Der Retter der Mütter
Auseinandersetzungen über das richtige Maß an Hygiene liegen noch nicht lange hinter uns. Im Fokus dabei auch immer das Spannungsfeld zwischen individueller Freiheit und Verantwortung für andere, zwischen wissenschaftlicher Evidenz und angemessener Vorsicht auf der einen Seite sowie Unruhe, übertriebener Vorsicht und Überängstlichkeit auf der anderen.
Übertrieben fand ich es beispielsweise, dass Ende März 2020 und ab November 2020 die Bar, in der ich arbeitete, schließen musste und ich schließlich meinen Job verlor. Beibehalten habe ich jedoch die Vorsichtsmaßnahme, dass ich, wie in der Corona-Zeit, die Griffe von Einkaufswagen desinfiziere und, wenn möglich, das Händeschütteln zur Begrüßung vermeide. In manchem unfreundlichen oder unverständlichen Blick, der mir dabei begegnet, spüre ich dieses Spannungsfeld bis heute: Was ist bei der Hygiene angemessen?
Ein Spannungsfeld, in dem sich der vor 208 Jahren geborene Arzt Ignaz Semmelweis aufrieb. Erst lange nach seinem Tod erfuhr er Anerkennung und wurde als „Retter der Mütter“ bekannt, weil er die Ursache des Kindbettfiebers entdeckte und wirksame Maßnahmen gegen die damals häufigste Todesursache bei Wöchnerinnen empfahl.

Zwischen Erkenntnis und Widerstand
Ignaz Semmelweis wurde am 1. Juli 1818 im Königreich Ungarn, das damals zum Kaisertum Österreich gehörte, geboren. 1837 kam er nach Wien, um Rechtswissenschaft zu studieren. Doch bereits 1838 wechselte er zur Medizin. Sein Studium setzte er 1839 bis 1840 in Pest fort und kehrte 1841 nach Wien zurück. 1844 schloss er es mit dem Magister der Chirurgie und Geburtshilfe sowie der Promotion zum Doktor der Medizin ab.
Semmelweis gilt heute als einer der entscheidenden Wegbereiter der Antisepsis. Doch er war keine triumphierende Figur der Medizingeschichte, sondern eine tragische. Seine bahnbrechenden Erkenntnisse ernteten bei den meisten Kollegen Spott und Ablehnung. Er selbst sah sich heftigen Anfeindungen ausgesetzt.
Dabei war die Sterblichkeit in den großen Krankenhäusern jener Zeit enorm. Etwa ein Viertel aller stationären Patienten starb. Die Wahrscheinlichkeit, eine Operation nicht zu überleben, war hoch. Die Hälfte aller Operierten starb nach ihrer OP, in der Feldchirurgie überlebte sogar nur jeder Zehnte. Die Ursachen? Man tappte im Dunkeln und schrieb die Todesfälle atmosphärischen, kosmischen oder anderen vagen Einflüssen zu.
Semmelweis fasste die Lage so zusammen: „Alles war unerklärt, alles war zweifelhaft, nur die große Anzahl der Toten war eine unzweifelhafte Wirklichkeit.“
Die Spur der Leichen
Kindbettfieber war seit der Antike bekannt, doch zum Massenphänomen wurde es erst, als Frauen begannen, in Kliniken zu gebären.
Eine schlimme Entwicklung, die Semmelweis keine Ruhe ließ: „Es liegt auf meinem Gewissen, daß Tausende und Abertausende von Wöchnerinnen und Säuglingen gestorben sind, die hätten gerettet werden können.“ Und er sah genauer hin.
In Wien wurden Medizinstudenten und Ärzte in einer Klinik ausgebildet, während Hebammen in einer anderen arbeiteten. Auffällig war: Wo Hebammen entbanden, starben deutlich weniger Frauen.
Semmelweis führte dies schließlich auf die Praxis der „pathologischen Anatomie“ zurück: Ärzte und Medizinstudenten sezierten häufig zu Studien- und Übungszwecken Leichen. Wenn sie anschließend zu den werdenden Müttern gingen, wuschen sie sich vielleicht noch schnell die Hände mit Seife und Wasser, bevor sie vaginale Untersuchungen durchführten. Sie desinfizierten sich aber nicht die Hände und übertrugen so das Leichengift auf die Mütter.
Den entscheidenden Hinweis lieferte Semmelweis ein persönlicher Verlust: Sein befreundeter Gerichtsmediziner Jakob Kolletschka starb 1847 an einer Blutvergiftung, nachdem ihn ein Student bei einer Sektion mit dem Skalpell verletzt hatte. Das Krankheitsbild ähnelte dem Kindbettfieber erschreckend. Semmelweis erkannte den Zusammenhang.
Seine Reaktion war für die damalige Zeit radikal: Ärzte und Studenten in seinem Verantwortungsbereich mussten ihre Hände vor jeder Untersuchung mit Chlorkalklösung reinigen. Zusätzlich führte er strenge Waschregeln ein. Der Erfolg war eindeutig: Die Sterblichkeit sank innerhalb kurzer Zeit drastisch.
Der Preis einer bahnbrechenden Entdeckung
Trotz der offensichtlichen Ergebnisse schlug Semmelweis vor allem Ablehnung entgegen. Viele Kollegen empfanden seine Forderungen als Zumutung. Die Desinfektionslösung griff die Haut an, vor allem aber verletzte seine Theorie den Stolz der Ärzteschaft. Denn sie bedeutete letztlich, dass Ärzte selbst verantwortlich für zahllose Todesfälle gewesen sein könnten.
Semmelweis geriet zunehmend ins Abseits. Seine Erkenntnisse wurden verspottet, seine Veröffentlichungen als übertrieben oder unwissenschaftlich abgetan. Erst Jahrzehnte später erkannte die Medizin die Bedeutung seiner Arbeit.
1865 starb Semmelweis mit nur 47 Jahren in einer psychiatrischen Einrichtung bei Wien – ausgerechnet an einer Blutvergiftung, jener Erkrankung also, deren Erforschung ihn berühmt machen sollte.
Dass Händewaschen, Desinfektion und sterile Instrumente heute selbstverständlich erscheinen, ist auch sein Verdienst.
Vielleicht erklärt sein Schicksal, warum Diskussionen über Hygiene bis heute emotional geführt werden. Denn sie berühren dieselbe Frage wie schon zu Semmelweis’ Zeiten: Wie viel Rücksicht schulden wir anderen, selbst wenn uns Schutzmaßnahmen unbequem erscheinen? Wie offen sind wir für Evidenz? Wie bereit sind wir, uns selbst ein Bild zu machen und auch zu unangenehmen Rückschlüssen zu kommen, die die Menschen um uns herum als Unfug ansehen? Wie bereit sind wir, uns von persönlichen Fehlern, auch Schuldgefühlen, und tatsächlicher Schuld zu lösen, um „es“ von nun an richtig zu machen?
Semmelweis wusste, dass seine Erkenntnisse bedeuteten, dass Ärzte – also seine eigenen Kollegen und letztlich auch er selbst – ungewollt den Tod vieler Frauen verursacht hatten. Er verschloss vor dieser bitteren Erkenntnis nicht seinen Blick und ging gegen jeden Widerstand, auch den eigenen, den Weg, den er als richtig ansah. Selbst wenn dieser Weg für ihn persönlich tragisch endete.
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