Auf dem Plattenspieler: Pink Floyd 

Künstler: Pink Floyd

Song: Another Brick in the Wall (Part 2) – vom Album „The Wall“ (Harvest Records 1979)

Seit ich denken kann, hat mich eine Band ganz besonders in ihren Bann gezogen. Sie veröffentlichte ihr erstes Album in meinem Geburtsjahr und hat mich bereits als Jugendlichen und später als Musiker und Produzent extrem beeinflusst: durch ihre musikalische Eigenwilligkeit und Experimentierfreude sowie ihre grafische Kreativität, ausgelebt auf ihren kunstvollen Albumcovern. Die Rede ist von der legendären englischen Rockband Pink Floyd.

Doch einen wichtigen Aspekt ihres Werkes, die politischen Aussagen ihrer Lyrics, habe ich erst im Laufe der Jahre genauer für mich entdeckt, wobei ein ganz bestimmtes Album dabei eine entscheidende Rolle gespielt hat, das später zum wichtigsten Meilenstein der vier Londoner Musiker wurde. Hier lohnt es sich genauer draufzuschauen:

London, Islington, Herbst 1979. In der Aula der Islington Green School stehen 23 Teenager vor einem Mikrofon. Jeans, Schuluniform, gelangweilte Gesichter. Toningenieur Nick Griffiths drückt auf Aufnahme. „We don’t need no education“, schmettern die Kids. Vier Takes. Dann ist es im Kasten. 

Keiner ahnt, dass diese vier Minuten Musikgeschichte die nächsten 45 Jahre prägen werden. Dass südafrikanische Schüler sie gegen die Apartheid singen. Dass eine halbe Million Menschen sie 1990 in Berlin brüllen, während die echte Mauer fällt. Dass der Song bis heute als Chiffre für jede Form von Gedankenkontrolle steht. „Another Brick in the Wall, Part 2“ war nie als Revolution geplant. Es wurde eine. Um diesen Song komplett zu verstehen, hilft es, einen Blick auf den Longplayer zu werfen.

Pink Floyds Doppelalbum „The Wall“ erschien am 30. November 1979. Ein Monolith: 26 Tracks, 80 Minuten, eine einzige, düstere Erzählung. Hauptfigur Pink, halb Roger Waters, halb Kunstfigur, mauert sich ein. Stein für Stein. Der erste Stein: Der Vater stirbt im Zweiten Weltkrieg. „The old boy was blown to bits“, heißt es später trocken im Text. Der Staat nennt es Heldentod. Für Pink bleibt nur ein leerer Platz am Tisch. 

Der zweite Stein: Die Mutter. Liebe als Klammergriff. „Mother, should I trust the government?“ fragt Pink. Die Antwort: „Hush now, baby, don’t you cry.“ 

Der dritte Stein: Die Schule. Und hier explodiert das Album. Waters, Jahrgang 1943, wuchs im England der Nachkriegszeit auf. Prügelstrafe war Alltag. „Die Lehrer waren sadistische Bastarde“, sagte er 1979 dem Sounds-Magazin. „Sie haben uns gedemütigt, weil sie selbst gebrochene Männer waren.“ 

Diese Erfahrung gießt er lyrisch in Blei: „No dark sarcasm in the classroom / Teachers leave them kids alone“

Produzent Bob Ezrin hörte den Rohmix und hatte eine Idee: „Das braucht einen Disco-Beat. Und Kinder.“ 

Waters hasste Disco. Aber Ezrin setzte sich mit seiner Idee durch. 

Ergebnis: Der einzige Nummer-1-Singelhit in der Geschichte von Pink Floyd. Platz 1 in Deutschland im Januar 1980, 12 Wochen lang. Platz 1 in UK, USA, Australien. Ironie des Schicksals: Ein Song gegen Gleichschaltung wurde zum ultimativen Massenphänomen. 

Der meistmissverstandene Vers des Songs ist zugleich sein wichtigster: „We don’t need no thought control“ – Waters stellte 1980 im Rolling Stone klar: „Es geht nicht gegen Bildung und auch nicht gegen Lehrer. Es geht gegen schlechte Lehrer. Gegen das System, das Kindern beibringt, nicht zu denken, sondern zu gehorchen.“ 

Die doppelte Verneinung ist sprachlich falsch aber rhetorisch perfekt und natürlich volle Absicht. Ein grammatikalischer Aufstand gegen das Regelwerk. David Gilmour, Gitarrist der Band, ergänzte Jahre später in einem BBC-Interview: „Der Song handelt davon, wie Institutionen Individualität ausradieren. Schule, Armee, Ehe. Überall, wo du funktionieren sollst statt zu fühlen.“ 

Für Freiheitsliebende ist das der Kern. Die Mauer ist nicht aus Beton. Sie ist aus Anweisungen. Aus „Das macht man so“. Aus Formularen. Aus der Angst, aus der Reihe zu tanzen. „The Wall“ seziert, wie aus freien Menschen „bricks“ werden: austauschbar, tragfähig, stumm.

Mai 1980, Soweto. Schwarze Schüler boykottieren den Unterricht. Ihre Schulen sind schlechter ausgestattet, ihr Lehrplan ist Propaganda. Bei den Protesten singen sie einen Song aus England: „We don’t need no education.“ Die Antwort des Apartheid-Regimes kommt prompt: Am 2. Mai 1980 verbietet die Regierung den Verkauf und das Abspielen von „Another Brick in the Wall“. Begründung: „Aufwiegelung zum Unfrieden“. Weil ein Staat merkt, dass drei Akkorde gefährlicher sein können als Molotowcocktails. 

Albie Sachs, später Verfassungsrichter Südafrikas, schrieb in seinen Memoiren: „Der Song gab uns eine Sprache. Er sagte, was wir fühlten: Dieses System will uns zu Ziegeln für ihre Mauer machen. Wir weigerten uns.“

Berlin, 21. Juli 1990: Es gibt Konzerte. Und es gibt Rituale. Roger Waters’ „The Wall“ am Potsdamer Platz war ein Ritual. Und ich mittendrin, ganz frisch nach Berlin gezogen, acht Monate nach dem Mauerfall. Das Gelände noch vermint, noch Todesstreifen. 350.000 Menschen. Scorpions, Ute Lemper, Joni Mitchell, Van Morrison. Und über allem: eine 25 Meter hohe Mauer aus Styropor, die am Ende des Konzerts eingerissen wird. 

Als „Another Brick“ einsetzt, fliegt ein Schulmeister als Marionette über die Bühne. Das Publikum singt nicht mit. Es schreit. Viele von ihnen sind in DDR-Schulen gedrillt worden. Staatsbürgerkunde statt Fragen. Kollektiv statt Ich. Waters brüllt ins Mikro: „Tear down the wall!“ – 350.000 Kehlen antworten. In diesem Moment ist der Song keine Metapher mehr. Er ist Bauanleitung. Ein Reporter der FAZ notierte damals: „Hier stürzt nicht nur eine Mauer aus Pappe ein. Hier stürzt das Prinzip Mauer ein.“

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Die Rohrstöcke sind weg. Die Mauern nicht. Heute heißt die Mauer „Kompetenzraster“. Sie heißt „Sie befinden sich außerhalb der Community-Richtlinien“. Sie heißt „Der Algorithmus hat entschieden“. 

Subtiler, sauberer, aber mit dem gleichen Ziel: Vorhersehbarkeit. Konformität. Der britische Erziehungswissenschaftler Frank Furedi schrieb 2015: „Wir haben die autoritäre Pädagogik nicht abgeschafft. Wir haben sie therapeutisiert. Aus Drill wurde Dauerevaluation. Das Ergebnis ist dasselbe: Angst vor Fehlern.“

Das ist die neue „thought control“. Keine Demütigung vor der Klasse, sondern ein Punktesystem, das dir sagt, wie angepasst du bist. Keine Prügelstrafe, sondern der sanfte Druck, bloß nicht anzuecken, weil die Akte es sich merkt. Deshalb trifft „The Wall“ auch heute oder gerade heute den Nerv. 

Waters’ Diagnose war nicht auf die 50er begrenzt, sie war systemisch: Jede Macht, die Menschen verwaltet, tendiert dazu, sie zu Steinen zu machen. Der Staat, die Schule, die Firma, die Blase usw.

Das Album endet nicht mit Revolution. Es endet mit „Outside the Wall“. Einem leisen Song. Nach dem Prozess, nach dem Zusammenbruch, nach dem Abriss stehen Menschen da. „The ones who really love you / walk up and down outside the wall.“

Die Pointe: Freiheit ist kein Zustand. Sie ist Beziehung. Sie entsteht, wenn du aufhörst, dich zu mauern. Wenn du das Risiko eingehst, ohne Ziegel zu leben. Durchlässig, angreifbar, echt. Roger Waters sagte 2010 auf der The Wall Live-Tour: „Die Mauer ist das, was du zwischen dich und deine Angst baust. Aber die Angst geht nicht weg. Sie zieht bei dir ein.“ 

Und damit sind wir bei bei uns, im Jetzt. Die Frage ist nicht, ob da draußen Mauern stehen. Sie stehen definitiv. Immer. Die Frage ist, welche wir selbst mitgebaut haben. Aus Gewohnheit. Aus Sicherheit. Aus „Das macht man so“. Pink Floyd hat uns keinen Song gegen Bildung geschenkt. Sie haben uns den Soundtrack zum Abriss geschenkt. Zum Abriss jeder Struktur, die aus uns Material machen will.

45 Jahre. Der Song ist nicht gealtert. Also bleiben wir dran: Tear down the wall.

Sehen und hören Sie hier das Originalvideo „Another Brick in the Wall pt.2“ auf YouTube.

Hier finden Sie auch das Originalvideo von „Another Brick in the Wall pt.1“ auf YouTube.

Es lohnt sich auch das komplette Album „The Wall“ zu hören, das finden Sie ebenfalls hier auf YouTube.

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