Der Neo-Absolutismus und die Dreiklassengesellschaft

Republik im Spätherbst #01

Die Republik versinkt in die dunkle Jahreszeit und alles deutet daraufhin, dass auf den Spätherbst der Winter unseres Missvergnügens folgt. Grelle, zuweilen bengalische Beleuchtung, teure, aber geschmacklose Masken und der obszöne Tanz der Mächtigen werden durch Phrasen gerechtfertigt. Doch was im Zerfall des Kapitalismus entsteht, ist nichts anderes als ein vulgärer Neo-Absolutismus. Neu-Versailles ohne Raffinesse und bar jeder Eleganz. 

Die Geschichte kennt Gesellschaften in der Phase ihres Niedergangs, wenn sie jegliche Dynamik verlieren, wenn nicht mehr geschaffen, sondern nur noch verwaltet wird, wenn die administrativen Kräfte der Gesellschaft den produktiven den Garaus gemacht haben. Man erkennt zuverlässig dieses Stadium, wenn die Eliten sich im ideologischen, repressiven, zensurhaften und propagandistischen Eifer erschöpfen, ihre Dysfunktionalität zu verdrängen. 

In diesen Zeiten wird man keine größere Entfernung zu finden vermögen, als die Distanz zwischen fehlendem Intellekt der Eliten und ihrem Ego. Ego ersetzt Intellekt. Intellekt wird zum Staatsfeind und die Wirklichkeit zum Rechtspopulismus erklärt. Aber ist in unseren Tagen der Populismus nicht der einzige, der sich noch für das Volk, für den Bürger interessiert? 

Zur Verklärung des tristen Zustandes errichten die Hof-Soziologen, von den Eliten für diesen Zweck wohl versorgt, Potjomkinsche Dörfer, schwafeln von der Gesellschaft der Singularitäten oder sehen die Spielräume schwinden oder erklären mit rollenden Augen, dass die Gesellschaft überfordert sei, weil sie überfordert sind, die Gesellschaft zu verstehen. Diese Leute haben aus der Soziologie eine Zoologie allerdings mit Menschen gemacht, die im Grunde überflüssig ist.

Jede Gesellschaft besitzt eine innere Ordnung, definiert eine Hierarchie von Gruppen von Menschen, die man Stände oder Kasten nennen kann. Die Nähe oder Entfernung zur Macht spielte bei diesen Definitionen stets eine gewisse Rolle. Karl Marx teilte die Gesellschaft hingegen in Klassen ein. Als das nicht ausreichte, kamen dann noch Schichten hinzu. 

Das Kriterium der Klassen fand Marx in der Stellung im Produktionsprozess und in der Frage des Eigentums an Produktionsmitteln. Wer die Produktionsmittel besitzt, dem gehört die Macht. Die Gesellschaft wird durch ihre Produktionsweise definiert, die wiederum die dialektische Einheit von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen bildet, zu denen die Eigentumsverhältnisse zählen, also wem die Produktionsmittel gehören und wem sich nicht gehören. So stellte Marx den Gegensatz zwischen Kapitalisten und Proletarier auf, bildetezwei Klassen, die sich gut augustinisch im steten Kampf miteinander, im Klassenkampf befanden. 

Marx stellte sich das große Welttheater, Aufstieg und Fall von Gesellschaften, als stetes Schlachtefest vor: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen. Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigner, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zu einander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete, oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.“

Lösen wir uns von Marxens periodischem Armageddon!. Die ganze marxistische oder marxistisch inspirierte Literatur bis auf den heutigen Tag müht sich damit ab, Marxens Vorstellungen so zu biegen, dass sie zu den westlichen Gesellschaften des 20. und 21. Jahrhundert passen. Aus den Proletariern wurde das „kolonialisierte Ding“ (Frantz Fanon), wurden die „People of Color“, die Frauen, die Homosexuellen, die Queeren, je nach persönlicher Vorliebe. All diese Vorstellungen einigt nur, dass sie den Antipoden, den Klassenfeind, den „Kapitalisten“, den Imperialisten inzwischen sogar als Rechtfertigung ihrer Existenz und schließlich ihrer Herrschaft benötigen und ihn je nach Geschmack und Hassbefindlichkeit im Kolonialisten, im Weißen, im Mann, im Heterosexuellen – und schließlich im Steuerzahler halluzinieren. 

Was die Gesellschaft zugrunde richtet, was Europas Fall bewirkt, dürfte eine Verschiebung mit soziologischen Konsequenzen verursachen, nämlich der Wechsel oder, um ein Modewort zu benutzen, die Transformation von der Produktion zur Verteilung. Es ist die Verteilung, die durch Staats- und Wirtschaftsbonapartismus, von der Ökonomie sich losgelöst und zu einer Funktion der Macht geworden ist. Der Grund für Deutschlands Niedergang ist Deutschlands Erfolg, der Grund für die Verarmung Deutschlands ist Deutschlands erwirtschafteter Reichtum, der dazu führte, dass durch die Möglichkeit wachsender Verteilung sich in der Tat die deutsche Gesellschaft in ihrer Struktur veränderte. 

Wenn wir Marxens Klassen nicht mehr über die Stellung im Produktionsprozess und über den Besitz der Produktionsmittel definieren und uns auch nicht in akademisches Geschwätz flüchten, die profunder klingen, als sie es sind, sondern die neue Ordnung der Gesellschaft in ihrer Stellung zur Macht und zu Transfers, also zu ihrer Stellung im Verteilungsprozess ausmachen, dann wird im groben zunächst eine Dreiklassengesellschaft sichtbar. 

Die unterste Klasse, der immer weniger Mitsprache im politischen Prozess eingeräumt und immer weniger Mitwirkung im gesellschaftlichen Diskurs bewilligt wird, sind diejenigen, die das Bruttosozialprodukt erwirtschaften und die Steuern bezahlen. 

Die oberste Klasse, die herrschende Klasse bilden diejenigen, die über politische und wirtschaftliche Macht verfügen, die ökonomisch-politische Klasse, die man kurz als Classe Politique bezeichnen kann, weil auch die Manager der Dax-Firmen keine Eigentümer und keine Unternehmer sind – auch sie sind eigentlich Politiker, nicht in Parteien, sondern in Aktiengesellschaften. 

Zwischen diesen beiden Klassen hat sich nun eine Art Pufferklasse herausgebildet, die für den Machterhalt der Classe Politique zwingend erforderlich ist: Es ist die Klasse der Transfer-Empfänger, die in zwei sehr unterschiedliche Teile zerfällt. Zum einen in die sogenannte Zivilgesellschaft, der NGO-Staat und der durchsubventionierte Klima-Komplex. Zum anderen zum anderen in die Bürgergeldempfänger und die Leistungsempfänger nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. 

Da aber die Classe Politique auf Umverteilung setzt und Umverteilen muss, weil das die Grundlage ihrer Macht bildet, wird von der untersten Klasse immer weniger erwirtschaftet. Wird immer weniger erwirtschaftet, steigen die Steuern und Abgaben. 

Auf diese Weise feiern die Marxschen Klassenkämpfe als Verteilungskämpfe erbitterte Auferstehung. 

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