Smart, aber entfremdet

Ich möchte das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Gegenüber technischen Innovationen habe ich Respekt, und ich bin auch dankbar für den medizinischen Fortschritt, der zum Wohle des Menschen entwickelt wird. Wer schon einmal die Notfallmedizin oder moderne Schmerztherapie rettend erfahren hat, schätzt sich dankbar, nicht mehr in jener Epoche der Menschheit zu leben, in der unsterile Instrumente und fehlende Infrastruktur zum Tod führten.

Im Versuch, für alle Probleme eine technologische Lösung zu finden, gerät die Menschheit jedoch in den Strom des Transhumanismus. Der Einsatz von »smarten« Technologien im täglichen Leben nimmt immer mehr zu. Und überall, wo »smart« draufsteht, steckt »Big Data« drin: also die Generierung und Weitergabe von Daten – und damit die Möglichkeit einer weitreichenden Kontrolle. 

Verkauft werden die Produkte marketingmäßig sehr clever. Einem fitnessbegeisterten Menschen wird suggeriert, dass er ständig die neuesten Gadgets braucht. Das kann der Schrittzähler, der Fitnesstracker am Handgelenk, die Pulsuhr oder der smarte Ring am Finger sein. Diese Produkte werden mit dem Versprechen angeboten, dass die Aufzeichnung von Daten die individuelle Gesundheit verbessert. 

Balanced Lifestyle Smartphone Screen

In Wirklichkeit führen sie jedoch zur Entfremdung vom eigenen Körper. Das Horchen auf die Körpersignale wird ersetzt durch die automatische Aufzeichnung von Körperfunktionen, die dann auf geschickte Art und Weise visualisiert wird. Das sichtbare Messergebnis zieht Menschen derart in den Bann, dass sie ihr eigenes Fühlen nach innen verlernen. Sie entfernen sich von der körpereigenen Wahrnehmung und lassen ein technisches Gerät darüber Auskunft geben, wie sich der Körper gerade befindet. Wie paradox!

Die Aufnahme von Signalen aus dem Körperinneren bezeichnet man als Interozeption. Sie ermöglicht uns z.B. das Spüren von Hunger, des Herzschlags und der Atmung oder das Wahrnehmen des Bauchinnenraums. Diese Körperwahrnehmung als analoges, echtes Fühlen entsteht durch das Zusammenspiel verschiedener spezialisierter Sinneszellen (Rezeptoren), die Informationen an das Gehirn melden. Wir dürfen unserem Körper danken, dass er uns diese Möglichkeit schenkt.

Natürlich bieten diese Geräte, wie GPS-Tracker, Fitness-Tracker oder Smartwatches, auch gewisse Vorteile, wie z.B. die Möglichkeit, den Standort von Gegenständen zu überwachen (z.B. nutzbar beim Fahrrad-Diebstahl). Seien wir uns dennoch über Vor- und Nachteile dieser smarten Geräte bewusst, um informierte Entscheidungen über den Einsatz solcher Technologien zu treffen. Die fragwürdigen Aspekte, wie z.B. Datenschutz, Sicherheit, Abhängigkeit und Überwachung sollen bedacht werden.

Die ständige Verfügbarkeit von Tracking-Technologien kann dazu führen, dass Menschen sich zu sehr auf diese Geräte verlassen und weniger auf ihr eigenes Urteilsvermögen vertrauen. Die Wahrnehmung der eigenen Körpersignale geht verloren – der Mensch entfernt sich von der eigenen Natur. 

In welche Abhängigkeit begeben wir uns, wenn uns eine Tracking-App sagt, was uns nicht guttut und der smarte Ring uns über unsere aktuelle Resilienz in Kenntnis setzt? Wie fremd ist uns der eigenen Körper geworden, wenn uns eine App per »Push-Nachricht« dazu auffordert, uns während der Computerarbeit auf dem Bürostuhl wieder etwas zu bewegen? Es ist doch kein Wunder, wenn Menschen unfähig werden, sich selbst und ihren Körper wahrzunehmen. 

Für die britische Schriftstellerin Mary Harrington ist die Technologie die »Theologie unserer heutigen Welt«. Und ich stimme ihr zu, wenn sie sagt, dass wir einen Krieg gegen unsere eigene Natur führen. Leider bemerken dies viele Menschen nicht.

Wohin entwickeln wir Menschen uns, wenn wir für unser Wohlbefinden einen externen Sensor benötigen, anstatt die Millionen von Rezeptoren zu nutzen, die uns der Körper zur Verfügung stellt? So gibt es beispielsweise Menschen, die während des Schlafs smarte Uhren tragen. Nach dem Aufwachen schauen sie zuerst auf der Uhr nach, wie sie geschlafen haben und ob der Schlaf erholsam war. Und dies, obwohl wir mit unzähligen »Fühlern« im Körper gesegnet sind, die uns dies mitteilen können (sofern man »hineinspürt«). Apps und Algorithmen können jedoch nie ein Ersatz sein für das echte »Fühlen«.

Die digitalen Tracker werden immer an ein Smartphone gekoppelt, was die Kontaktzeit mit diesem Gerät verlängert. Mittlerweile ist auch bekannt, dass die «Wearables» zu Abhängigkeit und Ängstlichkeit führen können. Wenn die Zahl der verbrannten Kilokalorien nicht hoch genug ist, die täglich vorgenommene Schrittzahl nicht erreicht wurde oder die Wochenstatistik schlecht ausfällt, dann schlägt das auf die Stimmung und führt zu Unzufriedenheit bis hin zu Essstörungen. Die ständige Fitnessdaten-Aufzeichnung kann bei Teenagern auch zu zwanghaften sportlichen Aktivitäten und Essstörungen führen. 

Hier einige Beispiele für den »smarten Wahnsinn«:

  • Die smarte Flasche hilft über ein Signal auf dem Handy das Trinkverhalten zu regulieren. Die »intelligenten« Behälter ersetzen die somatische Intelligenz und das Erspüren des Körpersignals »Durst«. 
  • Die digitale Babywindel sendet ein Signal ans Handy, wenn es Zeit zum Wechseln ist. Ingenieure haben eine intelligente, bezahlbare Wegwerfwindel mit RFID-Technologie entwickelt, die mittels Sensor Nässe erkennt. 
  • Die digitale Gabel soll dem Nutzer helfen, langsamer und kalorienärmer zu essen, und sendet kabellos Daten an Smartphone oder Computer. Sie dokumentiert, wie lange es gedauert hat, ein Gericht zu verspeisen, und zählt nicht nur, wie oft die Gabel innerhalb einer Minute zum Mund geführt wurde, sondern berechnet auch die Intervalle dazwischen.
  • Die intelligente Haarbürste besitzt WLAN- und Bluetooth-Anbindung und ist mit einer eigens entwickelten App gekoppelt, die den Nutzer über Trockenheit, Strukturschädigungen, Haarbruch, Kämmbarkeit und die Anzahl der gebotenen Bürstenstriche informiert. 
  • Es gibt auch Hightech im Büstenhalter: Ein im BH integrierter GPS-Tracker liefert 16 Messwerte, z.B. von der zurückgelegten Distanz, Beschleunigungen, Maximalgeschwindigkeit und Herzfrequenz bis zu Kalorienwerten und Schritt-Balance, zum Zwecke einer Verbesserung der Herzgesundheit. 
  • Beim SmartCar wird das Auto zum Diagnoseraum. Das Lenkrad verfügt über EKG-Sensoren und im Sicherheitsgurt werden die Herztöne erfasst. Eine Innenraumkamera filmt das Gesicht des Fahrenden, um Herzschlagrate und Atemfrequenz zu berechnen. Ein Temperatursensor im Autositz misst die Körpertemperatur. Die Daten werden analysiert, und bei Auffälligkeiten wird der Fahrer per E-Mail informiert, ob ein Arztbesuch erforderlich ist. So soll das Auto beispielsweise »Schlafanfälle verhindern« und zur »präventiven Gesundheitsförderung « beitragen.

Steht unsere aktuelle Welt eigentlich Kopf? Dass das Auto – als Mitverursacher für den Bewegungsmangel unserer Gesellschaft und dadurch auch von zahlreichen Zivilisationserkrankungen – einmal für Prävention stehen würde, wäre mir in den kühnsten (Alb)Träumen nicht eingefallen. Es sei die Frage erlaubt, bei welchen Kurzstrecken es nicht gesünder wäre, das Auto stehen zu lassen und einfach zu Fuß zu gehen oder mit dem Rad zu fahren.

Wer sich nur noch in digitalen Welten aufhält, verliert den Bezug zum echten analogen Leben und zur Natur. Ich persönlich möchte nicht fremdgesteuert ans Atmen erinnert werden, möchte keine Meldung, dass mein Flüssigkeitshaushalt nicht in Balance ist oder ich eine Stunde zu wenig Schlaf hatte. Ich verlasse mich lieber auf mein Bauch- und Körpergefühl. 

Auch wenn ich die zunehmende Digitalisierung aus meinem Leben nicht ausschließen kann, so möchte ich mir die Freiheit bewahren, auch in einer digitalisierten Welt selbstbestimmt zu leben. Dies gelingt mir durch Bewusstheit und Achtsamkeit. Und so suche ich immer wieder Möglichkeiten analog zu bleiben, um all meine Sinne einzusetzen. Beim Joggen im Wald, in direkter Verbindung mit Menschen, dem Atmen von echten Gerüchen der Natur und beim Lauschen von echtem Vogelgezwitscher.

Monika Leitner ist Autorin des Buches „Körperkompetenz – Im Körper Heimat finden durch Achtsamkeit und Bewusstheit”, das Sie im Kaufladen des Sandwirts bestellen können.
Leitner Körperkompetenz

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