Auf dem Plattenspieler: Ennio Morricone
Künstler: Ennio Morricone
Song: „Man With A Harmonica“ – erschienen auf dem Album „Once Upon a Time in the West (Original Motion Picture Soundtrack)“, 1969 RCA Records
Eine Sirene ertönt – und der Körper reagiert sofort. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf das Geräusch, der Puls steigt, Adrenalin wird ausgeschüttet.
Das Gehirn hat aus vergangenen Situationen gelernt: Eine Sirene steht für Gefahr, Eile und Vorsicht. Deshalb kann sie allein den Körper in Alarmbereitschaft versetzen, noch bevor überhaupt klar ist, was passiert ist.
Mit Musik funktioniert etwas Ähnliches. Eine Sirene ist schließlich auch ein Klang – und genau wie diese kann auch ein musikalisches Motiv mit einer bestimmten Wirkung aufgeladen werden.
Ennio Morricone machte die Wirkung solcher akustischer Signale zum festen Bestandteil seiner Filmmusik. 1968 schrieb der italienische Komponist für Sergio Leones Western-Klassiker „Spiel mir das Lied vom Tod“ eines der unverwechselbarsten Stücke der Filmgeschichte: „Man With A Harmonica“.
Die berühmte, „leidende“ Melodie der Mundharmonika brennt sich unmittelbar ins Gedächtnis ein. Seit knapp 60 Jahren fasziniert sie immer neue Generationen, wird gesampelt, zitiert und zur Inspiration für andere Künstler. Mit rund zehn Millionen verkauften Exemplaren gehört der Soundtrack zu den meistverkauften überhaupt.
Das wirklich Besondere an „Man With A Harmonica“ erschließt sich jedoch erst im Zusammenspiel mit dem Film.
Morricone komponierte und nahm die Musik schon vor den Dreharbeiten auf, was ungewöhnlich für diese Zeit war. Doch so konnte Sergio Leone die Bilder, Bewegungen und Einstellungen unmittelbar auf die Musik abstimmen. Morricones Arbeit beschränkte sich damit nicht auf einzelne Stücke für fertige Filmszenen: Seine Musik wurde zu einem Bestandteil der filmischen Gestaltung selbst.
Der Komponist dachte dabei in musikalischen Figuren: Die Charaktere erhielten eigene Themen und Klangfarben, die sich mit ihrer Handlung, ihren Dialogen und den Geräuschen ihrer Umgebung verbinden. Bereits die Eröffnungsszene zeigt, wie konsequent dieses Prinzip umgesetzt wurde.
Drei Männer, die an einem verlassenen Bahnhof auf den Zug warten, werden jeweils durch ein eigenes Geräusch charakterisiert: Wassertropfen, die auf einen Hut fallen, das Knacken von Fingergelenken und das Summen einer Fliege. Aus diesen einzelnen Geräuschen entsteht eine immer dichter werdende Klangkulisse: Das Knarren des Windrads, der Wind und weitere Geräusche des verlassenen Bahnhofs fügen sich hinzu, bis die einfahrende Lokomotive den Höhepunkt dieser akustischen Spannung bildet.
Dann ertönt zum ersten Mal die berühmte Melodie: Der von Charles Bronson gespielte namenlose Held des Films, im Englischen Harmonica genannt, taucht auf, spielt sie auf seiner Mundharmonika und tötet die drei Männer. Mit ihrem Tod verstummen auch die Geräusche, die sie begleitet haben: Als die drei Männer sterben, verschwindet also auch ihre Klangwelt. Genau solche Verflechtungen von Handlung, Figuren und Klang wiederholen sich über den gesamten Film hinweg.
Das musikalische Leitmotiv der Hauptfigur ist die berühmte Mundharmonikamelodie. Ihre klagenden Töne wirken rätselhaft und geben der Figur etwas Tragisches, ohne dass klar ist, woher diese Wirkung kommt. Doch mit jedem erneuten Ertönen wird die Verbindung zwischen dem Klang und Harmonica stärker. Erst in der finalen Duell-Szene wird in einer Rückblende aufgelöst, warum ausgerechnet dieses Instrument zu seinem musikalischen Signal geworden ist.

Als Kind musste Harmonica miterleben, wie sein, von Henry Fonda gespielter, Gegenspieler Frank und dessen Bande seinen Bruder hängten. Sie stellten ihn mit einer Schlinge um den Hals auf die Schultern des jungen Harmonica. Nur solange er seinen Bruder tragen konnte, verhinderte er dessen Tod.
Als er unter der Last langsam zusammenzubrechen drohte, steckte Frank ihm eine Mundharmonika in den Mund und forderte ihn auf: „Spiel mir das Lied vom Tod.“ Solange Harmonica seinen Bruder auf den Schultern halten konnte, blies er in das Instrument und die Mundharmonika erklang. Sobald seine Kräfte nachließen und er zusammenbrach, wurde sein Bruder erhängt – und auch die Mundharmonika verstummte.
Dass die Mundharmonikamelodie immer wieder mit dem Auftreten Harmonicas verbunden ist, zeigt demnach, dass er seine Vergangenheit buchstäblich mit sich herumträgt: Morricone verdichtet mit „Man With A Harmonica“ eine ganze Biografie auf wenige Töne.
Für Morricone selbst war ein solches Überschreiten musikalischer Konventionen keine Ausnahme, sondern Teil seiner Handschrift. Er experimentierte zeitlebens mit Klängen und Instrumenten.
Hinter dem vermeintlichen Westernkomponisten stand ein klassisch ausgebildeter Musiker mit einem ungewöhnlich breiten Horizont. Er studierte Trompete und anschließend Komposition am Conservatorio di Santa Cecilia bei Goffredo Petrassi. Später arbeitete er als Arrangeur für den italienischen Rundfunk RAI und die Plattenfirma RCA, schrieb Konzertmusik und beschäftigte sich intensiv mit experimentellen Projekten.
Als Morricone schließlich die Filmmusik für sich entdeckte, brachte er all diese Erfahrungen mit. Deshalb konnte er für „Spiel mir das Lied vom Tod“ neben dem Orchester selbstverständlich Mundharmonika, elektrische Gitarren, Pfeifen, Stimmen, ungewöhnliche Geräusche und elektronische Klänge einsetzen – und außergewöhnliche Vorgehensweisen einbringen.
Als entscheidendes Fundament dafür, dass sein Ansatz überhaupt funktionieren konnte, gilt es jedoch einen Punkt hervorzuheben: die Geduld, die Filme ihrem Publikum damals noch abverlangten.
Das heutige Kino ist von schnellen Schnitten, permanenten Dialogen und einer ununterbrochenen Abfolge von Reizen geprägt. Ein alter Streifen wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ nimmt sich dagegen Zeit: Immer wieder passiert minutenlang scheinbar nichts, Blicke und Geräusche werden ausgekostet, die Atmosphäre entsteht über den „leeren Raum“.
Gerade diese Ruhe lässt einzelne Klänge aber umso stärker hervortreten und sich im Gedächtnis festsetzen. Und so zeigte Morricone, dass Musik mithilfe des „Signal-Effekts“ weit mehr leisten kann als Atmosphäre zu schaffen.
Hinter diesem Prinzip steckt aber auch ein Gedanke, der weit über den Film hinausreicht: Erlebtes hinterlässt Spuren. Manche davon bleiben ein Leben lang mit bestimmten Klängen, Orten, Gerüchen oder Bildern verbunden. Doch ein Mensch ist nicht dazu verdammt, für immer die Bedeutung zu tragen, die ein Erlebnis einmal bekommen hat. Die Vergangenheit lässt sich nicht verändern – was daraus entsteht, schon.
Bei Harmonica wurde die Mundharmonika zum Klang seines Traumas, das bis zum Zeitpunkt seiner lang ersehnten Rache sein ganzes Leben bestimmte. Bei Morricone wurde sie zum Klang eines Meisterwerks, das sich über die Konventionen der damaligen Filmmusik hinwegsetzte und weit über sein eigenes Leben hinauswirkt.
Hören Sie hier „Man With A Harmonica“ von Ennio Morricone.
Und hier sehen Sie die großartige finale Szene des Filmklassikers.


