Der deutsche Schulpflicht-Mythos bröckelt

In Deutschland gilt die Schulpflicht als unantastbar. Wer sie in Frage stellt, begeht beinahe ein Sakrileg, denn Schulpflicht sei angeblich großartig. Doch die Realität zeigt etwas anderes. Genau deshalb wird das Thema jetzt wieder heiß. 

Passend zu den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt kommt auch noch ein Vorschlag von der AfD. Hier würde die Partei die strenge Schulpflicht durch eine Bildungspflicht ersetzen, ähnlich wie in Österreich, so ihr Wahlprogramm. Eltern sollen selbst entscheiden dürfen: Schule oder Heimunterricht, kontrolliert nur durch halbjährliche zentrale Prüfungen.

Die große Aufregung

Das Ganze klingt auf eine Art harmlos, die Reaktion von Länderregierungen und anderen Parteien war es nicht. Hamburg, Thüringen und Sachsen-Anhalt haben ziemlich zügig, nachdem die AfD diese Idee in die Welt gesetzt hatte, die Bundesregierung aufgefordert, Bestrebungen zur Aufweichung der Schulpflicht entgegenzutreten. Die allgemeine Schulpflicht sei eine „unverzichtbare Grundlage“ für ein leistungsfähiges, gerechtes und integrationsstarkes Bildungssystem. 

Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) fürchtet, wer die Schulpflicht abschaffe, lege „die Axt“ an das deutsche Bildungssystem. Sachsen-Anhalts Bildungsminister Jan Riedel (CDU) sieht in der Schule viel mehr als die Vermittlung von Wissen. Von Werten und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung war die Rede, und die gelte es an Pult und Tafel zu verteidigen. Ähnlich sieht es auch Christian Tischner, Thüringens Bildungsminister von der CDU: „Wer damit die Schulpflicht in Frage stellt, der stellt auch die moderne Demokratie und den modernen Rechts- und Sozialstaat in Frage.“ Elternvertreter argumentieren ähnlich. Hier spielen auch noch die eigene Arbeitsbelastung und das oft missglückte Homeschooling während Corona eine Rolle. 

Was uns die große Mehrheit der Verteidiger sagen wollen, ist folgendes: Schulpflicht schützt Kinder, sorgt für Chancengleichheit, verhindert Parallelgesellschaften und schmiedet kleine Demokraten. Ohne sie würde alles den Bach runtergehen, abhängig von Elternhaus, Religion, Geldbeutel, politischer Gesinnung.  

Große Versprechen stoßen auf bittere Realität

Der Staat stilisiert die Schulpflicht zur tragenden Daseinsvorsorge, aber die Realität haut diese Idee ganz locker in die Ecke. PISA 2022 war eine einzige Blamage. Im europaweiten Vergleich liegt Deutschland auf Rang 13 von 21. Irland liegt auf Platz zwei, und hier ist Heimunterricht sogar ein verfassungsmäßig garantiertes Recht. Estland ist auf Platz eins, ermöglicht auch einem Heimunterricht mit Überprüfung von Leistungen auf Antrag der Eltern. Sicher sind diese Systeme unterschiedlich, aber Schulpflicht garantiert keinen Bildungserfolg.

Und wie sieht es so aus, auf Platz 13? Immer mehr Jugendliche verlassen die Schule ohne Abschluss. In Sachsen-Anhalt waren es satte 13,4 Prozent im Schuljahr 2024/25. In Irland hingegen ist die Zahl gesunken. Aus 5 Prozent Schulabbrechern 2020 wurden 3,6 Prozent im Jahr 2025. 

Was sind die Gründe für die hohe Quote in Deutschland? Da sind zunächst der Lehrermangel und häufige Unterrichtsausfälle zu nennen. Den Schüler freut’s vielleicht, aber irgendwann eben nicht mehr. Die Hälfte der frühzeitigen Abgänger kommt übrigens aus Brennpunktschulen, also den Schulen, an denen oft genug Wildweststimmung mit High-Noon-Shootout angesagt ist. Und ja, Kinder haben Angst vor ihren Mitschülern. Gerade hier kommen Probleme wie schlechte Deutschkenntnisse, prekäre Familienverhältnisse und eben Gewalt hinzu. Der Staat wiederholt sich mit: „Schulpflicht sichert Bildung für alle!“

Bildung oder Anwesenheit?

Dabei begehen die Befürworter des Systems einen fundamentalen Denkfehler, sie setzen Schulbesuch mit Bildung gleich. Das ist schlicht Unsinn. Entwicklungspsychologen wie Peter Gray („Free to Learn“) und die klinische Psychologin Naomi Fisher erklären seit Jahren, dass Kinder vor allem durch Neugier, freies Spiel, Selbstbestimmung und echte Interessen lernen und nicht durch Zwang, 45-Minuten-Takte und ständigen Leistungsdruck. Das ist im Prinzip schon einem Pestalozzi aufgefallen. Bei vielen Kindern, besonders neurodivergenten oder hochsensiblen, ist der Anwesenheitszwang laut Fisher das eigentliche Problem. 

Bildungsforscher Alan Thomas ergänzt diese Sicht. Viele Kinder lernen außerhalb der Schule oft natürlicher, tiefer und nachhaltiger als im Schulbetrieb. Schulpflicht garantiert keine Bildung, sondern zunächst physische Anwesenheit im Klassenraum. Ob dabei wirklich etwas gelernt wird, scheint Nebensache zu sein.

Wie sieht es mit den großen Dingen aus, Gesellschaft, Demokratie, Gerechtigkeit und Integration? Kann da die deutsche Schule etwas bewirken? In vielen oben genannten Institutionen ist normaler Unterricht schwierig, und dann kommt noch die unangenehme Frage nach der Ausgewogenheit der Inhalte hinzu. Es ist kein Verschwörungsunfug zu behaupten, dass manche Perspektiven (Umwelt, Diversity, Antirassismus, seit Neustem Verteidigung und Bundeswehr etc.) sehr laut und oft in den Schulen auftauchen, und mit ihnen Vereine, Nichtregierungsorganisationen, offiziell eingeladen von den Bildungsstätten.

Die unangenehme Frage nach der Ausgewogenheit 

Das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ finanziert mit Millionen Euro zahlreiche Projekte. Die Dimensionen sind schon groß, bundesweit geht es um rund 180–200 Mio. Euro jährlich, auf Sachsen-Anhalt heruntergebrochen wären das rechnerisch etwa 4,6 Mio. Euro. Leider kann man den direkt schulbezogenen Anteil hier nicht herausrechnen, der ist nicht gesondert ausgewiesen.

Die Amadeu-Antonio-Stiftung und „Schule ohne Rassismus“ liefern Materialien und Workshops. Greenpeace („Schools for Earth“) motiviert Schüler explizit zum politischen Engagement. Dazu kommen QUEERFORMAT für queere Bildung, dann noch HateAid und klicksafe zu „Hassrede“ und Desinformation. Ganz schön viel, oder? Leute von Aral oder Kernforscher findet man im Klassenraum eher weniger. 

Das Neuland Internet wird oft genug mit dem Wort Gefahr verknüpft. Gegenpositionen zu Energiewende-Kosten, Integrationsproblemen, biologischen Grundlagen der Geschlechtsidentität oder zur Definition von „Hassrede“ tauchen in diesen Materialien kaum auf. Der Beutelsbacher Konsens wird hier regelmäßig zum Gummiparagrafen.

In keiner Weise parteipolitisch motiviert ist Biologin und Sexualpädagogin Karla Etschenberg. Sie kritisiert, dass Sexualerziehung in Kita und Grundschule oft zu früh, zu explizit und absichtlich grenzüberschreitend stattfände. Bernd Ahrbeck, Psychoanalytiker und Erziehungswissenschaftler oder Alexander Korte, Kinder- und Jugendpsychiater, warnen vor einer Pädagogik, die Kindern unter dem Anspruch von Fortschritt und Vielfalt Orientierung nimmt. Gleichzeitig stellen beide fest, dass Kinder und Jugendlichen Lösungen für sensible Entwicklungsfragen übergestülpt werden, und das in einer bestimmten ideologischen Art und Weise. 

Andere Kritiker, wie die ehemalige Lehrerverbandspräsidenten Heinz-Peter Meidinger und Josef Kraus sehen eine wachsende Vermischung von politischer Bildung mit purem Aktivismus. Und die Stiftung Warentest hat schon 2007 in einer großen Untersuchung massive fachliche Fehler und einseitige Darstellungen in Schulbüchern nachgewiesen. Man kann also ohne rechts zu sein sehen, dass Schule unter dem Deckmantel der Schulpflicht zunehmend ihre weltanschauliche und geistige Ausgewogenheit und pädagogische Sorgfalt verliert. 

Damit macht der Staat Kinder und Jugendliche zu einem nahezu schutzlosen Publikum für eine Vielzahl hochgradig politisierter Akteure. Eltern, die mit manchen Inhalten nicht einverstanden sind, haben praktisch keine Möglichkeit, ihre Kinder dem zu entziehen. Schulpflicht wird so zur Zwangsverpflegung mit einer bestimmten Weltanschauungstendenz, während der Staat gleichzeitig behauptet, er sichere demokratische Bildung.

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Steht Schulpflicht einer freien Gesellschaft entgegen?

Die Kritik am deutschen Schulsystem ist eben keine AfD-Sache. Philosoph Philip Kovce fordert sogar die Abschaffung der Schulpflicht. Er nennt sie eine unwürdige Zwangsveranstaltung, die Eltern entmündige und Kinder unnötig bevormunde. Für ihn ist die historische Aufgabe der Schulpflicht (Kinder vor Kinderarbeit zu schützen) längst erledigt. Heute behindere sie vor allem die freie Entfaltung der Persönlichkeit und echte Integration. Denn erzwungene Gemeinschaft schafft keine echte Integration, sondern nur „Solidarität unter Leidensgenossen“. 

„Wenn der Schule in einer freien Gesellschaft eine Integrationsfunktion zukommen soll, müssen wir die Schulpflicht endlich abschaffen.“ – So äußerte er sich im Deutschlandfunk im Jahr 2017, die Diskussion gibt es also nicht erst seit dem Wahlkampf in Sachsen-Anhalt.

Internationale Beispiele geben ihm Recht. In Irland, in Österreich, den USA und Australien funktioniert Bildungspflicht ohne Schulpflicht seit Langem. Wie Pisa zeigt, auch oft mit besseren Ergebnissen. Umfragen beschreiben deutlich zufriedeneren Eltern. Auch wenn es den Hütern der Schulpflicht nicht passt, spricht der böse Bote mit seinem Vorschlag also ein großes, lange unterdrücktes Problem an. Eine Schulpflicht, die weder ordentliche Bildungsergebnisse noch Neutralität oder echte Pluralität liefert, sondern stattdessen Abbrecherquoten in die Höhe treibt, Unterricht ausfallen lässt und einseitige Ideologie in die Köpfe pumpt, dient zur Verwaltung einer Misere, sie trägt nicht zur Lösung bei. 

Es ist ein Problem, das sich nicht durch pathetische Worte, Retro-Bildungskitsch oder den Verweis auf rechtsextreme Tendenzen lösen ließe. Eigentlich müssten die, die behaupten, ein Ende der Schulpflicht würde die „Axt an die Demokratie“ legen, endlich erklären, warum ein so kaputtes System unbedingt besser als ein reformiertes und freies sein soll. 

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