Die Politisierung der Kunst
Wie kann ein zerstrittenes Staatswesen, wie können zerstrittene Völker zusammenleben? Die alten Griechen hatten mit den Olympischen Spielen einen Lösungsansatz. Sie waren einer der wenigen Anlässe, bei denen Feindschaften innerhalb eines religiös untermauerten Wettbewerbs ruhten. Gemeinsame Religion und gemeinsamer Sport boten abseits der Politik die Möglichkeit zum Austausch. Das galt auch innerhalb der Poleis, wo Tempelkult und Gymnasion als religiöse und sportliche Stätten dem sozialen Kitt dienten. Das römische Pendant zur griechischen Sportstätte waren die Thermen, die – anders als das Gymnasion – die gesamte Gesellschaft versammelten, inklusive der Sklaven.
Die Vorstellung, dass Religion und Zerstreuung – auch das Wort „Sport“ stammt aus dem Altfranzösischen „desport“, welches ursprünglich alle Formen der Freizeit vom Glücksspiel und Jagd bis zur körperlichen Ertüchtigung umfasste – in Abgrenzung zur Politik stehen, ist demnach alt. Bei religiösen Zeremonien müssen politische Konflikte ruhen; das gilt für das heidnische Rom wie für das christliche Mittelalter. Religion stiftet gemeinsame Identität, der unpolitische Wettbewerb untereinander räumt Spannungen aus der Gemeinschaft und löst sie „spielerisch“.
Die Überzeugung, dass der Sport zur Versöhnung beiträgt, führte bereits Francis Fukuyama, der das „Ende der Geschichte“ ankündigte, aufs Glatteis: In internationalen Wettkämpfen wie der Fußball-WM erblickte Fukuyama ein Lösungsmodell, wie die latenten Aggressionen auch im „Weltstaat“ gelöst werden könnten, indem Sportteams jene archaischen Bedürfnisse des Menschen befriedigen sollten, wie sie aus Gier und Ambition rührten. Kurz gesagt: Sport als Kriegsersatz.
Nun hat nicht nur die aktuelle Fußball-WM gezeigt, dass der Enthusiasmus für diese Form der „Zerstreuung“ und des „Wir-Gefühls“ (national wie international) massiv zurückgegangen ist. Schon in den letzten Jahren sucht die Fußballnation Deutschland nach einer Erklärung für das schwindende Interesse, die ganz im Kontrast zum „Sommermärchen“ von 2006 steht. Kommerzialisierung, Kader und Trends mögen Argumente sein. Die Erklärung, dass das „woke“ Auftreten der Nationalmannschaft einen Faktor bildet, ist nicht neu. Sie greift aber zu kurz: Die Wurzel liegt deutlich tiefer. Das Einbrechen des Politischen in die Schutzräume menschlicher Interaktion ist nämlich ein weitaus umfassenderes – und gefährlicheres Thema.
Die Politisierung der Freizeit zerstört Gemeinschaft
Man mag einwenden, dass Kultur und Religion schon immer Berührungspunkte mit der Politik hatten. Der springende Punkt ist jedoch nicht das Mäzenatentum bedeutender Fürsten zugunsten von Künstlern, die ihnen „nach der Nase“ schrieben oder die Vereinigung der weltlichen und geistlichen Macht in den Händen der Fürstbischöfe. Vielmehr geht es um den prinzipiellen Aufbruch von Gemeinschaften zugunsten der politischen Ideologie, die bis in den privatesten Bereich vordringt.
Selbst an Universitäten, die mittlerweile zu Hochburgen der ideologischen Spaltung geworden sind, war es noch vor anderthalb Jahrzehnten nicht unüblich, dass Studenten mit sehr divergierenden politischen Einstellungen miteinander studierten oder ihre Freizeit miteinander verbrachten, da es um gemeinsame Interessen ging. Diese Interessengemeinschaften bestimmten die Themen – nicht die politische Anschauung. In der Kunst gab es auch zuvor „politische Literatur“. Eine Norm jedoch, in einem Popcorn-Film für das Massenpublikum politische Botschaften unterzubringen – etwa in der Star-Wars-Trilogie, Indiana Jones oder Ghostbusters – gab es nicht. Es ist frappierend, dass sich in allen Fortsetzungen und Remakes dieser Klassiker jedoch eindeutig „politische Bekenntnisse“ finden lassen, was allein vor Augen führt, dass es sich nicht um die typische ideologische Beeinflussung handelt. Einen ähnlichen Trend gibt es in der Gaming-Industrie, die sich seit Jahren im Würgegriff eines Kulturkrieges befindet.
Die Politisierung des Privaten dringt demnach über die Freizeit ein. Die Gegenreaktion über dieses „Eindringen“ in die Schutzräume ist zwangsläufig: Wenn „eine Seite“ die Abmachung auflöst, den Schutzbereich von Politik freizuhalten, wird die „andere Seite“ damit antworten, dass auch sie nur noch ihre Anschauung gelten lässt. Aus dem neutralen Gemeinschaftsplatz wird ein ideologisches Schlachtfeld, in dem man um Hegemonie ringt. Die Folge ist zerstörerisch: Gemeinschaft ist bei divergierenden politischen Überzeugungen nicht mehr möglich. Während sich bei Giovannino Guareschi der katholische Landpfarrer Don Camillo und der kommunistische Bürgermeister Peppone am Ende zusammenraufen, weil für sie die Gemeinschaft den höchsten Wert hat, wird die Ideologie nun zum primären Faktor. Das heißt zugleich: Es kann nur eine Seite siegen, der Gegner wird zum „absoluten Feind“, den es auszumerzen gilt. Auch in dieser Hinsicht bestätigt sich die Beobachtung, dass die moderne Linke heute der eigentliche Vollstrecker von Carl Schmitts Ideen ist.

Vigilanten-Trash gegen „Wokysee“
Zwei Filmereignisse der jüngsten Vergangenheit mögen das veranschaulichen. Sie stehen beispielhaft dafür, dass nicht mehr der künstlerische Wert, sondern die ideologische Verortung der ausschlaggebende Grund für ihre Popularität ist. Auf der einen Seite fand Uwe Bolls Film Citizen Vigilante breite Unterstützung in einem Lager, das seine eigenen Ansichten bezüglich der verfehlten Migrationspolitik Europas bestätigt sah. Bolls Machwerk ist Trash. Daran haben selbst sehr viele Unterstützer keinen Zweifel. Und dennoch besteht der große Wunsch, den Film über einen psychotischen US-Killer, der ganze Migrantenfamilien in Sippenhaft hinrichtet, zu einem wichtigen Phänomen der Gegenwart zu erheben, ja, zu einem Film, der die tagesaktuellen Probleme endlich anfasst, der aufgrund seiner politisch inkorrekten Intonation „den Nerv der Zeit“ trifft. Also doch, der Film mag Müll sein, und er sei dennoch Kunst.
Solche schizophrenen Erklärungen lassen bereits erahnen, dass auch im „rechten Lager“ (was auch immer das sein soll angesichts dieser Geschmacksverirrungen) mittlerweile ein Habitus Einzug hält, der früher nur der „woken Linken“ attestiert wurde, nämlich die Verteidigung der Träger der eigenen Ideologie um jeden Preis, gleich, wie sehr diese irren. Es gilt nicht mehr die Frage nach Wahrheit oder Lüge, nach Schönheit und Hässlichkeit, nach dem Guten oder Bösen – der Zweck heiligt die Mittel, und dieselbe Heuchelei, die man jahrelang der Gegenseite vorwarf, ist plötzlich erlaubt, geht es doch darum, endlich die eigenen Ansichten auf Zelluloid wiederzufinden. Dass Citizen Vigilante keinen einzigen „Schwankenden“ in der Mitte davon überzeugen wird, dass sich grundsätzlich etwas an Massenmigration, Islamisierung und Migrantenkriminalität ändern muss, wird zugunsten der eigenen Theorie ausgeschaltet, dass der Film wachrüttele, schonungslos die Realität abbilde und abseits der rechten Intellektuellen endlich auf das Volk schaue und dieses anspreche; Argumente, die alle das Ziel verfehlen, weil er außerhalb des eigenen Saftes nichts in der Seele rührt – außer Abscheu und Fremdscham. Dass der Film und seine Anhänger das Anliegen desavouieren, ist ihnen gar nicht bewusst, weil die Bekämpfung des „Feindes“ absolut geworden ist.
Dieselben Muster zeigen sich bei Christopher Nolans The Odyssey. Über die Verunstaltung des Homerischen Stoffes wurde in den vergangenen Wochen genügend geschrieben; es soll an dieser Stelle nicht um die Verzerrung der homerischen Sprache, erfundener Plots, die Betonung von Diversität durch eine schwarze Helena (bei gleichzeitiger Aussparung von Schauspielern griechischer Herkunft), ein Wikingerboot in nordeuropäisch-grauem Setting, oder eine bewusst provokative Wahl von Requisiten und Kostümen gehen. Viel bezeichnender ist das Gaslighting von Filmverantwortlichen und Medien, die bei solcher Kritik es so darstellen wollten, als handele es sich nicht um berechtigte Kritik an einer Ideologie, die die europäische Geschichte dekonstruieren will, sondern lediglich um Trolle am rassistisch-rechtsextremistischen Rand. Die Denkmuster sind dieselben: The Odyssey kann ein künstlerischer Schiffbruch sein, solange sie aber die Ideologie des eigenen Lagers bedient, kann der Film dennoch mit wohlwollenden Rezensionen und Preisen überhäuft werden.
Da nützt es auch herzlich wenig, wenn einige Interpreten eine „christliche Deutung“ in Nolans Film sehen wollen, die entweder als „Trojanisches Pferd“ oder als „Unfall“ ihren Weg in die Darstellung gefunden haben soll. Das zutiefst materialistische Weltbild und die Psychologisierung von Traditionen und Gottheiten hat am Ende selbst die Feministin Emily Wilson zu Kritik veranlasst, auf deren Übersetzung Nolans Film mitbasiert. Dass Nolan diese Entscheidungen getroffen hat, weil ihm die DEI-Normen – Diversity, Equity and Inclusion – zur Preiserlangung wichtig waren, ist unübersehbar.
Propaganda vs. Kunst
Einen echten Kunstbegriff bedient aber keines der Formate. Kunst soll reinigen und führte früher die Menschen – etwa im griechischen Theater – zusammen. „Wachrütteln“ und „verstören“ sollte Kunst in dem Sinne, dass sie das Publikum zum „Denken“ bringt. Citizen Vigilante und The Odyssey bringen aber das Publikum nicht zum Denken. Sie impfen das Denken ein; sie wollen eine Idee einhämmern; das Denken also im Gegenteil abnehmen und ersetzen. Kunst, die nicht zum Denken bringt, sondern das Denken abnimmt, ist jedoch keine Kunst, sondern Propaganda. Das ist letztlich der Grund, warum sie so gemeinschaftszerstörend ist: Propaganda schüttet keine Gräben zu, sondern vertieft sie, bestätigt Menschen in ihren Vorurteilen und stigmatisiert Andersdenkende, die die Welt auf eine andere Weise interpretieren als die dargebotene.
Wenn diese Art von Kunst das Ergebnis von Kulturkämpfen ist, ist es für alle besser, dass gar keine politische Richtung die Kulturhegemonie erlangen darf. Das erste Ziel müsste sein, sie nach der Erringung wieder abzuschaffen. Denn nur dort, wo es keine ideologische Hegemonie gibt, kann Kunst tatsächlich gedeihen, statt sich in den Dienst der politischen Propaganda zu stellen. Aber das ist für alle „Lager“ ein zu schmerzhafter Gedanke. Wie sehr vermisst Europa seine Mäzene!


