Vom Aufstieg, Fall und erneutem Aufstieg der Rockmusik

Kennen Sie eigentlich den Lipsi? Falls Sie davon bisher nichts gehört haben, kann ich Sie beruhigen, der Tanzschule Ihres Vertrauens geht es wahrscheinlich ähnlich. Denn der Lipsi ist tatsächlich ein Tanz. Er wurde Ende der 50er Jahre in der DDR im Auftrag der Staatsführung entwickelt, um dem aufkommenden Rock ‘n‘ Roll etwas entgegen zu setzen. Allerdings verschwand der Lipsi wie so viele Dinge, die vom Staat verordnet wurden, wieder so schnell in der Versenkung wie er gekommen war. 

Eines blieb allerdings bis zum Ende der DDR: Die Angst der Parteiführung vor der Rockmusik. 

Doch auch im Westen, wo man gerade in den 50ern gerne Wert auf eine „Heile-Welt-Romantik” legte, war man skeptisch. Man sprach von „Hottentottenmusik“, die nur für „Wilde“ geeignet sei. Die Vorbehalte waren durchaus berechtigt: Für die 68er Generation war die Rockmusik ein wichtiger Bestandteil ihres Protestes. Hinzu kam, dass eine Band wie die Rolling Stones als Gefahr für die Jugend galt. In den 70er Jahren erschienen dann noch wildere und bizarrere Bands auf der Bildfläche. Black Sabbath, Kiss, Alice Cooper, Deep Purple und die Punkwelle waren die neuen Feindbilder der besorgten Eltern. Doch es sollte alles noch viel schlimmer kommen.

Die wilden 80er

Anfang der 80er wurde dann der Heavy Metal aus Schmutz, Rebellion und dem Streben nach Glamour geboren und brachte immer härtere Bands hervor, die mit Satan, Blut und Sex kokettierten. Bands wie Mötley Crüe sangen nicht nur von Sex and Drugs and Rock ‘n‘ Roll, sie lebten all dies auch bis zum Exzess. Beispielsweise war der Bassist Nikki Stixx nach einer Überdosis Heroin für einige Minuten klinisch tot. Nachdem er im Krankenhaus erfolgreich wiederbelebt wurde, entließ sich Nikki kurzerhand selbst und bat zwei Fans, die vor dem Krankenhaus um sein vermeintliches Ableben trauerten, ihn nach Hause zu fahren. Dieses Erlebnis hat er dann in dem Song „Kickstart My Heart“ verarbeitet. Wie man sich vorstellen kann, waren viele Eltern junger Heavy-Metal-Fans schockiert und sahen ihre Kinder auf dem direkten Weg in die Hölle. 

Während die SED, vor allem in Person des Stasichefs Erich Mielke, zunehmend hilflos auf die diversen rockbegeisterten Jugendbewegungen reagierte, formierte sich in den USA prominenter Widerstand gegen den Heavy Metal. Angeführt von Tipper Gore (Ehefrau von Al Gore) wurde die PMRC gegründet, die es sich zur Aufgabe machte, die traditionelle Werte zu verteidigen, die angeblich durch die Rockmusik bedroht wurden. Es folgten Maßnahmen und Aktionen, die man heute grob als „Cancel Culture“ bezeichnen würde. 

Trauriges Highlight war der Gerichtsprozess um die Band Judas Priest der vorgeworfen wurde, versteckte Botschaften in ihren Texten zu verstecken und so zwei Fans zum Selbstmord angestiftet zu haben. Die Band wurde letztendlich freigesprochen. 

Aber nicht nur die Interpreten waren das Ziel der Moralapostel. Als in Schweinfurt 1988 das legendäre Monsters-of-Rock-Festival gastierte, war die Aufregung groß: Fans sollen am Vorabend in der Stadt randaliert haben. Einige Zeitungen sprachen gar von kriegsähnlichen Zuständen und sogar die Tagesschau berichtete von über 2000 Rockern, die in der Stadt mal ordentlich „die Möbel gerade rückten“. Letztendlich war alles halb so schlimm. Einige Festivalbesucher trafen sich in der Stadt um „Party zu machen“. Da keine Kneipe mehr geöffnet war, fanden diese Feiern auf der Straße statt. Mangels öffentlicher Toiletten wurden im besten Fall Gebüsche, im schlechtesten Vorgärten benutzt. Am Ende kam es zu 78 Festnahmen aus unterschiedlichen Gründen. Also, alles halb so wild. 

Rockmusik und vor allem der Heavy Metal stand schon immer für Auflehnung, Freizügigkeit in jeglicher Hinsicht und Freiheit. Je mehr man versuchte, die Musik zu unterdrücken oder zu dämonisieren, umso populärer wurde sie. Doch dann kamen die 90er.

Musik für Außenseiter

Anfang der 90er kam ich durch Alice Cooper zur Rockmusik und zum Heavy Metal. Die rebellische Attitüde und die gefährliche Aura der Bands hat mich sofort angesprochen. Besonders Guns n´ Roses hatten es mir angetan. Die Band galt damals als unberechenbar und gefährlich. Sie kamen zu spät zu Konzerten, zertrümmerten Hotelzimmer und provozierten die „Spießer“. 

Meine Eltern reagierten mit einer Mischung aus Besorgnis und Unverständnis auf mein neues Heavy-Metal-Fan-Dasein. Vor allem, als die Plattencover der Bands, die ich hörte, immer blutiger wurden. Es ist schwer den Reiz dieser Musik zu beschreiben. Er liegt in der Ehrlichkeit und Authentizität der Bands. Aber er liegt natürlich auch in dem Nischendasein, den der Heavy Metal seit seinem Erscheinen fristet. Quasi Musik von Außenseitern, für Außenseiter. 

Betrachtet man heute die einschlägigen Festivals, sieht man hauptsächlich ergraute Herren, die ihre Plattensammlung in einem Stahlkoffer durch die Gegend tragen um sich ihre Schätze signieren zu lassen. Richtige Nerds eben.

Aber zurück in die 90er.

Kurt Cobain ist schuld

Anfang der 90er zertrümmerten Rockstars immer noch fleißig Hotelzimmer und lebten die Rock ‘n‘ Roll-Dekadenz in vollen Zügen aus. Für viele gingen die 80er bis ca. 1992. Doch dann änderte sich etwas. Die Hauptfigur Randy the Ram aus dem Film „The Wrestler“ fasste es philosophisch mit folgenden Worten zusammen: „… bis diese Cobain-Schwuchtel kam und alles kaputt gemacht hat. Es ist doch nicht falsch eine gute Zeit zu haben. Nur damit das klar ist: Ich hasse die verfickten Neunziger!“ 

Fairerweise muss man sagen, dass die 90er nicht so schlimm waren und dass der arme Kurt Cobain nicht für das Verschwinden vieler 70er und 80er Bands verantwortlich war sondern meistens die Künstler selbst. 

Die Anbiederung an den musikalischen Zeitgeist, der exzessive Lebensstil und die aufkommende Political Correctness sorgten dafür, dass viele Bands in den 90ern in der Versenkung verschwanden. Erst Ende der 90er kam es zu einer riesigen Reunion-Welle, die der Rockmusik und vor allem dem Heavy Metal neues Leben einhauchte. 

Aus Chaoten werden Geschäftsleute

Bis heute touren die alten Helden aus den 70ern und 80ern mit gigantischen Bühnenshows fleißig durch die Welt. 

Aus den gefährlichen Rockbands sind inzwischen Geschäftsleute geworden, die pünktlich, nüchtern und fokussiert die Bühne betreten. Das ganze Konzertwesen ist inzwischen hoch professionalisiert und durchgetaktet.  

Es geht um Geld. Viel Geld. Trotz aller Euphorie über die vielen üppigen Tourneen wird immer wieder die fehlende Spontanität und Rock ‘n‘ Roll-Attitüde bei den durchgestylten Shows kritisiert. Die Musiker können es sich heutzutage einfach aufgrund diverser vertraglicher Verpflichtungen nicht mehr leisten, zu spät oder betrunken die Bühne zu betreten. 

Licht am Ende des Tunnels

Deshalb gelten im Jahr 2023 Rockmusiker und ihre Fans nicht mehr als gefährlich, sondern als schrullige Relikte vergangener Tage. Man denke nur an Vorzeige-Punker Campino von den Toten Hosen, der inzwischen im schlecht sitzenden Frack vom Bundespräsidenten zum Staatsbankett eingeladen wird. 

Außerdem sind für viele Fans Konzerte inzwischen zu Familienfesten geworden, auf denen man seinen Nachwuchs oder seine (geläuterten) Eltern mitnimmt. 

Ist die wilde Zeit der Rockmusik vorbei? Diese Musik gar am Ende? 

Nein, soweit sind wir noch lange nicht. In allen totalitären Staaten ist es immer noch verboten, diese Art der Musik zu hören oder zu verbreiten. Auch wenn die Konzerte heute professionell durchgetaktet sind, so erfüllen sie doch ihren Zweck. Für viele Menschen sind es zwei Stunden, in denen sie in Erinnerungen an bessere Zeiten schwelgen und aus ihrem Alltag ausbrechen können. Auch die Political Correctness hat dort wenig Platz. 

Außerdem hat man auf Konzerten einfach seine Ruhe vor nervigen Themen wie beispielsweise Habecks Heizungsgesetz, das Gendern oder vor Moralaposteln wie den Klimaklebern. Manchmal erlebt man auch besondere Momente: Letztes Jahr gab der ehemalige Iron-Maiden-Sänger und Vollzeit-Hooligan Paul Di´Anno ein Konzert in Deutschland. Dabei spielten sich groteske Szenen ab. Nicht nur, dass er sich nach einer Bein-OP einfach früher aus dem Krankenhaus entließ, um das Konzert zu spielen. Während der Show leerte er zusätzlich noch eine Flasche Whisky, um dann im Backstagebereich standesgemäß zu randalieren. Als dann der Krankenwagen eintraf, um den stark alkoholisierten Di´Anno abzuholen, zerlegte er unter wilden Drohungen auch noch diesen. 

Rock ‘n‘ Roll eben. 2023 immer noch lebendiger, lauter und relevanter, als es der Lipsi und seine Erfinder jemals waren. 

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5 Kommentare. Leave new

  • Wer das als “Musik” bezeichnet, hat m.E. keine Ahnung von Harmonie.

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  • Leider macht sich die woke Seuche auch im Heavy Metal zunehmend breit. Der linksradikale Epic Metal Blog badet sich etwa in Regenbogenfarben und klagt über zuviel Weisse auf Metalkonzerten. Das Rockhard und das Deaf Forever gendern immer weniger verstohlen. Speziell das DF meint, seine Leser zu Meinungen erziehen zu müssen, die auch vom Grünen Parteitag oder Georg Restle stammen könnten. Davor muss man nicht resignieren, aber man darf auch die Augen davor nicht verschließen.
    Frohen #Stolztag und ein mächtiges Hail And Kill

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    • Rob Alexander
      10. Juni 2023 10:26

      Ich habe mein Deaf Forever Abo deswegen tatsächlich gekündigt. Allerdings ist die Szene nach meiner Beobachtung, was Politik angeht, deutlich vielschichtiger.

      Grüße

      Antworten

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