Zentral vs. Dezentral
Ende der 90er bzw. Anfang der 2000er gab es eine rege Diskussion über ein neues Phänomen namens Internet. Experten und solche, die sich dafür hielten fragten sich, worin eigentlich der Erfolg dieses neuen Mediums liegen mag?
Immerhin schienen damals die Möglichkeiten, die das Internet bot, fast unbegrenzt. Obwohl man damals mit vielen skurrile Ideen und Geschichten zu tun hatte (etwa den „Zeitreisenden“ John Titor), unterschätzte man lustigerweise die tatsächliche Macht, die das Internet in Zukunft haben würde. Aber das nur nebenbei.
Für viele lag das Erfolgsgeheimnis des Internets an seiner Dezentralität. Jeder konnte etwas beitragen. Es gab keine übergeordnete Ordnungsinstanz, die sagte, wohin die Reise gehen soll. Das bestimmten die User selbst.

Das brachte viele nützliche Dinge hervor, die heute unseren Alltag bestimmen: PayPal, YouTube, Amazon, Google und natürlich die sozialen Netzwerke wie StudiVZ. Damals waren alle begeistert und voller Aufbruchsstimmung. Es dauerte nicht lange, da entdeckte auch die Politik diese neue Spielwiese.
Unvergessen bleibt der peinliche Auftritt von Thorsten Schäfer-Gümbel, der Hessens Ministerpräsident werden wollte und mehr als hölzern versuchte, auf YouTube einen modernen Wahlkampf à la Obama zu machen.
Aber irgendwann war die Zeit der Unschuld vorbei und das Internet, oder besser: die User im Internet, fingen an, Ihrer Enttäuschung über angebliche Fehlentscheidungen der Politik nicht mehr nur am Stammtisch sondern in den sozialen Netzwerken Luft zu machen. Denn dort waren die Politiker ja direkt verfügbar.
Das fanden die Politiker natürlich überhaupt nicht witzig. Seitdem brennt sprichwörtlich der Baum. Gesetze wurden verschärft oder reaktiviert (etwa der § 188 StGB) und die Debatten über Verbote und Zensur im Internet machen fast wöchentlich die Runde in den einschlägigen Talkshows.
Kein Strom für Berlin
Während der Westen von Berlin bei klirrender Kälte ohne Strom auskommen muss, da eine mutmaßlich linksradikale Bande namens „Vulkangruppe“ einfach so, schwuppdiwupp, mittels Brandanschlag die Stromversorgung lahmgelegt hat, und der Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner (CDU), sich rechtfertigen muss, weil er zu dieser Zeit beim Tennisspielen war und nicht, wie zuerst behauptet, zuhause, tritt sein Parteikollege Daniel Günther bei Markus Lanz auf, um „unsere Demokratie“ zu retten.
Wenn ein Politiker sagt, „unsere Demokratie” sei gefährdet, dann sollten beim Zuhörer wirklich alle Alarmglocken losgehen. Denn ähnlich wie bei den Schlagwörtern „soziale Gerechtigkeit“ oder „Solidarität“ bedeutet sowas meistens, dass es teuer wird für den Steuerzahler.
Nun, was Daniel Günther bei Lanz tatsächlich gesagt hat bzw. was er damit meinte und was bei uns ankam, klärt gerade der geschätzte Anwalt Joachim Steinhöfel auf dem Rechtsweg. Problematisch an Günthers Aussagen (Markus Lanz: „Was Sie jetzt gerade sagen ist im Grunde: wir müssen das regulieren, wir müssen es notfalls zensieren und im Extremfall sogar verbieten.“ – Daniel Günther: “Ja“.) ist nicht, dass er diese Meinung hat, sondern, dass er sie als Ministerpräsident geäußert habe, so Steinhöfel. Denn nur als Privatmann darf er denken, sagen und sich Verbote wünschen wie er möchte.
Was am Ende dabei herauskommt, ist natürlich noch völlig offen. Auch, was er wohl tatsächlich gesagt oder gemeint hat. Wenn man nun aber einen Blick ins Internet wirft, stoßen Günthers Äußerungen bei vielen Usern und sogar Parteikollegen wie Markus Söder auf klare Ablehnung. Schützenhilfe erhält er hingegen eher aus dem linken bzw. grünen Lager. Darum soll es hier aber nicht weiter gehen.
Der Staat, dein Freund und Helfer
Denn interessanter ist, was Günthers Vorstellungen für Konsequenzen haben könnten. Denn dann wäre es aus-die-Maus für die Dezentralität des Internets. Dieses würde dann von einer zentralen Stelle nach strittigen Inhalten durchforstet werden. Werden diese lokalisiert, kommt es zur Zensur.
Im Extremfall müssten wir dann alle wieder auf die guten alten öffentlichen Formate zurückgreifen, weil alles andere zu kritisch wäre. Denn dort weiß man nicht nur, was sich gehört, auch der Politik gegenüber, sondern auch, was Spaß bedeutet. Vor Weihnachten gab es da eine jetzt schon fast legendäre Sendung in dem traditionellsten aller deutschen Medien: Die Sendung „100“ in der ARD. Hier übte der Moderator mit dem Publikum wie man richtig Paprikaschnitzel und Schokokuss sagt.
Klingt spaßig. Nicht. „Unsere“ Demokratie lässt grüßen.
Das Ende ist der Anfang
Darüber hinaus gab es kürzlich die Meldung, dass immer mehr traditionelle linke Zeitungen in Zukunft auf die Printausgabe ihrer Zeitungen verzichten. Die „TAZ“, das „Neue Deutschland“ und die kultige Zeitschrift „konkret“ wird es in Zukunft nur noch online zu lesen geben.
Wobei der streitbare ehemalige Herausgeber von „konkret“, Hermann L. Gremliza, mit Sicherheit dem guten Daniel Günther ein paar Takte zu seinen Verbotsfantasien zu sagen gehabt hätte. Immerhin haben Anfang der 70er auch Konservative versucht, Linke durch Berufsverbote und ähnliche Methoden zum Schweigen zu bringen.
Ob das Sterben der klassischen linken Zeitungen jetzt dem Erfolg des Internets anzulasten ist oder ob sich einfach der Zeitgeist geändert hat oder ob es eine Mischung aus mehreren Faktoren ist, werden in Zukunft Historiker klären müssen. Fakt ist jedoch, dass sich die Zeiten geändert haben. Erst langsam und dann immer schneller.
Was tun mit den ganzen Individuen
Wobei das natürlich nur bedingt stimmt. Denn die Diskussion, ob zentrale oder dezentrale Systeme besser funktionieren, ist so alt wie die Menschheit selber. Man denke nur an das Prinzip von Adam Smith, das die Individualität und den Liberalismus in den Vordergrund stellt, während Marx und Engels eher auf Kollektivismus und Sozialismus ihr nicht vorhandenes Geld setzten.
Die Frage, wie Systeme am besten zu organisieren sind, wird auch weiterhin eine spannende Frage bleiben. Denn das Beispiel Berlin mit seinem Katastrophenschutz zeigt, dass zentral geführte Systeme wie dieses Bundesland nicht immer super mega gut funktionieren müssen. Wobei natürlich auch dezentrale Systeme wie das Internet ebenfalls ihre Schwachstellen haben. Man denke nur an die ganzen Auswüchse im sogenannten Darknet.
Wie geht es nun weiter?
Tja, eine Meldung ging bei dem ganzen Trubel der letzten Wochen unter: Erstmals ging die Nutzung der sozialen Netzwerke nach Jahren des Wachstums zurück. Ob das nur eine Momentaufnahme ist, wird sich zeigen. Genauso, ob der Rückgang einer dezentralen Entscheidung der User oder den zentralen Maßnahmen der Politik (strengere Gesetze) anzulasten ist, wird sich zeigen.
Doch eines wird auch im Jahr 2026 genauso bleiben wie letztes Jahr oder die Jahre und Jahrzehnte zuvor: Es bleibt weiterhin spannend. Besonders, was wer wo wie gesagt haben soll.
Ich wünsche Ihnen allen ein gesundes, erfolgreiches und möglichst ereignisreiches Jahr 2026!


