Auf dem Plattenspieler: Crazy Frog
Künstler: Crazy Frog
Song: Axel F. – erschienen auf dem Album Crazy Hits (Crazy Frog Presents Crazy Hits), 2005 Universal Music
Nur wenige Hits schaffen es, die Charts zu stürmen und fast allgegenwärtig zu sein, ohne dass das Lied selbst dabei wirklich im Vordergrund steht.
„Macarena“ von Los del Río, Aquas „Barbie Girl“ oder „Gangnam Style“ von Psy zählen zu den bekanntesten solcher paradoxen Überflieger: Ihr Erfolg beruhte weniger auf musikalischer Substanz als vielmehr auf Humor und einem popkulturellen Hype.
Auch im Jahr 2005 trat ein solcher Ausnahmefall ein. Im Gegensatz zu den zuvor genannten Beispielen war er zwar vordergründig lediglich in Europa bekannt, dafür aber umso bizarrer.
Es handelte sich um eine elektronische Neuinterpretation des Instrumentalstücks „Axel F.“ aus dem 80er-Kultfilm „Beverly Hills Cop“.
Das Original von Harold Faltermeyer war in mehrfacher Hinsicht wegweisend: Erstmals setzte ein Hollywood-Film den Synthesizer als zentrales Melodieinstrument ein. Zudem stammte der Komponist mit Faltermeyer aus Österreich – für die damalige Zeit absolut unüblich für den Soundtrack eines großen US-Films. Und nicht zuletzt wurde „Axel F.“ zu einem der wenigen reinen Instrumental-Hits der Chartgeschichte. Im wahrsten Sinne also: ganz großes Kino!
Das Bizarre an der Neuauflage? Sie war musikalisch deutlich einfacher, repetitiver und reduzierte den kreativen Anspruch des Originals. Zudem fehlte dem Track ein klassischer Interpret – stattdessen stand eine computeranimierte Figur im Zentrum. Ein grinsender Frosch mit Fliegerbrille, der im Musikvideo auf einem unsichtbaren Gefährt durch eine grotesk überzeichnete Polizeiverfolgung jagt: der Crazy Frog.

Die wilde Verfolgungsjagd schien sich einmal quer über Europa zu erstrecken – und überall, wo der verrückte Frosch auftauchte, stürmte er die Charts: Platz eins in neun Ländern. Mit beeindruckenden 5,7 Milliarden Aufrufen auf Youtube gehört der Song sogar zu den meistgesehenen Musikvideos der Plattform!
Wohl nicht zuletzt auch durch die massive Präsenz in der Fernsehwerbung, prägte sich dieser Ableger also dauerhaft in die Köpfe eines riesigen Publikums ein.
Der größte Triumph – und zugleich der eigentliche Schlüssel zu diesem bizarren Mega-Erfolg – lag jedoch woanders. Crazy Frogs’ „Axel F.“ wurde zum Symbol einer ganz bestimmten Phase der Popkultur: der frühen Handy-Klingelton-Ära … Und diese ist ein Kosmos für sich.
Was heute oft als skurriles Relikt der 2000er belächelt wird, war ein entscheidendes Bindeglied zwischen der Ära der physischen Tonträger und dem Aufstieg digitaler Musik. Mehr noch: Für eine Weile galten Klingeltöne sogar als echter Rettungsanker für die Musikindustrie.
Blicken wir einmal zurück.
Ende der 1990er- und zu Beginn der 2000er-Jahre wurden Mobiltelefone zunehmend allgegenwärtig. Besonders unter Jugendlichen wuchs rasch der Wunsch, das eigene Gerät zu personalisieren und sich damit von anderen abzuheben. Witzige Kurzclips, Bilder und Logos entwickelten sich zu Statussymbolen: Sie signalisierten Humor, Geschmack und nicht zuletzt soziale Zugehörigkeit.
Zeitgleich machte der technische Fortschritt nach der Jahrtausendwende die Nutzung kompletter MP3-Dateien möglich. Statt einfacher Monoton-Signaltöne, wie dem legendären klassischen Nokia-Klingelton, ließen sich Klingeltöne nun direkt aus vollständigen Songs erstellen. Die Nachfrage ließ selbstredend nicht lange auf sich warten.
Die Musikindustrie steckte zu dieser Zeit tief in der Krise: Illegales Filesharing über Plattformen wie Napster oder BearShare führte zu massiv sinkenden CD-Verkäufen. Das mobile Geschäft kam also gerade rechtzeitig.
Schnell setzte sich ein ebenso einfaches wie effizientes Modell durch: Bestellung per SMS, Download auf das Handy, Abrechnung über die Mobilfunkrechnung. Und was für die Konsumenten wie ein kleiner, fast beiläufiger Kauf erschien, wuchs innerhalb kürzester Zeit zu einem Milliardenmarkt heran; es gab sogar eine eigene Chartliste für Klingeltöne!
Diese wirtschaftliche Dynamik brachte jedoch auch problematische Geschäftsmodelle hervor. Besonders bekannt in Deutschland wurde dabei das sogenannte „Jamba-Sparabo“ …
Die Angebote des Unternehmens Jamba! (international unter dem Namen Jamster! bekannt) wirkten wie die üblichen: Eine SMS, eine Abbuchung, ein neuer Klingelton. Tatsächlich verbarg sich hier jedoch oft ein Abonnement, das wöchentlich zwischen zehn und zwanzig Euro kostete; und nur im Kleingedruckten erkennbar war. Wer die Rechnung spät prüfte, konnte also schnell horrende Summen anhäufen.
Trotz oder gerade wegen solch fragwürdiger Methoden entwickelte sich Jamba! rasch zum dominierenden Anbieter im deutschsprachigen Raum. Mit konsequent aggressivem Marketing eroberten die Brüder Marc, Oliver und Alexander Samwer, die Mitgründer und Geschäftsführer, systematisch den Markt.
Auf Musiksendern wie MTV oder VIVA liefen die Jamba!-Werbespots zum Beispiel in so hoher Frequenz, dass sie zeitweise einen beträchtlichen Teil der gesamten Werbezeit ausmachten.
Viele dieser animierten Werbefiguren sind bis heute Teil der Popkultur jener Jahre: sprechende Plätzchenschalen in Weihnachtskulissen, das piepsende Küken „Sweety“ oder andere überzeichnete Charaktere sind für mich unvergessliche und lebendige Erinnerungen an meine Kindheit.
Und in dieser Umgebung entstand schließlich das Projekt, das das Unternehmen endgültig auf ein neues Level hob: der Crazy Frog.
Die Figur existierte tatsächlich bereits vor ihrer kommerziellen Nutzung. Anfang der 2000er verbreitete sich im jungen Internet eine Animation mit dem Titel „The Annoying Thing“, die eine groteske Figur auf einem unsichtbaren Motorrad zeigte; vielleicht eines der ersten viralen Memes.
Untermalt wurde die Animation von Zweitaktmotor-Geräuschen, die ein schwedischer Student als Stimmimitation aufgenommen hatte.
2004 griff Jamba! die Figur erstmals auf, zunächst als Klingelton. Sie übernahmen den Clip mitsamt den Motorgeräuschen und gaben der Figur den Namen Crazy Frog. Er reihte sich ganz von selbst nahtlos in die Riege der Jamba!-Charaktere ein – und bereits diese erste Version verzeichnete über sechs Millionen Verkäufe!
Der nächste Schritt: eine Neuinterpretation des Synthesizer-Klassikers „Axel F.“, zunächst ebenfalls nur als Klingelton konzipiert.
Produziert von Off-Cast Project und den Bass Bumpers, zwei Produzententeams, reduzierte die Version das Stück fast vollständig auf seine eingängige Melodie, kombiniert mit repetitiver Struktur, hohem Tempo und den unverwechselbaren – manche würden sagen: nervtötenden – Froschgeräuschen entstand ein Sound, der wie maßgeschneidert für den Einsatz als Zweitklingelton wirkte.
Als sich unmittelbar nach der Veröffentlichung abzeichnete, welches Ausmaß der Erfolg annehmen würde, reagierte das Unternehmen schnell und suchte gezielt nach Wegen, auch im klassischen Musikgeschäft Fuß zu fassen.
Mit Universal Music fand man rasch einen international aufgestellten Partner, der über die nötigen Vertriebsstrukturen und ausreichend Marktmacht verfügte. Durch diese Kooperation wurde das Projekt weit über den ursprünglichen Klingeltonmarkt hinaus bekannt – und erreichte schließlich die eingangs erwähnte Dimension.
Der Erfolg von Crazy Frog war also ein perfekter Sturm: Hochkonjunktur der Klingelton-Abos, der typische Jamba!-Stil, maximale Vereinfachung, gezielt kindlicher Krach, massive Rückendeckung der Industrie.
Jamba! bzw. Jamster! wurde nach diesem Erfolg zur führenden Plattform für mobilen Entertainment-Content in Europa, sogar fast ein Synonym dafür; so wie Google für Suchmaschinen im Internet steht.
Dieser Boom, der nach außen wie ein Selbstläufer wirkte, sorgte intern jedoch für erhebliches Chaos. Hinter den Kulissen gärte es bereits von Anfang an …
In den meisten Künstlerverträgen waren mobile Verwertungsrechte nämlich gar nicht vorgesehen. Der Markt war schneller gewachsen, als Juristen Verträge anpassen konnten. Plötzlich standen also Milliardenumsätze im Raum – ohne klare Regelungen darüber, wem welcher Anteil zustand. Zahlreiche Musiker klagten gegen ihre Plattenfirmen, weil unklar war, ob Klingeltöne als Tonträger, als Lizenzgeschäft oder als eigene Verwertungsform zu behandeln seien.
Auch der technologische Fortschritt und ein verändertes Nutzerverhalten ließen das Geschäftsmodell schnell wieder bröckeln: Mit MP3-Playern, günstigen Datentarifen und schließlich Smartphones konnten Nutzer Musik direkt herunterladen, selbst zuschneiden und kostenlos als Klingelton verwenden.
Gleichzeitig verschwand ebenso die soziale Inszenierung des eigenen Handyklingelns: Immer mehr Menschen stellten ihre Geräte auf lautlos oder Vibration. Was zuvor Statussymbol und Gesprächsanlass gewesen war, verlor an Sichtbarkeit – und damit an Wert.
Innerhalb weniger Jahre brach der Markt ein. Unternehmen mussten umdenken oder verschwanden ganz. Selbst die Samwer-Brüder wandten sich neuen Geschäftsmodellen zu: Sie stehen heute interessanterweise hinter Unternehmen wie HelloFresh und Zalando; Unternehmen, die mit ähnlich aggressiven Marketing ihre Position sicherten.
Rückblickend wirkt es fast unwirklich, dass ein derart absurdes Pop-Produkt zu einem milliardenschweren Massenphänomen werden konnte. Doch genau das macht diese Episode so aufschlussreich: Nicht immer sind es künstlerische Meisterwerke, die Märkte bewegen, sondern innovative Ideen, die im richtigen Moment auf neue Technik, außergewöhnliches Marketing und einen empfänglichen Zeitgeist treffen.
Der Klingelton-Boom, und mit ihm der Crazy Frog, war weniger Ausnahme als Symptom einer Branche im Umbruch. Und er zeigte, wie schnell aus etwas Belächeltem ein globales Geschäft werden – und ebenso schnell wieder verschwinden kann.


