Unternehmen Zuversicht #6
Noch dominieren Angst, Skepsis und eine zögerliche Haltung gegenüber der digitalen Revolution und insbesondere der Künstlichen Intelligenz. In der öffentlichen Debatte wird KI oft als Bedrohung dargestellt. Sie könnte Millionen Arbeitsplätze vernichten, die Macht in den Händen weniger Großkonzerne konzentrieren und uns zu einer abhängigen, entmündigten Gesellschaft machen. Viele Menschen fürchten, dass Maschinen den Menschen überflüssig machen und wir am Ende von einer Superintelligenz verdrängt werden.
Diese Haltung verkennt die Realität. Die Geschichte der Menschheit zeigt jedoch das Gegenteil. Technologische Revolutionen haben stets große Ängste hervorgerufen – und doch war es genau dieser Fortschritt, der Wohlstand, Effizienz und neue Möglichkeiten geschaffen hat. Die Dampfmaschine, die Automatisierung, das Internet – all diese Erfindungen wurden anfänglich mit Skepsis betrachtet, doch sie haben unsere Gesellschaft nach vorn gebracht. Warum sollte es mit der KI anders sein?
Deutschland steht an einem Scheideweg, und wie wir uns zu dieser Frage stellen, weist die Richtung.
Arbeitsplatzkiller? Machtinstrument?
Es ist unbestritten, dass KI zahlreiche Arbeitsplätze in ihrer jetzigen Form obsolet machen wird. Routinetätigkeiten in Verwaltung, Produktion und Logistik werden zunehmend von Maschinen übernommen. Doch was auf den ersten Blick als Bedrohung erscheint, kann sich als riesige Chance entpuppen. Denn jede technologische Umwälzung hat nicht nur Arbeitsplätze vernichtet, sondern auch neue geschaffen.
Mit der KI stehen wir vor einer neuen Ära der Produktivität. Unternehmen wie Neura Robotics zeigen, dass menschenähnliche Roboter für 20.000 Euro realisierbar sind. Schon in wenigen Monaten könnte es zu einer Produktivitätsexplosion kommen, die es ermöglicht, Waren und Dienstleistungen schneller, günstiger und effizienter herzustellen. China wird durch den massiven Einsatz von KI sein Arbeitskräftepotenzial verdoppeln. Und Deutschland? Bleiben wir Zuschauer oder übernehmen wir eine Führungsrolle?
Ein berechtigtes Risiko der KI liegt in der Machtkonzentration. Wer die Kontrolle über Algorithmen und Daten besitzt, kann Märkte dominieren, Gesellschaften manipulieren und politische Systeme beeinflussen. Große Technologieunternehmen haben heute bereits mehr Einfluss als viele Regierungen. Das darf nicht zur neuen Normalität werden.
KI ermöglicht Manipulationen von Nachrichten und Informationen in einem bisher nicht gekannten Ausmaß, etwa durch von KI veränderte Videos und Fotos, die täuschend echt wirken.
Dass KI zur Desinformation eingesetzt werden kann, ist eine ernstzunehmende Gefahr. Greifen Algorithmen auf einseitige Daten zu, liefern sie leicht manipulative oder verzerrte Inhalte. Dies könnte politisch gesteuert werden, um Bevölkerungen zu beeinflussen oder gezielt bestimmte Interessen zu fördern.
Solche Mechanismen lassen sich bereits heute beobachten: In sozialen Netzwerken sorgen KI-basierte Algorithmen dafür, dass Nutzerinnen und Nutzer nur noch bestimmte Inhalte sehen – und dadurch unbemerkt in eine Informations- oder Ideologieblase geraten.
Gefahren, die für mich die Gedanken eines Philosophen wie Karl Popper umso bedeutender erscheinen lassen, der betont, dass wir nie nachlassen sollten, Informationen, Gedanken und Meinungen kritisch zu überprüfen.
Was bedeutet Menschsein in der KI-Ära?
Die KI fordert uns nicht nur wirtschaftlich und politisch heraus, sondern stellt auch grundlegende Fragen zum Menschsein.
Ist der Mensch nur Homo faber, der Macher und Arbeiter, dessen Wert sich über seine Produktivität definiert? Oder ist er auch Homo sapiens, der wissbegierige, nach Wahrheit suchende und schöpferische Geist?
KI kann uns – indem sie uns von monotoner, repetitiver Arbeit befreit – neue Räume für Kreativität, Forschung und soziale Interaktion eröffnen.
Doch damit dies gelingt, müssen wir uns als Menschen nicht nur als arbeitendes Wesen begreifen, sondern als denkendes, fühlendes und gestaltendes Geschöpf.
Der Mensch ist nicht nur ein Problemlöser, er ist auch ein Geschichtenerzähler, ein Forscher, ein Philosoph und ein fürsorgliches Wesen.
Wir haben jetzt die Chance, die durch KI entstehenden Freiräume sinnvoll zu nutzen. Bildung, Kunst, Kultur und zwischenmenschliche Fürsorge könnten wieder mehr in den Mittelpunkt rücken. Anstatt in Angst vor Arbeitsplatzverlusten zu verharren, sollten wir überlegen, wie wir KI nutzen, um eine Gesellschaft zu gestalten, die nicht nur effizienter, sondern auch menschlicher ist.
KI als Werkzeug nutzen
Ich bin von der Digitalisierung angetan. Ich kann auf eine Weise lernen und mich informieren, die zuvor nicht möglich war. Von überall habe ich Zugriff auf Informationen. Ich kann mir von überall her Bücher auf mein Tablet laden, selbst welche, die es hierzulande nicht in Übersetzung gibt, und muss nicht in eine Bibliothek fahren. Die Anregungen und Impulse, die ich online erhalte, sind inspirierend. Ich erhalte regelmäßig Newsletter von Autoren und Organisationen, die ich interessant finde. Ich kann mich über YouTube informieren oder Podcasts hören. Diese vielfältigen Möglichkeiten der Technik begeistern mich.
Ich bin begeistert von den Möglichkeiten der KI, wobei mir ebenso klar ist, dass Vorsicht geboten ist. So wie die KI auf riesige Datenmengen zugreift, kann sie auch Fehler machen, sogenannte „Halluzinationen“ erzeugen – scheinbar plausible, aber falsche Informationen. Ein Beispiel aus eigener Erfahrung: ChatGPT behauptete, ich hätte vier Bücher geschrieben, obwohl es bisher nur eines ist. Diese Fehler entstehen, weil KI auf Wahrscheinlichkeiten basiert und Lücken oft mit plausiblen, aber falschen Informationen füllt. Hier zeigt sich, dass die KI ein mächtiges Werkzeug ist, doch es erfordert menschliches Urteilsvermögen, um ihre Ergebnisse zu überprüfen und richtig zu interpretieren.
Deutschland kann es sich nicht leisten, in der Vergangenheit zu verharren. Statt uns auf Bürokratie und Regulierung zu fokussieren, sollten wir unsere Stärken nutzen: Bildung, Ingenieurskunst, Unternehmertum.
Wir brauchen eine neue Gründerkultur, ein Bildungssystem, das KI früh integriert, und eine Politik, die Innovation ermöglicht statt verhindert.
Elon Musk schätzt die Wahrscheinlichkeit auf 80 bis 90 Prozent, dass KI der Menschheit großen Nutzen bringen wird. Warum? Weil sie uns helfen kann, zentrale Herausforderungen unserer Zeit zu lösen:
- die Energiewende,
- medizinische Durchbrüche,
- wissenschaftliche Forschung
- und bessere Bildung.
In all diesen Bereichen kann KI enorme Fortschritte ermöglichen.
Ein oft unterschätzter Punkt ist ihre Rolle als truth-seeking machine, als Werkzeug zur Wahrheitsfindung. In einer Zeit, in der Ideologien oft die Fakten überlagern und Informationsblasen entstehen, kann KI helfen, objektiver zu sehen.
Sie analysiert riesige Datenmengen, gleicht widersprüchliche Informationen ab und erkennt systematisch Verzerrungen. So entsteht ein klareres, faktenbasiertes Bild der Realität – als Grundlage für bessere Entscheidungen.
Künstliche Intelligenz benötigt enorme Rechenleistung – und damit auch gigantische Mengen Strom. Moderne Rechenzentren, in denen KI-Modelle trainiert und betrieben werden, zählen schon heute zu den größten Stromverbrauchern der digitalen Welt.
Beispiel Nvidia: Der Konzern plant Rechenzentren mit einem Strombedarf von bis zu 1 Gigawatt – das entspricht etwa der Leistung eines mittelgroßen Kernkraftwerks. Auch Amazon, Google und Tesla setzen deshalb auf zuverlässige, CO₂-arme Energiequellen. Viele dieser Unternehmen haben bereits Verträge mit Anbietern von Kernenergie abgeschlossen, um ihre KI-Infrastruktur langfristig abzusichern.
Deutschland und Europa stehen damit vor einer strategischen Entscheidung: Wenn wir technologisch wettbewerbsfähig bleiben wollen, führt kein Weg an einer eigenen Infrastruktur für KI und Hochleistungsrechenzentren vorbei. Dafür brauchen wir eines vor allem: verlässlichen, bezahlbaren und klimafreundlichen Strom – rund um die Uhr.
Ohne den gezielten Ausbau der Kernenergie wird es weder wirtschaftlich noch technologisch möglich sein, mit den USA oder China Schritt zu halten.
Europa darf sich nicht abhängig machen: von außereuropäischen Cloud-Anbietern, von fremdgesteuerten Rechenzentren oder von instabilen Stromimporten.
Jetzt ist der Moment, in dem die Weichen gestellt werden müssen: für eine souveräne Energieversorgung, für eine digitale Führungsrolle und für den Erhalt unseres Wohlstands im Zeitalter der künstlichen Intelligenz.
Deutschland entwickelt Zukunft
Deutschland hat sich immer wieder neu erfunden, von der Industrialisierung über die Automobilrevolution bis hin zum Maschinenbau. Jetzt haben wir die Möglichkeit, die KI-Ära aktiv mitzugestalten.
Wir dürfen nicht in Angst verharren. KI ist da, sie wird sich weiterentwickeln, mit oder ohne uns.
Die Frage ist nicht, ob wir sie nutzen, sondern wie wir sie gestalten. Nutzen wir sie klug, kann sie Wohlstand, neue Freiheiten und ungeahnte Möglichkeiten schaffen.
Der Homo faber, der Mensch als Macher, muss jetzt den Mut haben, die Weichen zu stellen. Gleichzeitig darf der Homo sapiens nicht vergessen werden – der Mensch als Suchender, als Lernender, als Wesen, das Sinn und Wahrheit finden möchte.
Wie wollen wir mit der gewonnenen Zeit umgehen?
Nutzen wir sie, um Neues zu erforschen, unser Wissen zu erweitern und als Gesellschaft enger zusammenzuwachsen? Oder lassen wir uns von Angst und Passivität lähmen?
Ist KI ein scharfes Schwert, das mehr Schaden anrichtet als nützt? Oder erkennen wir ihr Potenzial und machen sie zu einem mächtigen Verbündeten, der unsere Welt verbessert und individuelle Möglichkeiten erweitert?
Die Zukunft gehört nicht denen, die zögern, sondern denen, die handeln. Deutschland steht am Scheideweg, aber ich bin zuversichtlich, dass wir immer noch mehr „Gestalter“ als „Zögerer“ sind.
„Zuversicht ist kein Gefühl, das man einfach hat. Sie ist eine Haltung, die man sich erarbeitet.”
Wilfried Hahn




