Auf dem Plattenspieler: Deep Purple

Künstler: Deep Purple

Song: Smoke on the Water – erschienen auf dem Album Machine Head, EMI Electrola, 1972

Wer heutige Popmusik verfolgt, stößt immer häufiger auf ein bekanntes Phänomen: Ein Song mag gerade erst erschienen sein, doch schnell hat man das Gefühl, diese Melodie, diesen Rhythmus, diesen Moment schon einmal gehört zu haben. 

Das ist kein Zufall, sondern System. In einer Musikindustrie, die von Streamingzahlen, Algorithmen und sofortiger Aufmerksamkeit lebt, spielt Vertrautheit eine zentrale Rolle: Was vertraut klingt, wird schneller akzeptiert; was bekannt wirkt, bleibt leichter im Gedächtnis.

Künstlerinnen wie Dua Lipa stehen exemplarisch für einen Pop-Sound, der offen Anleihen bei den Achtzigerjahren nimmt. So erinnert der Refrain ihres Welthits „Break My Heart“ etwa unverkennbar an „Need You Tonight“ von INXS. Ein weiteres prominentes Beispiel ist Miley Cyrus’ „Prisoner“, dessen Melodieführung fast absurd deutliche Parallelen zu Olivia Newton-Johns „Physical“ und Kiss’ „I Was Made for Lovin’ You“ zeigt. 

Für dieses Vorgehen gibt es einen eigenen Begriff: Interpolation. Dabei wird eine bestehende Melodie oder einzelne Elemente eines bestehenden Songs neu eingespielt – nicht direkt gesampelt, sondern nachgebildet und oft mit neuem Text versehen (aus dem Wort „Physical“ bei Newton-John wird beispielsweise „Prisoner“ bei Cyrus). 

Juristisch ist das oft zulässig, kulturell bleibt es umstritten: Kritiker sehen darin eine elegante Form des Abschreibens, Befürworter eine legitime Weiterentwicklung musikalischer Traditionen.

Tatsächlich war Popmusik schon immer ein Geflecht aus Zitaten, Referenzen und Wiederholungen; kaum ein Hit entsteht aus dem Nichts. Neu jedoch, ist das Verhältnis. Während frühere Generationen Einflüsse meist nur indirekt aufnahmen, wird heute gezielt auf bewährte Motive zurückgegriffen – manchmal so direkt, dass Original und Neuinterpretation kaum noch auseinanderzuhalten sind.

Das wirft eine naheliegende Frage auf: Wenn so viele aktuelle Hits stark an ältere angelehnt sind, warum greift man dann nicht einfach zum Original? Warum nicht gleich die „alte Musik“ hören?

Ein Paradebeispiel aus dem Rock-Genre, das zweifellos zu jenen Klassikern gehört, die über Jahrzehnte immer wieder aufgegriffen, zitiert oder variiert wurden, ist das legendäre „Smoke on the Water“ der britischen Band Deep Purple.

Kaum ein Gitarrenriff ist ikonischer: Nur vier simple Töne, langsam und schwer gespielt, bohren sich fast stoisch durch den gesamten Track. Es gehört zu den ersten Riffs, die angehende Gitarristen lernen: Die Struktur ist simpel, fast banal – und genau darin liegt seine Kraft.

Begleitet wird das Riff von einer leicht verzerrten Orgel, einem schnörkellosen Schlagzeug und Ian Gillans Stimme, die eher erzählt als singt. Gemeinsam wird daraus ein kraftvoller Sound, der einfach, aber monumental wirkt.

Doch hinter diesem Klassiker steckt mehr als nur ein eingängiges Riff in einem klar strukturierten Arrangement: Der Song ist untrennbar mit einer konkreten Begebenheit verbunden, die ihn überhaupt erst möglich gemacht hat …

Im Dezember 1971 befanden sich die Mitglieder von Deep Purple im schweizerischen Montreux, um ein neues Album aufzunehmen. Geplant war, das leerstehende lokale Casino als Aufnahmeraum zu nutzen und sich das Equipment der Rolling Stones zu leihen, die ebenfalls vor Ort waren.

Am Abend des 4. Dezember jedoch trat dort Frank Zappa mit den Mothers of Invention auf. Während des Konzerts schoss ein Zuschauer mit einer Leuchtpistole in die Decke, ein Brand brach aus, das Feuer griff rasend schnell um sich und das gesamte Casino wurde zerstört! Menschen wurden verletzt, Instrumente und Technik gingen verloren, das Gebäude brannte bis auf die Grundmauern aus.

Die fünf Musiker von Deep Purple waren Zeugen dieses Ereignisses. Sie beobachteten von ihrem Hotelzimmer aus, wie Rauchschwaden über den Genfersee zogen – und genau diese Szene wurde später zum Titel und zum Kern von „Smoke on the Water“.

Der Songtext ist also keine metaphorische Dichtung, sondern eine direkte, fast nüchterne Nacherzählung dessen, was passiert war:

We all came out to Montreux

On the Lake Geneva shoreline

To make records with a mobile, yeah

We didn’t have much time now

Frank Zappa and the Mothers

Were at the best place around

But some stupid with a flare gun

Burned the place to the ground

Musikalisch entstand der Song eher beiläufig: Während einer der Sessions, die Deep Purple nach dem tragischen Vorfall in der Schweiz abhielten, spielte Gitarrist Ritchie Blackmore in einem Moment der Inspiration das berühmte Riff. Daraufhin skizzierte die Band „Smoke on the Water“ vollständig, und die erste Version des Songs war schnell fertiggestellt. 

Wie so oft bei den größten Klassikern hielt die Gruppe selbst den Track zunächst für unspektakulär, fast langweilig, und maß ihm keine große Bedeutung bei – bis der unerwartete Erfolg die Band in neue Sphären hob!

Das Interessanteste an „Smoke on the Water“ ist für mich, dass selbst dieses berüchtigte Riff kein völlig neuer Geniestreich war. Entgegen der allgemeinen Meinung entstand er nicht losgelöst von früherer Musik. Oder noch deutlicher: Die Kritik, die heute etwa Dua Lipas Werke trifft, ließe sich im Kern tatsächlich auch auf Deep Purples Klassiker anwenden.

Gitarrist Ritchie Blackmore behauptete, er habe sich von Beethovens fünfter Sinfonie inspirieren lassen und deren Motiv gewissermaßen umgedreht – ein Vergleich, der unüberhörbar ist, doch zweifellos noch als indirekte Inspiration durchgeht.

Viel deutlicher und „problematischer“ zeigt sich jedoch eine andere Parallele: in einem brasilianischen Bossa-Nova-Stück der 1960er Jahre, Carlos Lyras „Maria Moita“. Das Motiv ist nahezu identisch, nur Instrumentierung und eine kleine melodische Abweichung unterscheiden es. Ein klarer Fall von Interpolation, den die Band nie thematisierte …

Genau hier liegt der entscheidende Punkt. Wie eingangs erwähnt: Musik entsteht immer aus Musik. Kein Song existiert isoliert, jeder greift auf das zurück, was vorher da war. Der Unterschied liegt nicht darin, ob man sich inspirieren lässt, sondern wie. 

„Smoke on the Water“ ist das Ergebnis einer Interpolation, die als Gesamtprodukt am Ende nur noch wenig mit dem Original zu tun hat, nicht das Produkt einer kalkulierten Anlehnung an einen früheren Hit.

Im Vergleich dazu wirkt vieles, was heute unter dem Banner der Interpolation entsteht, deutlich strategischer. Vertraute Elemente werden gezielt eingesetzt, um Aufmerksamkeit zu erzeugen; Nostalgie wird zur Formel, statt zum Werkzeug. Das Ergebnis ist oft professionell, makellos produziert – aber selten überraschend. 

Wir leben heute in einer Zeit, in der das Wissen der gesamten Menschheits- und Weltgeschichte buchstäblich in unseren Taschen liegt: „The greatest minds in history are available to teach you“, wie es der Schriftsteller Ryan Holiday einmal ausdrückte. Musiker können daher längst nachvollziehen, wie andere vor ihnen gearbeitet, gedacht und komponiert haben – eine Möglichkeit, die früher in dieser Detailliertheit kaum zugänglich war. Dieses riesige Reservoir kann zu eigenständigen, wertvollen Ergebnissen führen … vorausgesetzt, man hinterlässt darin seine eigenen Spuren.

Denn genau hier verläuft die entscheidende Grenze: Wird der eigene Beitrag von der Leistung anderer überlagert, entsteht keine neue Kreativität, sondern lediglich eine Wiederholung dessen, was bereits existiert. Musik, die vertraut klingt, ist dann nicht originell, sondern vertraut, weil sie es tatsächlich ist. 

Inspiration wird erst dann zur Kunst, wenn sie die Vergangenheit anerkennt, aus ihr schöpft und sie zugleich transformiert.

Mit „Smoke on the Water“ zeigten die Musiker von Deep Purple exemplarisch, wie dieser Prozess gelingen kann. Aus einem vorhandenen Motiv entstand unter den Bedingungen ihrer Zeit etwas Eigenständiges – ein Song, der weit über sein Vorbild hinauswuchs und zum Klassiker wurde. Ein Lehrstück dafür, dass Inspiration und Originalität kein Widerspruch sind, sondern sich gegenseitig bedingen …

 

Hören Sie hier das legendäre „Smoke on the Water“ von Deep Purple.

Und hier finden Sie das Stück, auf dessen Motiv der Song basiert: „Maria Moita“ von Carlos Lyra.

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Der nächste Gang …

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