Gesundheitssystem: Freiheit braucht kein Rezept

Wäre ich gestorben, so wäre ich mit Sicherheit für den Darwin-Award nominiert worden. Dies ist ein Preis, der für besonders ungeschickte und versehentliche Selbstmorde vergeben wird. Doch da ich mir nur eine Zerrung, die sich fix zu einer Sehnenscheidenentzündung entwickelt hat, zugezogen habe und ich nicht, Gott Lob, das Zeitliche segnen musste, bleibt es beim alten Sprichwort: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. 

Die Geschichte ist schnell erzählt und so spektakulär wie die Tatsache, dass sich die SPD, die Grünen und die Ex-SED von X verabschieden, haben sie sich doch ohnehin nie am Diskurs beteiligt. Mein Leid dagegen ging so: Nachts schlafen gegangen und morgens aufgewacht – und die Sehne war gezerrt. Das war’s. 

Ich habe keine schwangere Frau aus einem brennenden Haus gerettet, keinerlei sonstige Heldentat begangen. Ich lag einfach nur mit meinem nicht ganz so schlanken Körper stundenlang im Schlaf auf der Hand. Und versprochen: Auch meine nächste Geschichte wird völlig uninteressant,

Nach der außerkassenärztlichen, weil freundschaftlich bedingten Konsultation eines Orthopäden wurde mir nahegelegt, mir zunächst eine Schiene zuzulegen, die es für wenige Euro bei Amazon gibt. Gesagt, getan: Die Schiene wurde bestellt, kam an, ich trug sie – und voilà, die Schmerzen wurden etwas geringer. 

Als ich die Geschichte einem Bekannten erzählte, meinte er, warum ich denn nicht zum Arzt gegangen sei, ich hätte mir die Schiene doch verschreiben lassen können, dann hätte ich sie nicht bezahlen müssen. Ich dachte kurz nach und sagte, auf diese Idee sei ich überhaupt nicht gekommen, und dann dachte ich noch ein wenig mehr nach. 

Der Bekannte hat ein Handy für mehr als 1000 €, eines dieser schrecklichen, nicht gottgewollten E-Bikes für mehrere 1000 €, einen kapitalen Gaming-PC, dazu eine aktuelle PlayStation – aber für die Gesundheit fünf Euro auszugeben, kommt offenbar nicht infrage …

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Es zahlt schon „jemand anders“

Ist das nicht bezeichnend dafür, dass viele Deutsche überversichert sind, bis der sprichwörtliche Doktor kommt? Während das Auto als motorisierter Tabernakel gilt, das in jedem Fall vollkaskoversichert werden muss, verlässt man sich bei der Gesundheit doch lieber auf Vater Staat. In der privaten Krankenversicherung gibt es den Selbstbehalt, eine sinnvolle Sache, denn durch beispielsweise 1000 € im Jahr sinkt der Beitrag, und ich finde, es ist angemessen, je nach Einkommen natürlich, 1000 € im Jahr für die Gesundheit auszugeben. Man gibt schließlich auch 1000 € pro Jahr für ein iPhone aus.

Genau an dieser Stelle wird die Brücke zur aktuellen Reform sichtbar. Mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, was für ein Wort, des Bundesgesundheitsministeriums, noch so ein Wort, reagiert die Politik auf steigende Kosten im System der gesetzlichen Krankenversicherung. Ziel ist es, die Beitragssätze stabil zu halten, obwohl die Ausgaben weiter steigen. Dazu greift man auf Rücklagen zurück, erhöht Zuschüsse und versucht, an verschiedenen Stellschrauben die Dynamik der Kosten zumindest zu bremsen. Das Problem wird also anerkannt, immerhin – aber die Antwort bleibt im bestehenden System verhaftet.

Denn was in meinem kleinen Beispiel sichtbar wird, ist im Kern genau das strukturelle Problem, das diese Reform überhaupt notwendig macht. Wenn selbst geringfügige Ausgaben möglichst vermieden und stattdessen auf die Solidargemeinschaft abgewälzt werden, dann summiert sich das zu einem massiven Kostendruck. Die Erwartung, dass „jemand anderes“ zahlt, ist längst zur Normalität geworden. Die Reform versucht nun, die finanziellen Folgen dieses Verhaltens einzudämmen – ohne das Verhalten selbst zu verändern.

Wenn sich Selbstverantwortung nicht lohnt

Und genau darin liegt der entscheidende Punkt: Solange Eigenverantwortung im System kaum eine Rolle spielt oder sich finanziell nicht lohnt, wird sich an der grundsätzlichen Entwicklung wenig ändern. Die Politik stabilisiert Beiträge, indem sie Geld verschiebt, Rücklagen nutzt und Zuschüsse erhöht. Aber sie stellt nicht die Frage, warum Menschen nicht einmal bereit sind, fünf Euro für ihre eigene Gesundheit, für eine Daumenschiene von Amazon, die man übrigens auch zur Knieschiene ummodeln kann, auszugeben. Ohne diese Frage zu beantworten, bleibt jede Reform am Ende nur ein weiterer Versuch, ein dauerhaft überlastetes System kurzfristig zu stabilisieren.

Es ist doch so: Aus einem System der institutionalisierten Unfreiheit heraus, welches Bequemlichkeit belohnt, kann denklogisch keine Eigenverantwortung erwachsen. Wenn allein schon beim Wort „Selbstzahler“ oder „Selbstbehalt“ der gemeine Beamte Bernd oder die Bürgergeld-Berta hektische Flecken und epileptische Anfälle bekommt, läuft etwas gehörig schief. Mit dieser Haltung wird in Deutschland das Mittelmaß, wenn überhaupt noch, in Stein gemeißelt. 

Für höhere Denkleistung muss man für das Scheitern die Verantwortung übernehmen. Freiheit braucht nun mal kein Rezept. Für das Gesundheitssystem heißt das: Eine Gemeinschaft in Zwang vereint, wie sie die GKV nun mal ist, kappt systematisch Leistungsbereitschaft und rationale Entscheidungen.

„Wenn ich nichts riskiere, riskiere ich alles“, meinte einst der geniale Fußballtrainer Pep Guardiola.

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Der nächste Gang …

2 Kommentare. Leave new

  • Stephanie Laux
    14. Mai 2026 8:55

    Oh wie wahr! Will nur keiner hören/lesen. Ich arbeite in einem Sanitätshaus und Fälle wie oben beschrieben erlebe ich an jedem Arbeitstag. Aber auch die Kollegin die mir eine Heilpraktikerin empfohlen hat (die Tochter geht da mit dem Enkel immer hin) lehnte bei ihren Beschwerden eine Konsultation auf meinen Vorschlag hin ab, weil ihr die 60 Euro die Stunde zu viel waren. Aber jeden Monat die Fingernägel machen lassen. Dieses Krankenkassensystem ist ein reiner Selbstbedienungsladen von Pharma, Krankenhausbetreibern, Ärzten und – ja, auch vermeindlichen Patienten die ihre Gesundheit, bzw. Krankheit am liebsten wie das Auto in der Werkstatt zur Reparatur abgeben würden.

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    • Waldemar Cada
      16. Mai 2026 12:11

      „Dieses Krankenkassensystem ist ein reiner Selbstbedienungsladen von Pharma, Krankenhausbetreibern, Ärzten und –“ sehr richtig. Die Krankenversicherung ist doch nicht wegen uns Bürgern verpflichtend eingeführt worden. Nur so kann der Medizinmolloch bedingungslos und im Übrigen weitgehend ohne kontrollierbare Rechnung abkassieren. Wir Pflichtversicherten zahlen, ohne dass uns jemand gefragt hätte, auch noch für Patienten, die noch keinen Euro je ins System eingezahlt haben und dies auch wohl nie tun werden. Langjährig mitversicherte Familienmitglieder sollen dagegen jetzt zusätzlich zahlen. Was für ein Hohn.

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