Auf dem Plattenspieler: Jacob Collier

Künstler: Jacob Collier

Song: The Audience Choir – live bei der „DJESSE World Tour Show“ in der O2 Brixton Academy, London 2022

Wenn mehrere Menschen klatschen, tanzen oder musizieren, entsteht fast automatisch ein gemeinsamer Rhythmus. Kleine Abweichungen gleichen sich rasch aus, und aus vielen einzelnen Impulsen wird in kürzester Zeit ein stimmiges Ganzes.

Was selbstverständlich wirkt, ist neurologisch gesehen erstaunlich komplex. Wir hören einen Rhythmus, führen ihn innerlich weiter und passen unsere Bewegungen daran an: Wahrnehmung, Vorhersage und Handlung greifen ineinander, ohne dass wir es bewusst steuern müssten.

Stimmen Sie zum Beispiel in einem Raum voller Menschen einmal „We Will Rock You“ von Queen an – nach wenigen Sekunden stampft und klatscht der ganze Raum im gleichen Takt.

Einige Tierarten, wie Seelöwen oder Gelbhaubenkakadus, zeigen Ansätze solch einer rhythmischen Synchronisation. In dieser außergewöhnlichen Tiefe und fast müheloser Natürlichkeit jedoch entfaltet sie sich tatsächlich einzig und allein im Menschen. Eigentlich faszinierend, oder?

Doch es geht noch weiter: Zeitgleich zu Rhythmus und Bewegung erfassen wir genauso intuitiv Tonhöhen und feinste harmonische Bezüge!

Unser Gehör erkennt vertraute Muster, spürt, wann etwas „stimmig“ ist und reagiert sofort, wenn eine Abweichung überrascht. Diese innere Erwartung entsteht aus all den Liedern und Klängen, die wir im Laufe unseres Lebens gehört haben. Deshalb können wir manchmal eine unbekannte Melodie im Kopf weitersingen, noch bevor der nächste Ton erklingt.

Doch was passiert eigentlich, wenn ein Mensch diese Fähigkeit nicht nur intuitiv nutzt, sondern sie bewusst ausreizt? Wenn jemand mit genau diesem inneren Vorausspüren spielt?

Dann entsteht Musik, die uns gleichzeitig überrascht und doch vollkommen logisch erscheint. Und genau hier kommt Jacob Collier ins Spiel: Der britische Musiker gilt als eines der außergewöhnlichsten Talente unserer Zeit, weil er dieses innere Gespür hörbar macht wie kaum ein anderer.

Stilistisch durchmischt Collier Pop, Jazz, Gospel, Rap, elektronische Musik und orchestrale Klangwelten mit spielerischer Selbstverständlichkeit. 

Für seine ersten vier Alben wurde er jeweils mit einem Grammy ausgezeichnet: ein Kunststück, das vor ihm kein britischer Künstler jemals erreicht hat! Und in der Branche gilt er längst als „Lieblingsmusiker der Lieblingsmusiker“ – dazu gleich mehr.

Sein Weg zu diesem außergewöhnlichen Standing begann bereits in seinem Kinderzimmer. Jacob Collier wuchs in einer Musikerfamilie in London auf und experimentierte schon als Kind mit Klängen. Harmonien verstand er früh als lebendiges Geflecht: nicht als starre Abfolge von Noten, sondern als etwas Bewegliches, Formbares. Er sang, spielte Klavier, Bass, Schlagzeug und weitere Instrumente und legte damit das Fundament für das, was später folgen sollte.

Als Jugendlicher veröffentlichte Jacob Collier schließlich ausgefallene Musikexperimente auf Youtube. Besonders jene Clips gingen viral, in denen er sich per Split-Screen dutzendfach selbst begleitete: als vielstimmiger Chor und zugleich als komplette Band mit unterschiedlichsten Instrumenten.

Ein Video zu „Don’t You Worry ‚bout a Thing“, ursprünglich von Stevie Wonder, wurde schließlich zu seinem Eintrittsticket in die Musikbranche. Nicht nur die Klickzahlen explodierten – vor allem Produzenten und etablierte Künstler horchten plötzlich auf. Colliers Arrangements waren harmonisch so dicht, so ungewöhnlich und wirkten zugleich so selbstverständlich, dass sie selbst gestandene Größen nachhaltig beeindruckten.

Der Jazzmusiker Herbie Hancock sagte einmal, Colliers harmonische Fähigkeiten gingen weit über sein eigenes Verständnis hinaus. Starproduzent Quincy Jones wiederum erzählte, er habe eine Zeit lang nahezu jedem Musiker, dem er begegnete, zwei Videos von Collier gezeigt: schlicht aus Begeisterung. Und die Filmmusik-Ikone Hans Zimmer, verantwortlich für unzählige große Kinoproduktionen, bekannte öffentlich, einem Talent wie diesem sei er noch nie begegnet.

Diese drei Legenden beließen es nicht bei Worten: sie arbeiteten schließlich mit dem jungen Musiker an seinen frühen Projekten und wurden Teil seines rasanten Aufstiegs.

Inzwischen hat sich Jacob Collier eine treue, weltweite Fangemeinde erspielt und teilt seine musikalischen Entdeckungen großzügig mit ihr. Man könnte ihn einen „Open-Source-Musiker“ nennen: Er wagt theoretisch scheinbar unmögliche Arrangements und erklärt anschließend in Videos und Workshops minutiös, wie er darauf gekommen ist und warum sie funktionieren.

Doch so beeindruckend diese analytische Tiefe auch ist – auf der Bühne verwandelt sich diese Theorie in unmittelbare Erfahrung …

Dort entsteht nämlich das, was inzwischen als „Audience Choir“ bekannt ist. Mitten im Konzert wendet sich Jacob Collier vom Mikrofon ab, hebt die Hände und macht das Publikum selbst zum Klangkörper.

Er teilt den Raum in Stimmgruppen, lässt eine Seite einen Grundton tragen, während andere Gruppen harmonische Farben hinzufügen. Mit kleinsten Gesten verschiebt er Akkorde, moduliert Tonarten, baut Spannung auf und löst sie wieder – bis tausende Stimmen plötzlich klingen wie ein eingespielter, professioneller Chor!

Aufnahmen solcher Momente, etwa aus der O2 Academy Brixton, wurden millionenfach geteilt. Viele beschreiben das Erlebnis als überwältigend – sie bleiben nicht nur Zuhörer, sondern werden selbst Teil der Musik.

In diesen Minuten spielt Collier kein Instrument. Sein Instrument ist der Raum. Genauer gesagt: die Aufmerksamkeit und diese feine, meist unbewusste Fähigkeit der Menschen darin.

Auch mit seinem Orchester sucht Jacob Collier immer wieder den offenen Moment. Improvisationen entstehen live, wachsen aus einer spontanen Idee, werden weitergereicht, verwandelt, gedehnt – und das Publikum ist unmittelbar dabei. Es kann ihm beim Denken zuhören, beim Suchen, beim Finden. Mit seiner humorvollen Art macht er daraus kein Lehrstück, sondern ein gemeinsames Abenteuer. 

Und genau an dieser Stelle lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten. Weg vom einzelnen Künstler, hin zu dem größeren Zusammenhang, den solche Momente sichtbar machen: Welch faszinierende kleine Wunder die Schöpfung eigentlich bereithält!

Es ist faszinierend, dass Blauwale (bei besten Bedingungen) über mehrere tausend Kilometer miteinander kommunizieren und ihre Gesänge durch ganze Ozeane tragen. Auch dort gibt es gemeinsamen Klang, ein Miteinander im Ton. Den Menschen beeindruckt die gewaltige Distanz, die Größe, das Fremde.

Doch das ebenso Erstaunliche liegt näher: in uns selbst. Unsere Fähigkeit, feinste harmonische Nuancen wahrzunehmen, Spannungen vorauszuahnen und uns in Sekundenbruchteilen aufeinander einzustimmen, ist ein Wunder im Detail. 

Keine kilometerweiten Rufe, sondern mikroskopisch genaue Abstimmung. Keine schiere Reichweite, sondern Tiefe.

Und genau diese menschliche Detailtiefe macht sich Jacob Collier zunutze. Wenn aus einem Saal voller Einzelner ein rhythmischer Organismus wird, wenn spontane Ideen sich vor Publikum zu Musik formen, dann hören wir nicht nur einen Künstler: Wir erleben, was in uns selbst angelegt ist …

Erleben Sie hier die Magie der intuitiven Musik: „The Audience Choir“ von Jacob Collier.

Hier sehen Sie ein beispielhaftes Video einer Improvisation mit einem Orchester.

Hier das Video, mit dem Jacob Collier erstmals viral ging: seine kreative Interpretation von Stevie Wonders „Don’t You Worry ‚Bout A Thing“.

Und hier hören Sie, wie der Künstler im Studio klingt: Jacob Colliers neuestes Lied, „Something Heavy“.

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Der nächste Gang …

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