komplette Alben mit dem Synthesizer, und spätestens als die Beatles ihn auf mehreren Titeln ihres Albums „Abbey Road“ einsetzten, wurde er weltbekannt.

Doch der Zugang zu dieser neuen Klangwelt blieb begrenzt – ein Moog war teuer, riesig und kompliziert zu bedienen. 1969 gehörte Mort Garson zu nur 28 Privatpersonen weltweit, die einen eigenen besaßen. Zudem hatte Garson einen entscheidenden Vorteil: Die Einführung erhielt er direkt vom Erfinder persönlich.

Garson entfernte sich zunehmend vom klassischen Popsongwriting und widmete sich immer ungewöhnlicheren Projekten, bei denen er die Möglichkeiten des Instruments ausprobierte. Den Anfang machte seine psychedelische Neuinterpretation von „Der Zauberer von Oz“. Der wohl größte Moment seiner Karriere folgte schließlich, als er die Musik komponierte, die die Fernsehübertragung der Mondlandung von Apollo 11 begleitete.

Genau zu dieser Zeit, Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre, war die Hippie-Bewegung in seiner Heimat Los Angeles omnipräsent: Naturverbundenheit, alternative Lebensentwürfe und die Suche nach neuen Erfahrungen prägten den Zeitgeist. In diesem Zuge wurden auch Zimmerpflanzen zu einem regelrechten Trend, und neue Pflanzengeschäfte schossen vielerorts wie Pilze aus dem Boden. Eines davon war die „Mother Earth’s Plant Boutique“, geführt von dem Ehepaar Lynn und Joel Rapp.

Erneut war es Garsons persönliches Netzwerk, das eine entscheidende Rolle spielte: So wie ihm zuvor der Kontakt zu Robert Moog eine völlig neue musikalische Welt eröffnet hatte, führte ihn nun die Verbindung zum Ehepaar Rapp zu einem Projekt, das seine Karriere erneut in eine unerwartete Richtung lenken sollte. Die Betreiber des Pflanzengeschäfts suchten nämlich nach einem Musiker, der Stücke komponieren sollte, die Pflanzen beim Wachstum unterstützen könnten.

Daraus entstand schließlich „Mother Earth’s Plantasia“. Und nicht nur der Ansatz und der Vertriebsweg waren besonders, auch musikalisch war es ein faszinierendes Projekt.

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Den besonderen Klang der Platte prägten vor allem die Möglichkeiten und Grenzen des Moog-Synthesizers: Das Instrument konnte immer nur einen einzigen Ton gleichzeitig erzeugen, weshalb Garson jede Stimme einzeln aufnehmen und anschließend übereinanderlegen musste. So entstanden komplexe Klanggeflechte aus mehreren unabhängigen Melodien, die sich gegenseitig ergänzen.

Hinzu kam eine weitere Besonderheit. Anders als moderne Keyboards besaß das Instrument keine fertigen Klänge. Es gab keine Einstellung für Klavier, Trompete oder Streicher – jeder einzelne Sound musste mithilfe verschiedener Module von Hand entwickelt werden. Für jedes Stück entwickelte er also eine völlig eigene Klangwelt.

Doch trotz dieses einmaligen Ansatzes geriet die Platte kurz nach ihrer Veröffentlichung zunächst in Vergessenheit. Da sie ausschließlich als Beigabe im Pflanzengeschäft der Rapps verteilt wurde, existierten nur wenige Exemplare, von denen viele im Laufe der Jahre verloren gingen oder beschädigt wurden. Obwohl Garson zuvor bedeutende Erfolge gefeiert hatte und bis zuletzt Werbespots und Filmmusik komponierte, blieb gerade dieses besondere Album eines seiner unbekanntesten Werke.

2008 verstarb Mort Garson. Rund zehn Jahre später begann jedoch die unerwartete Wiederentdeckung von „Plantasia“: Ein Sammler lud das Album auf Youtube hoch – und aus diesem einzelnen Upload entwickelte sich langsam eine treue Fangemeinde.

Die neue Begeisterung für das vergessene Album führte schließlich sogar dazu, dass Garsons umfangreiche Tonbandarchive nach dem originalen Masterband durchsucht wurden. Tatsächlich konnte es gefunden werden, sodass „Plantasia“ neu gemastert und stolze 43 Jahre (!) nach seiner ursprünglichen Veröffentlichung 2019 erstmals regulär im Handel erschien.

Ob Pflanzen jemals Gefallen an der Musik gefunden haben und ob sie ihnen tatsächlich beim Wachstum half, bleibt ungeklärt, und darf zumindest bezweifelt werden. Sicher ist jedoch: Mort Garson war seiner Zeit weit voraus. Jahrzehnte vor der heutigen Ambient-Musik für Konzentration und Entspannung komponierte er bereits solche Musik – für ein Publikum, das weder Eintritt bezahlte noch applaudierte.

„Plantasia“ ist vor allem ein Werk, das kompromisslos einer außergewöhnlichen Idee folgt. Vermutlich ist es genau diese Mischung aus Neugier, Experimentierfreude und einer künstlerischen Freiheit, die sich konsequent verwirklicht, die das Album heute faszinierender wirken lässt als je zuvor.

Und wie das „Wood Wide Web“ zeigt auch die Geschichte von „Plantasia“, dass unsichtbare Verbindungen manchmal Dinge möglich machen, die zunächst kaum vorstellbar erscheinen …

Hören Sie hier „Mother Earth’s Plantasia“ von Mort Garson in voller Länge.

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Der nächste Gang …

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