Ist die Kernfamilie wirklich überlegen?
Freie Fakten #04
Kinder, die in Nuklearfamilien aufwachsen, sind im Durchschnitt physisch gesünder, psychisch gesünder, akademisch erfolgreicher und intelligenter. Nuklearfamilie bzw. Kernfamilie bedeutet: Verheiratete biologische Eltern, Kind oder Kinder. – Dieser Zusammenhang ist in der Forschung bekannt.

Ungeklärte Kausalität
Was jedoch unklar ist, ist, inwiefern die Nuklearfamilie selbst kausal dazu beiträgt. Was ist damit gemeint? Nun, es ist so, dass Menschen ihre kognitiven und nichtkognitiven Merkmale ihren Kindern vererben. Bei Verheirateten gehören zu diesen Merkmalen: Psychische Stabilität, akademischer Erfolg, Zuverlässigkeit und bisweilen auch physische Gesundheit, die von vornherein erst die Gründung einer Familie ermöglicht. Das sind Merkmale, die eine stabile Familienkonstellation begünstigen. Zugleich werden diese Merkmale den Kindern vererbt.
Dieses Phänomen ist in der Sozialwissenschaft als sogenannter Selektionseffekt bekannt: Merkmal A (Veranlagung der Eltern) verursacht sowohl B (stabile Familienstruktur) als auch C (günstige biographische Entwicklung der Kinder). Wenn wir für A nicht kontrollieren, entsteht der Eindruck, B verursache C.
Wie lösen wir dieses methodologische Problem? Indem wir für die Veranlagung der Kinder kontrollieren. Das können wir idealerweise durch Adoptions- oder In-Vitro-Fertilisations-Studien. Eine andere Möglichkeit sind Geschwistervergleiche – die Geschwister teilen nämlich allesamt die Veranlagung der Eltern und zum Teil auch ähnliche frühumweltliche Bedingungen. Adoptivkinder teilen dieselben frühumweltlichen Bedingungen wie ihre Ziehgeschwister, aber eben nicht ihre Veranlagung.
Neue Studie zum Bildungserfolg von Scheidungskindern
Im Jahr 2025 erschien eine Studie, die nicht verschiedene Familien, sondern Geschwister derselben Familie miteinander verglich. Genauer gesagt: Es wurden sogenannte discordante Geschwister miteinander verglichen – also Geschwister, die biologisch Vollgeschwister sind und von denselben Eltern abstammen, jedoch eine andere frühumweltliche Exposition erlebt haben. Als Beispiel: Ein Kind wächst in einer intakten Familie auf. Die Eltern lassen sich scheiden, als das Kind bereits erwachsen war. Ein jüngeres Kind erlebt diese Scheidung jedoch im Kindes- oder Jugendalter.
Die Studie wertete schwedische Registerdaten aus – die skandinavischen Länder sind dafür bekannt, akribisch Daten über ihre Bevölkerung zu Studienzwecken zu sammeln. Diese Registerdaten sind für die Forschung von nahezu unschätzbarem Wert. Der Datensatz umfasste ungefähr 4,3 Millionen Kinder – ein erheblicher Anteil der schwedischen Gesamtpopulation.
Was sich im Allgemeinen zeigt: Scheidungskinder sind akademisch weniger erfolgreich. Ein großer Anteil dieses Zusammenhangs geht auf die bereits erwähnten Selektionseffekte zurück. Aber ein signifikanter Anteil ist anscheinend kausal: Geschwister, die die Scheidung vor dem 18. Lebensjahr erleben, erlangen im Durchschnitt seltener eine Hochschulzugangsberechtigung, besuchen seltener die Universität und absolvieren weniger Bildungsjahre. Die negativen Effekte der Scheidung sind bei Söhnen ausgeprägter.
Dieser Geschwistervergleich legt nahe, dass die Scheidung einen realen negativen kausalen Effekt auf die biographische Entwicklung der Kinder übt und der ursprünglich festgestellte Zusammenhang nicht nur durch Selektionseffekte bedingt ist.
Effekt über die letzten Jahrzehnte
Das Interessante: Der Effekt ist bei jüngeren Kohorten teilweise doppelt so groß. Bei den Alterskohorten zwischen 1952 und 1975 war der Effekt marginal. Bei der Alterskohorte zwischen 1976 bis 1999 ist er deutlich ausgeprägt. In der Studie wurden mehrere Möglichkeiten untersucht, woran das liegen könnte. Hausaufgabenhilfe, Arbeitsangebote der Eltern und Wohnarrangements konnten diesen Zeiteffekt nicht erklären.
Als Hauptmechanismus wird angenommen, dass Scheidungen früher hauptsächlich in dysfunktionalen Familien stattfanden. Die Hemmschwelle, sich scheiden zu lassen, war sehr hoch – religiöse Bedenken, soziale Stigmata, andere persönliche Wertvorstellungen. Ehen, die damals geschieden wurden, waren mutmaßlich in sehr hohem Maße dysfunktional.
In solchen dysfunktionalen Familien ist der negative Effekt der Scheidung oft geringer, da dieser mit einem dysfunktionalen Familienleben verglichen wird. Hingegen lassen sich heutzutage auch funktionierende Familien vermehrt scheiden – sei es, weil die Eltern einen Sinneswandel erleben, wieder Single sein möchten oder weshalb auch immer. Dieser Verlust einer funktionierenden Familienstruktur schadet Kinder in deutlich stärkerem Ausmaß.



