Auf dem Plattenspieler: Simple Minds
Künstler: Simple Minds
Song: Don’t You (Forget About Me) – erschienen auf dem „The Breakfast Club – Original Motion Picture Soundtrack“, A&M Records 1985
Einer der bekanntesten Filmsongs der 1980er-Jahre begleitet einen Streifen über Jugendliche, die gegen festgelegte Rollenbilder kämpfen: „Don’t You (Forget About Me)“ der britischen Band Simple Minds aus dem Soundtrack zu „The Breakfast Club“.
Die Ironie dahinter ist wenig bekannt, aber geradezu absurd. Denn dieser Track, der passend zum Film von individueller Identität handelt, entsteht selbst aus einem System, das genau das Gegenteil produziert: aus vorgefertigten Rollen, klaren Funktionen und einem vordefinierten Zweck.
„Don’t You (Forget About Me)“ existiert nämlich bereits vollständig, bevor die Band überhaupt beteiligt wird: geschrieben von externen Songwritern, konzipiert als funktionaler Filmsong und gedacht als emotionaler Baustein innerhalb eines größeren Ganzen. Genau so funktionierte die Soundtrack-Industrie der 1980er-Jahre meistens.
Und ausgerechnet aus einem solchen Konzept entsteht später einer der charakteristischsten „Ausbruch-Songs“ seiner Zeit – allerdings nur, weil genau dieses Prinzip in diesem Fall nicht vollständig aufgeht …
Als die Geschichte der Nummer beginnt, sind Simple Minds bereits längst auf dem Weg nach oben. Jim Kerr, Charlie Burchill, Brian McGee, Mick MacNeil und Derek Forbes fanden sich in ihrer Heimat Glasgow schon Ende der 1970er-Jahre zusammen und entwickelten sich von experimentellem Post-Punk immer stärker in Richtung großer, hymnischer Rocksounds.
Mit „Sparkle in the Rain“ gelingt ihnen 1984 der kommerzielle Durchbruch über Großbritannien hinaus in weiten Teilen Europas. In den USA bleibt der große Erfolg zunächst noch aus.
Zu dieser Zeit arbeitet der Produzent Keith Forsey an mehreren Filmprojekten in Hollywood. Forsey gehört damals zur ersten Liga der Soundtrack-Produzenten, gemeinsam mit Giorgio Moroder schrieb er beispielsweise „Flashdance… What a Feeling“, das 1984 den Oscar für den besten Filmsong gewann.
Für einen neuen Jugendstreifen produziert er ein Stück mit dem Titel „Don’t You (Forget About Me)“. Regisseur John Hughes ist großer Fan britischer Bands wie Echo & the Bunnymen, OMD und vor allem Simple Minds – und möchte unbedingt, dass eine dieser Gruppen den Song aufnimmt.
Sein Problem: Keine der Bands will! Als die Demo bei Simple Minds landet, verschwindet sie etwa monatelang in der Jackentasche ihres Keyboarders Mick MacNeil.
Als Keith Forsey deshalb später persönlich nach Schottland fliegt und versucht, die Gruppe zu überzeugen, lehnen die Musiker mehrfach ab. Sie schreiben ihre eigenen Songs, arbeiten gerade an neuem Material und haben schlichtweg keinerlei Interesse daran, eine einfache „Auftragsarbeit“ zu übernehmen.
Dazu kommt noch etwas anderes: „The Breakfast Club“ handelt von amerikanischen Highschool-Schülern und den sozialen Rollenbildern ihres Schulalltags, in die sie gedrängt werden – eine Welt, mit der eine Band aus Glasgow naturgemäß wenig anfangen kann.
Keith Forsey sucht trotzdem weiter das Gespräch, verbringt Zeit mit der Band, geht mit ihnen feiern und versucht weniger, sie zu überreden, als sie langsam für die Idee zu öffnen.
Irgendwann fällt schließlich der Satz, der die Sache ins Rollen bringt: Simple Minds mögen die Nummer testweise aufnehmen. Wenn sie tatsächlich schlecht funktioniert, dann funktioniert sie eben nicht. Man habe nichts zu verlieren. Also stimmt die Band schließlich zu – weiterhin unmotiviert und widerwillig, aber immerhin: Ein Nachmittag im Studio, ein Versuch.
Und genau an diesem Nachmittag beginnt das Interessante: Die Simple Minds spielen den Song nicht einfach so, wie er gedacht war. Charlie Burchill verstärkt die Gitarren beispielsweise massiv und verwandelt das Intro beinahe in eine überzeichnete Stadionrock-Version seiner selbst. Die Band zieht das Stück vollständig in ihre eigene Klangwelt hinein: Aus einem eher funktionalen Filmsong wird plötzlich etwas Großes, Offenes, Hymnisches.
Später sagte Burchill, die Akkorde seien tatsächlich als Karikatur amerikanischer Arena-Rock-Sounds gedacht gewesen. Die Änderungen waren eine bewusste Überzeichnung des Fremden – eine spielerische, fast rebellische Gegenbewegung zur Vorlage.
Am deutlichsten zeigt sich diese Verschiebung am Ende, als Jim Kerr eine Passage improvisiert, die ursprünglich nicht als finaler Teil vorgesehen war: das berühmt-berüchtigte „La-la-la-la…“. Eigentlich nur ein Platzhalter, da Kerr noch keinen fertigen Text dafür hatte und die Stelle später ersetzen wollte. Doch Produzent Keith Forsey bestand als er das hörte umgehend darauf, diese Version zu behalten. Für ihn hatte es etwas magisches. So wurde ausgerechnet das Unfertige zum emotionalen Zentrum des Songs.
Das ist vermutlich der interessanteste Punkt der gesamten Geschichte: Praktisch alles, was „Don’t You (Forget About Me)“ später unverwechselbar macht, entsteht dort, wo das vorgefertigte Konzept aufbricht.
Als „The Breakfast Club“ 1985 erscheint, wird der Film sofort ein riesiger Erfolg. Als musikalischer Höhepunkt im Finale des Streifens explodiert folgerichtig auch „Don’t You (Forget About Me)“: Platz 1 in den USA und Kanada, zahlreiche Top-10-Platzierungen weltweit und unzählige Anfragen, das Stück in Fernsehshows und auf Festivals zu spielen. Plötzlich steigen Simple Minds mit dieser Nummer von einer erfolgreichen europäischen Band zu einem globalen Mainstream-Act auf!

Doch dieser Erfolg katapultiert die Gruppe nicht nur nach vorne, er bringt auch Einbußen mit sich: Ein relativ großer Teil ihres bisherigen Publikums nimmt sie nun nicht mehr als eigenständige Art-Rock-Band wahr, sondern als Teil jener MTV-geprägten Pop-Industrie, von der sie sich zuvor bewusst abgegrenzt hatten. Die gespaltene Fangemeinde wirkt schließlich sogar nach innen – und trägt in den folgenden Jahren auch zu internen Spannungen und mehrfachen Umbesetzungen der Band bei.
Der Erfolg von „Don’t You (Forget About Me)“ erinnert daran, dass kreative Leistungen sich nur begrenzt planen lassen: Songwriter konnten den Entwurf liefern, Produzenten die Richtung vorgeben und die Filmindustrie den Zweck definieren – unvergesslich wurde das Ergebnis jedoch erst dort, wo Menschen begannen, von der Vorlage abzuweichen.
Die Geschichte dieses Tracks erzählt also nicht vom Triumph eines perfekten Plans. Sie zeigt vielmehr, wie viel entstehen kann, wenn Menschen den Freiraum haben, etwas Eigenes einzubringen. Denn oft sind es nicht die Vorgaben, die in Erinnerung bleiben, sondern die unerwarteten Entscheidungen, die niemand vorausgesehen hat …
Hören Sie hier „Don’t You (Forget About Me)“ von Simple Minds.



