Heavy Metal und der Schleier der Maja

Tagesgericht: Heute vor 40 Jahren veröffentlichen Metallica ihr Album „Master of Puppets“

Ich bin spät zum Metal gekommen. Ich weiß noch, wie es mir erging, als der Gastgeber auf einer Party es als eine gute Idee ansah, „Made in Japan“ von Deep Purple aufzulegen. Die Platte lief und lief, die Gitarre von Ritchie Blackmore kreischte und raste und Ian Gillan und der Gastgeber schrieen sich bei „Child in Time“ die Seele aus dem Hals. Ich weiß, kein Metal, aber das war mir damals schon viel zu heavy. Bon Jovi – das war so in etwa die Bandbreite an Heavyness, die ich noch goutieren konnte, um eine Hausnummer zu nennen. 

Bis ich eines Tages bei MTV das Video zum Song „One“ von Metallica sah und die Musik hörte und der Wechsel von der düsteren Halbballade hin zu den Metal-Parts in der zweiten Hälfte des Songs in mir eine Saite zum Klingen brachte. 

Die Dynamik, die Aggressivität, die sich mit reflektierenden, zurückhaltenden Parts abwechseln, der fast schon meditative Rhythmus, der sich aufschaukelt und dann in Heavyness explodiert – das berührte mich. 

Das hatte eine Schwere und einen Ernst, der es irgendwie schaffte, mich nicht mehr so alltäglich, so normal, so mainstreamig fühlen zu lassen. Schopenhauer hat vom „Schleier der Maja“ gesprochen, der über allem liegt und es verhindert, dass wir die Dinge und das Leben so erkennen, wie sie wirklich sind. Bei dieser Musik hatte ich das Gefühl, dass dieser Schleier der Maja gehoben wird. Ich fühlte mich, solange die Musik lief, von so mancher Fessel befreit.

So kaufte ich mir das Doppelalbum „And Justice for All“ auf Vinyl, auf dem der Song „One“ den Abschluss der A-Seite lieferte. Und dann kaufte ich mir den gesamten Backkatalog von Metallica, angefangen beim Vorgänger „Master of Puppets“, das vor exakt 40 Jahren, am 3. März 1986 erschienen ist. Bis heute einer meiner absoluten Favoriten, genial die ersten Takte von „Battery“. Und dann das Titelstück und vor allem das Instrumental „Orion“, das entschleierte meinen Alltag.

Ein Meilenstein

Der „Rolling Stone“ führt das Album „Master of Puppets“ in seiner „Liste der 500 besten Alben aller Zeiten“ auf Position 167. Beim „Rock Hard“ landete das Album bei der Wahl der „500 besten Hard-Rock- und Heavy-Metal-Alben aller Zeiten“ auf Platz 2 (hinter „Back in Black“ von AC/DC und vor dem Metallica-Album „Ride the Lightning“ auf Platz 3).

Metallica

„Master of Puppets“ war das letzte Album, auf dem Cliff Burton den Bass spielte. Während der Master-of-Puppets-Tour, auf dem Weg von einem Konzert in Stockholm nach Kopenhagen am 27. September 1986, geriet der Metallica-Tourbus außer Kontrolle und verunglückte. Schlagzeuger Lars Ulrich brach sich einen Zeh. Der schlafende Cliff Burton starb an der Unfallstelle. Er wurde nur 24 Jahre alt.

Einen neuen Anfang finden

Burton war nicht nur der Bassist von Metallica gewesen, sondern ein kreativer Motor: Mit seinem unverwechselbaren Spiel – das oft wie eine Lead-Gitarre klang – erweiterte er die Rolle des Basses im Metal. 

Stücke wie „For Whom the Bell Tolls“ (von „Ride the Lightning“) oder „Orion“ (Instrumental von „Master of Puppets“) zeugen von seiner technischen Virtuosität und kompositorischen Tiefe. 

Innerhalb von Metallica prägte er die frühen Alben entscheidend und half, Thrash Metal zu einem ernstzunehmenden Genre zu formen. Sein Tod markierte eine Zäsur für die Band, die fortan nie wieder denselben Sound fand. Für viele Fans bleibt Burton ein Symbol für künstlerische Freiheit und die Kraft, Grenzen zu überschreiten. Bis heute gilt er als einer der einflussreichsten Bassisten der Rockgeschichte.

Sein Nachfolger am Metallica-Bass, Jason Newsted, hatte bei Fans der Band einen entsprechend schweren Stand. „And Justice for All“ war das erste Album, auf dem er mitspielte, von daher hatte er bei mir, der über dieses Album zum Metal kam, einen Stein im Brett. 

Allerdings muss ich sagen, dass der Bass auf der Platte sehr in den Hintergrund gemischt ist. Vielleicht ging es für die Band nicht anders, um weiterzumachen? Um sich von dem Verlust zu befreien und einen neuen Anfang zu starten?

Hermann Hesse schrieb zwar: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, aber das muss ja kein guter Zauber sein. Es können auch eine Menge Dämonen sein, die einem plötzlich bei so einem Verlust begegnen, der das bisherige Leben und die eigenen Pläne und Träume, die man hatte, in Frage stellt. „One“ ist so ein Stück Musik, das von diesen Dämonen erzählt und davon, sich von ihnen zu befreien.

Mehr Metallica im Sandwirt: 

Auf dem Plattenspieler: Metallica von Dawid Baran

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