Argumente für die Schweiz von Thorsten Kraemer
Herr Kraemer, können Sie uns kurz etwas über Ihren persönlichen Hintergrund erzählen? Woher kommen Sie in Deutschland, und was haben Sie dort beruflich gemacht?
Ich bin im Rheinland aufgewachsen und habe an der Universität zu Köln Betriebs- und Volkswirtschaftslehre studiert. Ich bin Gründer und Unternehmer gewesen und hatte zuletzt einen global investierenden Hedgefonds geführt.
Wann haben Sie den Entschluss gefasst, Deutschland zu verlassen, gibt es ein persönliches Schlüsselerlebnis oder eine Erinnerung, die Sie mit diesem Moment verbinden?
Ja, das hat es gegeben! Es war der 19. Juli 2011, als Frau Merkel ihr Wort brach und dem ursprünglich betragsmässig und auf drei Jahre limitierten Bailout-Fonds EFSF die Gründung des zeitlich und betragsmässig unbegrenzten Rettungsschirm ESM zur permanenten Eurorettung ankündigte. Dieser Wort- und erneute Rechtsbruch ist für mich der letzte Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat, das bereits durch Steuer- und Regulierungsexzesse, Atomausstieg und sonstigen ökosozialistischen Unsinn randvoll gefüllt gewesen war.
Hatten Sie schon vor Ihrer Auswanderung persönliche Verbindungen zur Schweiz, z. B. Familie, Freunde oder berufliche Kontakte?
Ja, eine ganze Reihe von Freunden aus meinem persönlichen Umfeld waren den Weg bereits zuvor gegangen und ich hatte auch damals bereits einige Schweizer Freunde.
Was waren die Hauptgründe, warum Sie Deutschland verlassen wollten? Waren es persönliche, berufliche, wirtschaftliche oder politische Gründe?
Berufliche Gründe gab es gar keine, sondern es war ein recht aufwendiger Prozess der Zerstörung und des kompletten Neuanfangs. Ich habe sämtliche in Deutschland gelegenen Vermögensgegenstände und Beteiligungen vor dem Wegzug liquidiert und versteuert, um einen klaren Cut zu machen, um nicht dem Theater einer weiteren steuerlichen Verhaftung mit Deutschlands repressivem Steuersystem ausgesetzt zu sein. Ausschlaggebend für die Wegzugsentscheidung waren vorausschauend antizipierte politische und wirtschaftliche Entwicklungen, wenngleich ich das Ausmass des Zerstörungswerkes von Frau Merkel und ihren Nachfolgern damals noch bei weitem unterschätzt habe.
Gab es in Deutschland Entwicklungen, die Sie als problematisch empfunden haben, und die Ihren Entschluss bestärkt haben?
Ja, Eurorettung, Sozialismus, eine deindustrialisierende Energie- und Wirtschaftspolitik und eine erodierende demokratische Kultur – der allgemeine Marsch in ein supranationalsozialistisches Gagaland, das keine Chance auf nachhaltigen Bestand in der Realität hat, und die auf einer massiven Durchbrechung der Gewaltenteilung basiert: 80 Prozent der verabschiedeten Rechtsnormen in Deutschland haben spätestens seit dem Lissabon-Vertrag ihren Ursprung in Brüssel und werden de facto von der Exekutive beschlossen. Ein parlamentarischer und gesellschaftlicher Diskurs bei Produktion und Umsetzung von EU-Rechtsnormen findet so gut wie nicht statt.
Die nationalen Parlamente sind dann ideologisierte linke Akklamationsveranstaltungen und arbeiten eher wie ein Unterschriftenautomat, wenn es um die Umsetzung von EU-Recht in nationales Recht geht. Das ist keine Demokratie mehr – höchstens noch ein Demokratierest, der nach wie vor unter Druck steht. Denken Sie an die Zensurorgien der EU-Kommission mit ihrem DSA und TTPA und den angestrebten demokratie- und verfassungsfeindlichen Zensurambitionen eines Daniel Günther.
Wie hat Ihr persönliches Umfeld (Familie, Freunde, Berufskollegen) auf Ihre Entscheidung reagiert?
Die Familie ermunternd und weitgehend unterstützend, bei Freunden reichten die Kommentare von viel Verständnis bis Kopfschütteln und Kommentaren wie «totale Überreaktion».
Wie lange haben Sie sich Zeit gegeben zwischen der Entscheidung und dem tatsächlichen Umzug in die Schweiz?
Es hat sechs Monate gedauert, um in Deutschland alles abzuwickeln und zu verkaufen. Ich benötigte eine Erlaubnis der BaFin, um meine Beteiligung an einem Finanzinstitut zu veräussern.
Was waren die ausschlaggebenden Faktoren, warum Sie sich ausgerechnet für die Schweiz entschieden haben?
Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und eine echte Demokratie gepaart mit einer auf Leistung und Korrektheit ausgerichteten Mentalität und ein im Vergleich zu EU-Ländern schlankes, wirklich subsidiär organisiertes Staatswesen mit niedrigen Steuern.
Wie haben Sie die Einreiseformalitäten, die Bürokratie und die Integration in der Schweiz empfunden? War der Prozess einfacher oder schwieriger, als Sie erwartet haben?
Das ist bemerkenswert einfach gewesen aufgrund einer perfekt und sehr zügig arbeitenden Bürokratie – nach wenigen Tagen war alles erledigt.
Gibt es etwas, was Ihnen nicht gefällt an der Schweiz oder was Sie stört?
Ich möchte Ihnen eine ehrliche Antwort geben und versuche für meine Verhältnisse diplomatisch zu sein! Diese gewisse Trödelkultur, die bisweilen auch wenig Rücksicht auf die Belange anderer nimmt. Ich meine damit weniger den unterschiedlichen Stil im Strassenverkehr, sondern dass es zum Beispiel doppelt so lange dauert, in Zürich in einen A320 einzusteigen wie nahezu überall sonst auf der Welt und dass es den Schweizern nichts auszumachen scheint, aus einer 30-minütigen Abflugverspätung eine 60-minütige zu machen – 15 Minuten durch genüsslich langsames Einsteigen, Gepäck verstauen und hinsetzen und nochmal 15 Minuten, weil dadurch der Abflugslot verloren ging. Kombiniert führt das dann dazu, dass zahlreiche Passagiere deshalb ihren Anschlussflug verpassen und auch alle anderen ihre Zeit verschwenden.

Seit wann leben Sie in der Schweiz? Was sind Ihre ersten Eindrücke von der Schweiz? Fühlen Sie sich bereits angekommen und integriert? Haben Sie den „Schweizer Pass”, wenn ja seit wann oder streben Sie diesen an?
Welche Erinnerungen haben Sie an den Einbürgerungsvorgang?
Ich lebe bereits seit 2012 in der Schweiz; für erste Eindrücke ist es deshalb ein wenig spät! Und ja, ich fühle mich gut angekommen und habe begonnen, mich in der Schweiz auch politisch und als Philanthrop zu engagieren. Ich bin bereits seit einiger Zeit Abonnent der SchweizerZeit und auch der Weltwoche. Ich habe noch keinen Schweizer Pass beantragt, aber ich neige inzwischen sehr dazu, meine Deutsche Staatsbürgerschaft aufzugeben – vor dem Hintergrund des absurden Selbstzerstörungskurses des Landes ist es mir inzwischen mancherorts bereits peinlich geworden, Deutscher zu sein. Wichtig wäre für mich allerdings, dass die Schweiz das EU-Rahmenabkommen, das in Wirklichkeit ein Unterwerfungsvertrag zur Unterminierung der Volkssouveränität ist, nicht ratifiziert.
Welche Rolle spielte die politische Neutralität der Schweiz bei Ihrer Entscheidung, hier zu leben?
Die Nichtmitgliedschaft in der EU war einer der Hauptgründe, in die Schweiz zu ziehen. Mit Neutralität ist die Schweiz sehr gut gefahren. Es gibt keinen Grund, daran etwas zu ändern – im Gegenteil! Der Supranationalsozialismus funktioniert nirgendwo!
Wie empfinden Sie eine Annäherung der Schweiz an die EU und die NATO?
Der Rahmenvertrag EU-Schweiz oder gar mehr wäre eine Katastrophe für das Land. Annäherung an die NATO sehe ich differenzierter – politisch nein, aber man kann eine umfassende Luftraum- und Raketenabwehr in der Schweiz nicht wirklich ohne Kooperation mit den wesentlichen Nachbarn und damit auch der NATO darstellen. Hierfür müssen intelligente Wege gefunden werden, die die Schweizer Souveränität und Neutralität erhalten.
Fühlen Sie sich in der Schweiz politisch und gesellschaftlich freier als in Deutschland?
Selbstverständlich! Es hat ein ganz anderes Bürger-Staats-Verständnis und Staatsverhältnis in der Schweiz. Die Stimmbürger haben als Volkssouverän das Sagen. In Deutschland ist man heutzutage Untertan in einem dysfunktionalen linken, neofaschistischen Machtsystem, das die freiheitlich demokratische Grundordnung des Bonner Grundgesetzes materiell bereits weitgehend abgelöst hat, wobei Inseln und Reste von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit durchaus noch existieren, sofern man die Mittel, die Kraft und die Motivation dazu hat, seine Rechtsposition noch konsequent zu behaupten und durchzusetzen. Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Gibt es deutliche kulturelle oder gesellschaftliche Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz, die Ihnen besonders aufgefallen sind? Gab es eine Sprachbarriere, die Sie überwinden mussten; wie kommen Sie mit der Sprache in Ihrem Kanton klar?
Leiser und höflicher, dezentraler, subsidiärer und deshalb mit mehr gesundem Menschenverstand ausgestattet, was ich alles als sehr angenehm empfinde. Ich bin kein Sprachgenie, aber verstehe Schwyzerdütsch inzwischen recht problemlos.
Inwiefern hat sich Ihr Leben seit dem Umzug verändert, sowohl beruflich als auch privat?
Über mein Privatleben äussere ich mich niemals öffentlich. Beruflich führe ich kein operatives Geschäft mehr, bin aber als Investor weltweit und daneben auch noch in zwei Verwaltungsräten tätig.
Konnten Sie schon einen Freundeskreis aufbauen in der Schweiz? Sind Sie gut angekommen?
Ja, den habe ich aufbauen können und ich fühle mich inzwischen als gut angekommen!
Gibt es etwas, das Sie aus Deutschland vermissen? Wie blicken Sie auf die Entwicklungen in Deutschland, seitdem Sie dort weggegangen sind?
Nein, ich vermisse nichts mehr. Es ist eher eine Tragödie, dabei zuzusehen, wie die ökosozialistischen Blockparteien mit einem abgewählten Parlament dem Land im letzten Jahr seinen industriellen und damit auch seinen wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Selbstmord per 2045 als Staatsziel in seine Verfassung geschrieben haben. Deutschland wird in der nächsten Dekade auf einen totalen Zusammenbruch seiner wirtschaftlichen und sozialen Ordnung zusteuern und es wird dieses Mal kein Wirtschaftswunder geben, das das Land innerhalb einer Dekade wieder aus dem Desaster führt, wie das im letzten Jahrhundert passiert ist. Traurig ist daran auch, dass man diesen Schritt trotz der historischen Erfahrungen erneut unilateral und von vermeintlich moralisch erhöhtem Territorium der besserwissenden Weltverbesserer aus gegangen ist. Wussten Sie, dass die Industrieproduktion in Deutschland im Jahr 2024 unter dem politischen Vandalismus schneller gesunken ist als 1944 unter alliiertem Flächenbombardement? Mehr sage ich dazu öffentlich besser nicht …
Gibt es ein Szenario, in dem Sie nach Deutschland zurückkehren würden?
Nein, das ist – besonders im Hinblick auf die Entwicklung Deutschlands in ein bettelarmes, deindustrialisiertes, sozialistisches, politisch zunehmend repressives und totalitäres Gemeinwesen – schlichtweg unvorstellbar. Ich könnte mir Argentinien vorstellen, wenn Präsident Javier Milei dieses einstmals ebenfalls wunderschöne Land in den nächsten sechs Jahren wieder zu einem prosperierenden Ort der Freiheit macht.
Vielen Dank, Herr Kraemer für das Gespräch und Ihre Erfahrungen, die Sie mit unseren Lesern teilen.
(Das Gespräch führte Michael R. Moser)



