Als der Clown zu gefährlich wurde

Eigentlich wollte ich mich als Cowboy verkleiden, das hätte mir wahrscheinlich eine Abreibung erspart. Aber mein Opa schlug mir achtjährigem Knirps dann Charlie Chaplin vor – und ich lernte etwas fürs Leben. 

„Charlie wer?“, fragte ich zurück. Opa lächelte, ging kurz aus dem Zimmer und kam mit einer Melone, Stock und einer Tüte Haribo Konfekt zurück. Er hielt mir die Tüte hin, ich bediente mich, und er klemmte sich eine von diesen kurzen, schwarzen Lakritz-Stängchen aus der Tüte unter die Nase. Dann setzte er die Melone auf und watschelte, den Stock dabei schwenkend, mit nach außen gedrehten Füßen durchs Wohnzimmer. Das fand ich so lustig, dass ich es ihm nachtat, sodass wir beide schließlich zu Oma in die Küche und um Oma herum watschelten, was sie wiederum zum Lachen brachte.

Ohne bis dahin einen seiner Filme gesehen zu haben, verkleidete ich mich dann als Charlie Chaplin, Mama steuerte zu meinem Kostüm noch ein zu großes schwarzes Jackett bei, und ich watschelte also los. 

Es dauerte allerdings nicht lange, bis mir zwei ältere Jungs von der Schule eine Lektion erteilten, die auch Charlie Chaplin vor 74 Jahren am 18. September 1952 erhielt: wie zu Unrecht sicher man sich fühlen kann und wie überraschend und schnell doch eine übermächtige Gewalt über einen kommt.

Vom Publikumsliebling zum Verdächtigen

Kaum ein anderer Künstler der Filmgeschichte vereinte so viele Rollen in einer Person wie Charles Spencer Chaplin: Komiker, Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor, Cutter, Komponist und Produzent zugleich, der als britischer Einwanderer in den USA zum vermutlich berühmtesten Gesicht der Welt wurde. Seine Filme – von „Der Vagabund“ über „Moderne Zeiten“ bis zu „Der große Diktator“ – 

thematisierten immer wieder soziale Ungerechtigkeit, die Würde des Einzelnen in einer von Maschinen und Konzernen bestimmten Welt und den Widerstand gegen autoritäre Systeme.

Gerade diese politische Haltung, seine öffentliche Sympathie für die sowjetische Kriegsanstrengung und seine Kontakte zu Kommunisten machten ihn im Amerika der beginnenden McCarthy-Ära zur Zielscheibe.

J. Edgar Hoover, seit 1935 mächtiger erster Direktor des FBI, das er über Jahrzehnte hinweg maßgeblich aufbaute und formte, beobachtete Chaplin bereits seit den frühen 1920er-Jahren, doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Akte auf über 2.000 Seiten an. Ein konkreter Beweis für eine kommunistische Mitgliedschaft fand sich darin nie – Chaplin war, wie es ein Biograf später formulierte, ein Mann, der sich nie irgendeinem Club angeschlossen hätte, geschweige denn der Kommunistischen Partei. 

Das hinderte Hoover aber nicht daran, seine Verdächtigungen an konservative Publizisten wie Hedda Hopper weiterzugeben, die wiederum öffentlich gegen Chaplin Stimmung machten.

Im Oktober 1947 geriet Chaplin dann ins Visier des Komitees für unamerikanische Umtriebe – des berüchtigten House Un-American Activities Committee, das in jenen Jahren Hunderte Künstler und Filmschaffende vorlud und viele von ihnen ins Berufsverbot trieb.

Eine Schiffsreise ohne Rückfahrkarte

Der endgültige Bruch kam 1952. Chaplin verließ am 18. September die Vereinigten Staaten an Bord der Queen Elizabeth, gemeinsam mit seiner Frau Oona und den gemeinsamen Kindern, um in London die Europapremiere seines neuen Films „Rampenlicht“ zu feiern – ausgerechnet eines seiner unpolitischsten, persönlichsten Werke.

Am selben Tag widerrief US-Justizminister James P. McGranery nach Rücksprache mit Hoover Chaplins Wiedereinreisegenehmigung. Zur Begründung erklärte McGranery, gegen Chaplin lägen öffentliche Vorwürfe der Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei sowie „schwerwiegende moralische Anschuldigungen“ vor.

Chaplin, seit fast vierzig Jahren in den USA lebend, aber zeitlebens britischer Staatsbürger geblieben, entschied sich, nicht gegen die Entscheidung zu kämpfen. Statt einer erniedrigenden Anhörung vor der Einwanderungsbehörde zog er es vor, den USA, über Jahrzehnte seine Heimat, endgültig den Rücken zu kehren. Er ließ sich mit seiner Familie in Corsier-sur-Vevey oberhalb des Genfer Sees in der Schweiz nieder – fernab jener Kulisse Hollywoods, die er über vierzig Jahre lang mitgeprägt hatte. 

Erst zwanzig Jahre später, 1972, kehrte er für einen kurzen Besuch zurück, um einen Ehren-Oscar für sein Lebenswerk entgegenzunehmen – mit einer zwölfminütigen Standing Ovation, die ebenso viel Wiedergutmachung wie Anerkennung war. Chaplin starb am 25. Dezember 1977 in seinem Schweizer Exil.

Was das Kostüm mir beibrachte

Ich habe mir erst Jahre nach meiner Chaplin-Kostümierung einige seiner Filme angesehen – und bin dabei ausgerechnet bei „The Kid“ von 1921 hängen geblieben, seinem ersten Langfilm. Der Tramp findet einen ausgesetzten Säugling, zieht ihn unter widrigsten Umständen groß, und die beiden werden ein eingespieltes, herzzerreißend komisches Gaunerduo. Der Wendepunkt des Films ist eine Szene, die man nicht vergisst: Vertreter der Fürsorge erscheinen und nehmen den Jungen mit, um ihn in ein Waisenhaus zu bringen. Man sieht den Jungen auf die Ladefläche eines Lastwagens gezerrt werden, seine kleinen Arme ausgestreckt, während der Tramp verzweifelt über die Dächer der Stadt hetzt, um ihn zurückzuholen – ein Mann, der einer Amtsgewalt gegenübersteht, die größer ist als er selbst, und die ihm binnen weniger Minuten das Wertvollste nehmen kann, das er hat.

Genau dieses Bild kam mir in den Sinn, als ich an jenen Karnevalsnachmittag zurückdachte, an dem mir zwei ältere Jungen mein albernes, liebevoll zusammengestelltes Kostüm einfach kaputtmachten – nicht, weil ich etwas falsch gemacht hätte, sondern weil sie es konnten und ich ihnen körperlich nichts entgegenzusetzen hatte. 

Was ich als Achtjähriger nur als ungerechte Prügelei erlebte, erinnerte mich später an ein ähnliches Prinzip, das Chaplin 1952 im Großen widerfuhr: Es braucht keinen begründeten Vorwurf, keine bewiesene Schuld, sondern nur genug Macht auf der einen und zu wenig Gegenwehr auf der anderen Seite, damit einem etwas genommen wird, das einem lieb und teuer ist – ein Kostüm, ein Kind, eine Heimat von vierzig Jahren. Der Unterschied ist nur, dass ich mein blaues Auge auskurieren und am nächsten Tag in einem anderen Kostüm (als Cowboy) Karneval wieder mitfeiern konnte. Chaplin bekam seine Heimat nie zurück.

Mehr über Macht im Sandwirt: 

Die Basis kollektivistischer Macht“ von Benjamin Mudlack

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