Die Tyrannei der besseren Menschen

Es gibt Menschen, die gut sind. Es gibt Menschen, die gut sein wollen. Und es gibt Gutmenschen. – Das sind Menschen, die nicht einfach nur gut sein wollen, sondern immer noch etwas besser. Moralischer. Bewusster. Nachhaltiger. Sensibler. Diverser. Und vor allen Dingen möchten sie, dass alle anderen sich gefälligst ebenfalls so verhalten wie sie. 

Diese Kategorie von Menschen geht mir unheimlich auf die Nerven. Ich kann Gutmenschen nicht mehr ertragen. Sie kotzen mich an. 

Und bevor jetzt jemand reflexartig erklärt, „Gutmensch“ sei nur ein rechter Kampfbegriff: Nein. Genau das meine ich nicht. Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen einem guten Menschen und einem Gutmenschen: Ein guter Mensch hilft, wo Hilfe gebraucht wird. Er kümmert sich um seine Kinder, nimmt Rücksicht, behandelt andere anständig und wirft seinen Müll nicht in den Wald. Und dann geht er nach Hause und hält die Klappe. – Der Gutmensch dagegen macht aus Moral eine Weltanschauung, aus der Weltanschauung eine Identität und aus seiner Identität einen Maßstab für seine Mitmenschen. Genau da fängt das Problem an. 

Wenn Moral zum Statussymbol wird 

Ich habe zunehmend den Eindruck, dass Moral zu einer Art Statussymbol geworden ist. Früher zeigte man Status vielleicht mit Mercedes, Rolex oder großem Haus. Heute demonstriert man ihn in bestimmten Milieus auch durch das richtige Essen, die richtigen Begriffe und die richtige Betroffenheit. 

Pierre Bourdieu beschrieb, wie Menschen Zugehörigkeit durch kulturelles Kapital signalisieren. Heute erleben wir meiner Ansicht nach zusätzlich moralisches Kapital: Bio. Nachhaltig. Divers. Achtsam. Klimabewusst. Weltoffen. – Nichts davon ist schlecht. Problematisch wird es, wenn daraus moralische Rangabzeichen und Erziehungsmaßnahmen werden. 

Da ist zum Beispiel der Gutmensch beim Grillen. Du lässt ein kleines Stück Fisch liegen und von der Seite kommt: „Dafür ist aber ein Tier gestorben.“ Danke. Ich wusste nicht, dass Lachs ein Tier ist. Soll ich in Tränen ausbrechen? Dem Fisch einen würdevollen Abschied bereiten? Meine Beziehung zu maritimen Wirbeltieren überdenken? 

Natürlich ist Lebensmittelverschwendung ein sinnvolles Thema. Aber während der vernünftige Mensch nach Überproduktion, Handel und Konsumgewohnheiten fragt, sieht der Gutmensch ein zwei Zentimeter großes Stück Lachs und hat seinen Einsatz. Das große Problem wird auf eine moralische Alltagsszene reduziert. Damit ist niemandem geholfen. Nicht einmal dem Lachs.

Die Lust an der moralischen Detailkontrolle 

Genau das stört mich: Wir diskutieren über falsche Begriffe, Inlandsflüge, Plastikstrohhalme, Fleisch oder Mülltrennung und verlieren dabei die großen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Prozesse aus den Augen. Mich interessiert das große Ganze. Mich interessieren Kausalzusammenhänge. Wenn wir über Klimapolitik sprechen, möchte ich nicht zwanzig Minuten darüber diskutieren, ob irgendein Mensch dreimal im Jahr nach Mallorca fliegt. 

Mich interessieren Energiepreise, Industriepolitik, Stromnetze, Speicher, Kernenergie, Emissionshandel, globale Produktionsketten, Wettbewerbsfähigkeit und CO-Vermeidungskosten: Welche Maßnahme bewirkt mit einem eingesetzten Euro tatsächlich am meisten? – Das ist Politik. Die Frage, ob ich meinen Joghurtbecher vor dem Wegwerfen ausspüle, ist dagegen keine Weltanschauung. 

Das große Ganze ist kein Stammtisch 

Wer gesellschaftliche Entwicklungen aus größerer Entfernung betrachtet, hört schnell: „Zu pauschal.“ „Keine wissenschaftlichen Belege.“ „Quelle?“ – Natürlich brauchen wir Wissenschaft, Daten und Quellen. Aber hundert wissenschaftlich korrekte Einzelinformationen bedeuten noch nicht, dass man ihre Zusammenhänge verstanden hat. Das ist der Unterschied zwischen Information und Erkenntnis. Wer einen Wald verstehen möchte, kann jeden Baum vermessen. Alles wissenschaftlich korrekt. Und trotzdem hat er möglicherweise den Wald nicht verstanden. Irgendwann muss man drei Schritte zurückgehen und schauen, wie das System insgesamt funktioniert. 

Das gilt auch für Gesellschaften. Man braucht Daten, aber auch Modelle, historische Vergleiche, Soziologie, Ökonomie, Psychologie – und manchmal Lebenserfahrung. Ein ganzheitlicher Blick ist weder Populismus noch Stammtischniveau. Deshalb nervt mich der moderne Quellenfetisch. „Quelle?“ wird teilweise als rhetorische Waffe benutzt. Manchmal möchte ich antworten: Nein, ich habe keine randomisierte Doppelblindstudie darüber, warum mir auf Geburtstagsfeiern bestimmte Menschen auf den Sack gehen. Ich habe Augen. Ohren. Ein Gedächtnis. Ich beobachte Menschen. 

Natürlich beweist eine persönliche Beobachtung keinen gesellschaftlichen Trend. Aber viele interessante Fragen beginnen mit Beobachtung. Wissenschaft sollte Erkenntnis ermöglichen und nicht das Nachdenken verbieten. Wissenschaftlicher „Konsens“ und Wissenschaftsjournalismus sollten dabei immer kritisch hinterfragt werden.

Warum Gutmenschen so anstrengend sind 

Psychologisch wird es interessant, wenn moralische Überzeugungen zum Kern der eigenen Identität werden. Dann sind Nachhaltigkeit oder Vielfalt nicht mehr Fragen, über deren konkrete Ausgestaltung man diskutiert, sondern moralische Identitätsmerkmale. Wer widerspricht, greift scheinbar den Menschen an. Plötzlich geht es nicht mehr darum, was funktioniert, sondern darum, wer gut ist. 

Politik lebt aber von Zielkonflikten. Umweltschutz, Arbeitsplätze, bezahlbare Energie und Freiheit sind wichtig. Migration kann Vorteile haben und gleichzeitig Kosten und Konflikte verursachen. Die erwachsene Frage lautet: Wie gewichten wir diese Interessen? 

Gutmenschlichkeit macht daraus häufig: Für das Klima oder dagegen? Für Vielfalt oder dagegen? Für Flüchtlinge oder dagegen? Damit wird Politik infantil. Ich bin nicht „gegen das Klima“, wenn ich die Folgen einer Klimaschutzmaßnahme hinterfrage, und nicht gegen Migranten, wenn ich über Integrationsprobleme spreche. 

Wenn gute Anliegen verbrannt werden 

Das Tragische ist: Viele Gutmenschen vertreten Anliegen, die ich nachvollziehen kann. Umweltschutz? Natürlich. Weniger Lebensmittelverschwendung? Klar. Menschen nicht diskriminieren? Logisch. Aber dann wird übertrieben: Noch ein Gebot. Noch ein Verbot. Noch eine Steuer. Noch eine Sprachregel. Noch eine moralische Belehrung. 

Und irgendwann tritt ein psychologischer Effekt ein: Reaktanz. Das ist keine Küchentischpsychologie. Wenn Menschen das Gefühl bekommen, permanent erzogen oder in ihrer Freiheit eingeschränkt zu werden, entsteht Widerstand. Irgendwann reagiert man dann auf die Belehrung selbst, nicht mehr auf den Inhalt der Belehrung. 

Ein Mensch, der ursprünglich dachte: „Umweltschutz ist eigentlich wichtig“, hört zum fünfhundertsten Mal eine moralische Predigt und denkt irgendwann: Lasst mich mit dem Scheiß in Ruhe! Das eigentliche Anliegen aber wurde damit verbrannt. 

Und dann sitzt man auf dieser verdammten Party 

Das eigentliche Problem beginnt für mich privat. Denn Gutmenschen existieren nicht nur auf Twitter, in Talkshows oder Universitätsseminaren. Sie sitzen neben mir, auf Geburtstagen, beim Grillen, bei Freunden, bei Freunden von Freunden. Sie spawnen aus jeder Ecke, und plötzlich geht es um Polyamorie, Mikroaggressionen, vegane Ernährung, Klimagerechtigkeit oder irgendein anderes gerade angesagtes Thema. Und ich merke: Ich habe überhaupt keine Lust darauf. 

Vielleicht habe ich sogar eine sehr deutliche Meinung zum diskutierten Thema. Aber ich weiß ja, was passiert, wenn ich sie ausspreche: Aus einem gemütlichen Abend wird eine Grundsatzdiskussion. Also halte ich die Klappe. Denn ich will keinen Streit und vor allem keine völlig sinnlose zweistündige Debatte mit einem Menschen, dessen Weltbild ohnehin geschlossen ist. – Ironischerweise können ausgerechnet Menschen, die von Offenheit und Toleranz sprechen, eine Atmosphäre erzeugen, in der andere lieber gar nichts mehr sagen. 

Deshalb habe ich irgendwann eines begriffen: Ich darf Gespräche beenden!

Drum sage ich zum Beispiel: „Das Thema interessiert mich heute nicht.“ Punkt. Keine Rechtfertigung. Keine Entschuldigung. Ich darf auf einem Geburtstag einfach ein Bier trinken und über Musik, Fußball, Urlaub, Frauen, Autos, Bücher oder irgendeinen unwichtigen Scheiß reden. Ich muss nicht den Freunden meiner Freundin gefallen. Nicht jeder Abend muss die Welt retten. 

Weniger gut

Viele wollen ständig Haltung zeigen. Haltung ist für mich auch so was wie eine Ideologie. Die wollen sensibilisieren, transformieren, Zeichen setzen, Bewusstsein schaffen. – Vielleicht sollten wir stattdessen einfach mal wieder versuchen, schlicht und ergreifend anständig zu sein. Seien Sie freundlich. Helfen Sie Menschen. Lassen Sie andere in Ruhe. Verschwenden Sie nicht absichtlich Ressourcen, aber kastrieren Sie nicht Ihr Glück. Kümmern Sie sich um Familie und Freunde. Und bevor Sie anderen erklären, wie sie die Welt retten sollen, fragen Sie sich, ob sie Ihre Hilfe überhaupt bestellt haben. Haltung sollte eben keine Ideologie sein.

Und vielleicht sollten wir wieder einen Schritt zurücktreten und das große Ganze anschauen. Nicht jedes Problem lässt sich auf individuellen Konsum reduzieren. Nicht jede moralisch gut klingende Maßnahme ist politisch sinnvoll. Nicht jede Studie erklärt die Wirklichkeit und nicht jeder, der Zusammenhänge vereinfacht, ist Populist. Manchmal ist Vereinfachung keine Verdummung, sondern Voraussetzung dafür, Strukturen zu erkennen. Entscheidend ist, ob man Komplexität reduziert, um Zusammenhänge sichtbar zu machen, oder um unangenehme Tatsachen auszublenden. 

Ich möchte die Welt nicht in tausend moralisch korrekt beschriftete Einzelteile zerlegen. Ich möchte wissen, wie diese Teile zusammenhängen. Gesellschaftlich. Psychologisch. Politisch. Wirtschaftlich. Vielleicht ist genau das mein größtes Problem mit den Gutmenschen: Sie beschäftigen sich ununterbrochen damit, im Kleinen das Richtige zu tun – und merken dabei nicht, was sie im Großen anrichten. 

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