Auf dem Plattenspieler: The Boomtown Rats
Künstler: The Boomtown Rats
Song: „I Don’t Like Mondays“ – erschienen auf dem Album „The Fine Art of Surfacing“, 1979 Columbia Records
1979 wird ein Lied über einen Amoklauf an einer Schule veröffentlicht. Und anstatt Kontroversen auszulösen, wird es zu einem Welthit: „I Don’t Like Mondays“ von den Boomtown Rats erklimmt international die Chartspitze und katapultiert die Band mitten in den Mainstream.
Selbst die Tatsache, dass der Songtext ein wörtliches Zitat der 16-jährigen Brenda Spencer enthält, die wenige Monate zuvor tatsächlich einen Amoklauf begangen hatte, steht dem Erfolg nicht im Weg. Im Gegenteil: Gerade dieses Zitat prägt das Lied und erweist sich als Erfolgsfaktor. Millionen Menschen singen fröhlich mit.
Wie in aller Welt war das möglich?
Alles begann mit einem schicksalhaften Tag: Am 29. Januar 1979 nahm Brenda Ann Spencer in San Diego ein halbautomatisches Gewehr, das ihr Vater ihr zu Weihnachten geschenkt hatte, und schoss aus dem Fenster ihres Hauses auf die gegenüberliegende Grover Cleveland Elementary School. Sie tötete zwei Menschen und verletzte acht Kinder sowie einen Polizisten.
Während sie sich noch im Haus verschanzt hatte, erreichte ein Reporter sie telefonisch und fragte, warum sie das getan habe. Ihre Antwort: „I don’t like Mondays. This livens up the day.“
Genau diese völlig banale Aussage als Antwort auf eine so extreme Gewalttat geht Bob Geldof, dem Songwriter und Sänger der Boomtown Rats, nicht aus dem Kopf, nachdem er sie in den Nachrichten gehört hatte. Er zückt kurzerhand Stift und Papier und macht genau das zum Kern einer neuen Nummer:
Tell me why?
I don′t like Mondays
I want to shoot
The whole day down
Die Boomtown Rats hatten Mitte der 70er-Jahre als irische Punkrockband gestartet, probierten sich zu dieser Zeit aber aus, weil sie aus ihrer bisherigen Sparte ausbrechen wollten. Jede ausgefallene Idee für das Album war daher willkommen: Es ging schlicht darum, sich auszuprobieren, um mit dieser Platte einen neuen Sound zu finden; Massentauglichkeit war gar keine Denkkategorie, entsprechend war auch diese Idee nicht „zu viel“.
Die Reaktion des Publikums während einer Tour, auf der sie wenige Monate später das neue Material ihres Albums „The Fine Art of Surfacing“ spielten, überraschte die Band schließlich: Kein Song kam so gut an wie „I Don’t Like Mondays“. Daraufhin wurde er als erste Single der Platte ausgewählt.
Zum Publikumsliebling wurde er jedoch keineswegs durch einen Schock-Effekt. Denn auch bei näherer Betrachtung des Textes ist kein klarer Handlungsablauf eines Amoklaufs zu erkennen: Kennt der Hörer die Geschichte, ist der Bezug unüberhörbar. Mit halbem Ohr hingehört, könnte der Song aber auch schlicht von einer 16-Jährigen handeln, die Montage ätzend findet.
Der Track überzeugt vielmehr durch seine eingängige Melodie und seinen sarkastischen Unterton, die die eigentliche Thematik kaum vermuten lassen. Auch die größtenteils fröhliche musikalische Untermalung verschleiert die Ernsthaftigkeit.
Hinzu kommt, dass Medien 1979 noch völlig anders funktionierten als heute – und wesentlich lokaler waren. Während Brenda Spencers Amoklauf in den Vereinigten Staaten ein großes Thema war, war er außerhalb des Landes deutlich weniger präsent. Viele Hörer verbanden „I Don’t Like Mondays“ daher schlicht gar nicht mit der Tat.
Aus einem tragischen Amoklauf wurde so also ein massenkompatibler Ohrwurm.

The Boomtown Rats blieben noch bis Mitte der 1980er-Jahre aktiv. 2013 kam es sogar noch einmal zu einer Reunion. An den Erfolg von „I Don’t Like Mondays“ konnten sie jedoch nie mehr anknüpfen. Trotzdem betrachtete Bob Geldof selbst die Nummer im Nachhinein durchaus kritisch: Er bereute, den Song geschrieben zu haben, weil er den Eindruck gewann, Brenda Spencer auf gewisse Weise berühmt gemacht zu haben.
„I Don’t Like Mondays“ ist einer der bekanntesten missverstandenen Songs – aber längst keine Ausnahme. Tatsächlich gibt es eine lange Reihe populärer Stücke, die fehlinterpretiert wurden: Psys „Gangnam Style“, Blurs „Song 2“ oder „The Logical Song“ von Supertramp etwa.
Hinter diesem Phänomen steckt also ein größeres Muster. Denn trotz der unterschiedlichen Gründe für die Missinterpretation gibt es doch Gemeinsamkeiten all dieser Nummern.
Ihre eigentliche Aussage liegt zwischen den Zeilen oder wird bewusst verschleiert. Sie liefern eine scheinbar eindeutige Antwort und machen es der Masse damit leicht, bei dieser Antwort stehen zu bleiben. Warum sollte sie auch falsch sein – die naheliegendste Erklärung wird schon die richtige sein, oder?
Die Songs klingen auch nicht nach etwas Schwerwiegendem. Ihre „Oberfläche“ vermittelt etwas Fröhliches, Leichtes oder Eingängiges. Und wenn etwas positiv klingt, wird es wohl auch positiv sein, oder?
Wer möchte sich schon die Mühe machen, genauer hinzusehen?
Und das erklärt mehr als nur, warum manche Songs zu etwas gemacht werden, was sie eigentlich nicht sind …
Hören Sie hier „I Don’t Like Mondays“ von The Boomtown Rats.


