Braveheart, Freiheit als Mythos und Haltung
Ich war vierzehn, als ich „Braveheart“ zum ersten Mal im Kino sah, den Film, der für mich – neben „Gladiator“ – am meisten für Freiheit und eine Haltung steht, die ein Leben auf Werte ausrichtet.
Das Kino bot an jenem Sonntag gleich drei Mel-Gibson-Filme hintereinander an. Ein wahrer visueller Marathon. Zuerst lief „Der Patriot“ mit Gibson in der Hauptrolle, Regie Roland Emmerich. Dann „Payback“, Gibson Hauptrolle, Brian Helgeland führt Regie, und am Ende „Braveheart“, der Film, der Mel Gibson auch als Regisseur etablierte: Für seine Regie erhielt er einen Oscar, „Braveheart“ erhielt insgesamt fünf Oscars, darunter auch als bester Film.
Eigentlich war ich zu jung für diese drei Filme ab 16, aber ich hatte meinen Schülerausweis gefälscht. Zudem sah ich älter aus. Die Dame an der Kasse ließ mich ein.
„Braveheart“ ist ein Film, der mich bis heute fasziniert, weil er um eine faszinierende historische Persönlichkeit herumgebaut ist und einen spannenden historischen Kern besitzt, von der ersten großen Schlacht, die William Wallace vor 729 Jahren gewann, bis hin zu seiner grausamen Hinrichtung. Aber auch deswegen, weil er zeigt, welche Kraft Geschichte bekommen kann, wenn sie zum Mythos wird.
„Guardian of Scotland“
Am 11. September 1297 führte William Wallace zusammen mit dem nordschottischen Adligen Andrew de Moray ein Heer von schottischen Freiheitskämpfern in die Schlacht bei Stirling Bridge und errang einen Sieg gegen englische Truppen.
Ein Jahr zuvor hatte der englische König Edward I., genannt ‚Longshanks‘, den schottischen König John Balliol besiegt, ihn zur Abdankung gezwungen und Schottland seiner Herrschaft unterworfen.
Wallace, ein Angehöriger des niederen schottischen Adels, sammelte daraufhin im Süden des Landes eine Streitmacht aus Bauern und Handwerkern, während Moray im Norden einen parallelen Aufstand anführte. Im Spätsommer 1297 vereinten beide ihre Kräfte, um bei Stirling ein englisches Heer unter John de Warenne, dem Earl of Surrey, zu stellen.
Die Stelle war klug gewählt: Bei Stirling verengt sich der Fluss Forth so stark, dass die beste Übergangsmöglichkeit eine schmale Holzbrücke war, allerdings kaum breit genug für zwei nebeneinander reitende Pferde. Wallace und Moray postierten ihre Truppen auf einer Anhöhe oberhalb der sumpfigen Uferwiesen und warteten ab, während sich die englischen Reiter und Fußsoldaten geduldig über die Brücke quälten. Als ein erheblicher Teil des englischen Heeres auf der Nordseite angekommen, vom Rest aber durch die überfüllte Brücke abgeschnitten war, gaben die Schotten das Signal zum Angriff.
Die schwere englische Kavallerie, im aufgeweichten Marschland kaum manövrierfähig, wurde binnen kurzer Zeit aufgerieben. Viele englische Soldaten wurden getötet, als sie versuchten, über die Brücke zurückzuweichen. Warenne selbst floh mit dem Rest seines Heeres bis nach Berwick.
Der Sieg brachte große Teile der schottischen Lowlands wieder unter schottische Kontrolle, und Wallace wurde zum ‚Guardian of Scotland‘ ernannt – zum Wächter eines Königreichs, dessen König John Balliol seit seiner Abdankung im englischen Gewahrsam saß.
Der Preis der Freiheit
Die Geschichte, die der Film später erzählt, verkürzt und verändert diesen Sieg erheblich – am auffälligsten dadurch, dass die titelgebende Brücke im Film schlicht fehlt, ebenso wie Andrew de Moray, Wallace‘ gleichrangiger Mitanführer, der bei der Schlacht tödlich verwundet wurde und wenige Wochen später starb.
Diese Auslassung ist mehr als ein Detail: Sie verwandelt einen gemeinsam errungenen Sieg zweier Anführer in die Heldentat eines Einzelnen – ein Muster, das sich durch viele Freiheitserzählungen zieht, in der Realität aber fast immer eine Vereinfachung ist.
Auch das weitere Schicksal von Wallace fällt im Film dramatischer, in der Wirklichkeit aber nicht weniger bitter aus.
Nach der Niederlage bei Falkirk 1298 verlor er sein Amt als Guardian, tauchte unter, suchte vergeblich Unterstützung am französischen Hof und wurde schließlich 1305 von einem schottischen Ritter an die Engländer verraten.
In London wurde er wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und öffentlich hingerichtet: „hanged, drawn and quartered“ – gehängt, ausgeweidet und gevierteilt.
Die Strafe sah vor, dass Wallace gehängt und noch lebend vom Galgen genommen wurde. Anschließend sollte er enthauptet und ausgeweidet werden; seine Eingeweide sollten verbrannt werden. Sein Kopf wurde auf der London Bridge ausgestellt, seine Körperteile wurden nach Newcastle, Berwick, Stirling und Perth gebracht.
Ein grausames Ende, das im Film in einer Weise erzählt wird, die deutlich macht, dass die Idee der Freiheit nie enden wird, wenn es Menschen wie Wallace gibt, die für sie einstehen, wenn nötig bis zum Äußersten. „Freiheit!“ – mit diesem, seinem letzten Wort im Film „Braveheart“ machte Mel Gibson den schottischen Freiheitskämpfer William Wallace bei Millionen Filmzuschauern unvergesslich.

Der letzte Schrei, ein Mythos
Die Bedeutung von Wallace für die Schotten zeigt sich zum Beispiel am Wallace Monument, das als 67 Meter hoher Turm 1869 bei Stirling errichtet wurde. Zum weltweiten Mythos aber wurde der schottische Freiheitskämpfer vor allem durch „Braveheart“.
Mel Gibsons letzter Schrei, bevor sein William Wallace stirbt, „Freiheit!“, hat sich bei Millionen Zuschauern eingebrannt. Er steht bis heute für die Idee, dass Freiheit niemals selbstverständlich ist, sondern immer wieder neu erkämpft und bewahrt werden muss.
Wallace‘ Sieg bei Stirling Bridge zeigte, dass die Engländer in Schottland keineswegs unbesiegbar waren. Neun Jahre später errang Robert the Bruce bei Bannockburn einen weiteren entscheidenden Sieg über Edward II. Erst 1328 erkannte England im Vertrag von Edinburgh-Northampton die schottische Unabhängigkeit an.
Wallace selbst erlebte diesen Erfolg nicht mehr. Sein persönlicher Kampf endete mit einer Niederlage und seinem Tod.
Erst die Nachwelt machte aus ihm den Namen, der bis heute für ungebrochenen Widerstand steht – und für eine Haltung, die auf Werte Wert legt. Ein Satz, den Gibson William Wallace in den Mund legt, zeigt dies in besonderem Maße: „Jeder Mann stirbt, aber nicht jeder Mann lebt wirklich.“
Ich denke manchmal an diesen Sonntag mit Mel-Gibson-Filmen zurück. An meinen gefälschten Schülerausweis, an den Teenager, der damals im Kino saß und schwer beeindruckt war von der emotionalen Wucht des Films.
Die Freiheit, für die Wallace heute als Symbol steht, ist längst mehr als die politische Unabhängigkeit Schottlands. Sie steht für den Kampf gegen Unterdrückung, der im Leben des Einzelnen scheitern und trotzdem etwas hinterlassen kann, das größer ist als dieses eine Leben: ein Mythos, der so stark ist, weil er eine Idee auf eine Weise emotional auflädt, dass sie sich in das Gedächtnis der Menschen, in das kulturelle Gedächtnis einer ganzen Epoche einbrennt.
Ob aus diesem Mythos dann eine Haltung entsteht, das ist eine andere Geschichte.
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„Freiheit braucht Weisheit“ von Michael Klein


