Willkommen in meinem Albtraum!
Tagesgericht: Heute vor 78 Jahren wurde Alice Cooper geboren
„School’s out forever! School’s out forever!“, was haben wir damals diesen Song von Alice Cooper rund ums Abi auf den Partys gespielt. Mindestens so oft wie „Hurra, hurra, die Schule brennt“ von Extrabreit. – Wobei mir die punkige Attitüde der deutschen Band weniger lag als der theatralische Rock von Alice Cooper. Warum? Eben wegen dieser Theatralik, die sich auch in den extravaganten, Grand-Guignol-haften Bühnenshows mit ihren Horrorelementen zeigte.
Für mich war damals diese mit ins Comichafte abgleitenden Schockelementen spielende Haltung befreiend. Die Musik, die Texte, diese Stimmung, das Drama, all das erlebte ich als den Alltag überschreitende Erfahrung.
Ähnlich wie manche Horrorfilme (der Schöpfer des Zombie-Genres, Georg R. Romero, ist übrigens am gleichen Tag geboren wie Alice Cooper) war diese Musik eine Auszeit von meinem sonstigen Leben – eine, so gefährlich die Musik und die Filme auch anmuteten, ungefährliche Auszeit. Ich konnte den Videorekorder ja jederzeit ausschalten, jederzeit die Nadel von der Platte nehmen.
Dennoch waren „School’s Out“, „No More Mr. Nice Guy“ (klar, so nett wie ich immer war) und auch „Steven“ von der LP „Welcome To My Nightmare“, ein gruseliger Song, der mir aber half, Abstand von den eigenen Dämonen zu nehmen, ein wichtiger Teil meiner persönlichen Emanzipationsgeschichte.
Heute vor 78 Jahren am 4. Februar 1948 wurde Alice Cooper als Vincent Damon Furnier in Detroit, Michigan, geboren.

Makaber-theatralisch befreiend
Aufgewachsen ist Vincent in einem streng religiösen Umfeld, als Sohn eines Predigers, was rückblickend wie ein ironischer Kommentar der Kulturgeschichte wirkt: Ausgerechnet aus diesem Milieu sollte eine der provokantesten Figuren der Rockmusik hervorgehen. Das hat mich immer ein wenig an die Vita von Nietzsche erinnert.
„Alice Cooper“ war zunächst nicht der Name eines Einzelnen, sondern der einer Band, die sich Ende der 1960er Jahre formierte. Furnier war ihr Sänger, ihr Frontmann, aber noch nicht jene ikonische Kunstfigur, die später ganze Arenen bevölkern sollte.
Die frühe Phase der Band war von Misserfolgen geprägt. Erst als der kanadische Produzent Bob Ezrin auf die Gruppe aufmerksam wurde, änderte sich alles. Ezrin verstand, was in dieser Band steckte: nicht nur Musik, sondern ein Gesamtkunstwerk. Er half, die Songs zu schärfen, Strukturen einzuziehen, Refrains zu setzen – ohne der Band ihren anarchischen Kern zu nehmen.
Mit „School’s Out“ und „Billion Dollar Babies“ gelang Anfang der 1970er Jahre der internationale Durchbruch. Doch es waren nicht allein die Platten, die Alice Cooper berühmt machten, sondern die Shows.
Die Bühnenshows der Band wurden legendär. Da wurde Cooper in Zwangsjacken gesteckt, ließ sich auf der elektrischen Bühnen-Guillotine enthaupten oder baumelte am Galgen – immer mit diesem halb wahnsinnigen, halb selbstironischen Grinsen im Gesicht. Konservative Kräfte waren entsetzt, Elternverbände forderten Boykotte.
Alice Cooper, „The Godfather of Shock Rock“, wie ihn seine Fans bald nannten, verkörperte die Freiheit, alle gesellschaftlichen Tabus zu brechen, und seine Shows waren ein Spiegel, der den Zuschauern ihre eigenen Ängste und verdrängten Impulse vorhielt.
Welcome to My Nightmare
Die Band löste sich 1974 auf. Doch Vincent Furnier ließ die Kunstfigur Alice Cooper nicht sterben. Er adoptierte den Namen vollständig und machte als Solokünstler weiter. „Welcome to My Nightmare“ (1975), sein erstes Solo-Album, bewies, dass Alice Cooper auch ohne die Band funktionierte. Der Titelsong und das gesamte Album waren ein Konzeptwerk über Albträume, Paranoia und die dunklen Ecken der Psyche – genau die Themen, die mich damals so faszinierten. Und ich finde, dieses Album und vor allem der Song „Steven“, sind nicht weit entfernt von „The Wall“ von Pink Floyd.
Alice Cooper hat in den folgenden Jahrzehnten Höhen und Tiefen erlebt: massive Alkoholprobleme, ein fast schon klassischer Absturz, aber auch eine bemerkenswerte Rückkehr. Er erfand sich immer wieder neu, ohne sich selbst zu verraten. Musikalisch blieb er wandelbar, kulturell anschlussfähig und doch stets erkennbar. Sein Einfluss auf nachfolgende Generationen ist kaum zu überschätzen. Künstler wie Ozzy Osbourne, King Diamond, Marilyn Manson, GWAR oder Lordi haben das theatralische Moment des Schocks weitergeführt – jeder auf seine Weise, aber alle auf den Schultern von Alice Cooper stehend.
Alice Cooper und seine Musik lehrten mich, dass Freiheit auch bedeuten kann, mit den eigenen Dämonen zu spielen, sie auf eine Bühne zu zerren und ihnen dort die Macht zu nehmen. Katharsis nannten das die alten Griechen. Und deswegen ist für mich „School’s out forever“ nicht nur ein Hymnus auf das Ende meiner Schulzeit, sondern ein Weckruf für alle, die sich nicht in vorgegebene Formen pressen lassen wollen.
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