Der Sündenbock und der Mob in uns

JD Vance hängt ihr an. Peter Thiel ebenfalls. Und selbst das Anti-Orakel der deutschen Wirtschaft, Marcel Fratzscher, hat sie in der Zeit vor einem Monat ins Spiel gebracht: Die Sündenbocktheorie von René Girard. Freilich hat er sie bemüht, um sie gegen Girards Schüler Thiel auszuspielen; aber aktuell kann man über diese Theorie gar nicht genug sprechen, weshalb jeder Vorwand erlaubt sein soll.

Girards Kernthese lautet, dass menschliche Rivalität aus mimetischem Verhalten resultiert. Menschen ahmen andere Menschen nach. Ihre Wünsche sind demnach die von anderen. Streit resultiert daher nicht aus Rasse, Klasse, Religion oder prinzipieller Verschiedenheit – sondern aus dem Wunsch nach dem „Sein des Anderen“. 

Es geht demnach nicht so sehr um das Objekt der Begierde als solches, denn die innere Unsicherheit: Der andere Mensch hat offenbar etwas, was ihn „glücklich“ und „sicher“ macht. Das ist der psychologische Hintergrund dafür, dass kleine Kinder das mit Spielzeugen vollgestopfte Zimmer ignorieren und zielstrebig die eine Puppe in der Hand des anderen Kindes wollen. 

Die Wurzel des Begehrens

Wir haben nicht Hunger, weil der andere Hunger hat; sondern weil wir uns unvollständig fühlen und glauben, diese Unvollständigkeit in uns selbst zu lindern, wenn wir sehen, dass der andere etwas von Wert hat, bzw. diesem Wert beimisst. 

Rivalität entsteht aus diesem mimetischen Begehren. Die Nachahmung betrifft auch andere Menschen und ganze Gruppen. Die gesamte Gemeinschaft wird davon infiziert. Dies führt zu einem anarchischen Zustand, bei dem die Gemeinschaft zu kollabieren droht. Um dieses Chaos aufzuhalten, findet die Gemeinschaft (unbewusst) einen Sündenbock, der an den Missständen schuld sein soll.

Mit der Aussonderung des Sündenbocks entlädt sich die aufgestaute Gewalt. Die Gemeinschaft hat wieder einen gemeinsamen Nenner. Es kehrt Frieden ein. Das Opfer wird sakralisiert: Als Mythos, als Dämon, als Held. Girard führt als Beispiele dieses Mechanismus den Ödipus-Mythos und die mittelalterliche Judenverfolgung.

Vom kollektiven Chaos zur heilenden Gewalt

Kennzeichnend für Girard ist eine Textsorte, die er als „Verfolgertexte“ bezeichnet. An ihnen lässt sich als „Relikt“ der Sündenbockmechanismus nachweisen, der aber den Akteuren nicht bewusst war. In ihnen macht er die vier Merkmale bzw. Stereotype von gesellschaftlicher Krise, Anschuldigung und Aussuchen eines Opfers aus; der Sündenbock kann dabei Person oder Personengruppe sein. Das letzte Merkmal ist die Auslöschung des Sündenbocks.

Diese Anthropologie erscheint düster wie gefährlich. Gefährlich, weil sie die Voraussetzung der Demokratie untergräbt: Wenn Menschen tatsächlich nur „mimetische Wesen“ sind, deren Gemeinschaft unweigerlich in Auflösung gerät und sich nur über ein „Opfer“ retten kann, ist die Erzählung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit vorbei. Apologeten können darauf verweisen, dass „gesellschaftliche Fortschritte“ und „Institutionen“ den Sündenbockmechanismen Einhalt gebieten würden – es ist aber keine endgültige Lösung.

Tatsächlich hat Girard pessimistisch in die Zukunft geblickt. Er konstatierte die Gefahr endloser mimetischer Rivalitäten – weil die Gemeinschaft sich nicht mehr auf einen gemeinsamen Sündenbock einigen kann. In einem Hobbes’schen Szenario Aller gegen Alle wird die Gewalt immer unkontrollierbarer, ohne, dass eine Katharsis eintreten kann.

Das Ende der Katharsis: Eine Gesellschaft im Dauerstreit

An diesem Punkt trifft Girards These die Praxis. Der Vorwurf der Sündenbocksuche wird von allen Lagern aufgemacht. In der Migrationskrise galten Flüchtlinge als „Sündenbocke“ der AfD. In der Corona-Krise hingegen wurden Ungeimpfte zu den Schuldigen erklärt, deretwegen die Infektionszahlen weiter anstiegen. Die Generation Z klagt die Generation der Babyboomer an, am Zustand Deutschlands schuldig zu sein – und umgekehrt. 

Die verschiedenen Gräben haben das Land in eine Atomisierung der Sündenbocksuche getrieben. Ihnen allen gemein ist aber ein inneres Hoffen, dass, wenn der Übeltäter erst weg sei, alles wieder in Ordnung komme. Die Vorstellung ist so naiv wie magisch.Festzuhalten bleibt: In den letzten Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, werden Probleme auf Personen, Gruppierungen oder Parteien abgewälzt – ironischerweise auch mit dem Vorwurf, diesen wohne eine „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ inne. 

Vielsagend ist der Fall eines Kindergartenkindes, das eine Elterngruppe aus der Einrichtung mobben wollte. Es solle „entfernt“ werden. Die Elternschaft müsse „das nicht hinnehmen“. Man schrieb eine E-Mail an die Träger – samt Petition. Das Kind hatte nicht etwa Migrationsgrund und wurde von ausländerfeindlichen Eltern gegängelt – es hatte lediglich den Faux-Pas begangen, dass der Vater der AfD angehörte. 

Vernichtungsfantasien und Sippenhaft gehen Hand-in-Hand. Die Träger beharrten zuletzt auf die Neutralität des Kindergartens. Toleranz von religiösen, kulturellen und sexuellen Unterschieden sind eben nur ein Teil des Zusammenlebens. Dass Menschen auch mit unterschiedlicher politischer Gesinnung Rechte haben, wird immer häufiger vergessen – auf allen Seiten.

Zwischen Sippenhaft und politischer Ausgrenzung

Lange vor dem Bürgerkrieg verlieren Menschen die ihnen eigene Würde. Der Rivale ist nicht nur der Böse. Er verdient es, ausgemerzt zu werden – Stichwort Charlie Kirk. Er wird zur Gefahr, die mit allen Mitteln gestoppt gehört. Doch das anarchische Gerangel bietet keine Lösung. Weder ein AfD-Verbot noch ein Grünen-Verbot würde gesellschaftlichen Frieden bringen. Womöglich nicht einmal das Verbot aller Parteien. Selbst ein Teilerfolg, ob nun Parteiverbot oder Medienzensur, würde keine reinigende Kraft bringen, weil die Sündenböcke zu viele geworden sind. Es gibt nur noch Partikularmächte in dieser Republik.

Welche Lösung sieht Girard für die Sündenbocksuche? Die Antwort erklärt, warum Girard gegen Ende seines Lebens so pessimistisch wurde. Das einzige, völlig unschuldige Opfer, das den Sündenbockmechanismus „entlarvt“ hat, ist Jesus Christus. Mit ihm ist das Sündenbockgeheimnis verraten geworden. Der „Zauber“ ist gebrochen. Mit der Anerkennung der Unschuld des Opfers können wir nicht mehr auf ihn einschlagen. Die Nachahmung wird gebrochen, die Gewaltlosigkeit führt zum Ausweg.

Diese „Wende“ zum empathischen Verstehen und zur Gewaltlosigkeit ist heute nirgendwo in Sicht. Vielmehr haben sich die Fronten verhärtet. Der Traum einer virtuellen Demokratie, die Kommunikation und Konsens ermöglichen soll, hat sich ins Gegenteil verkehrt: Wie so vieles aggressiver sind die Menschen hinter der Tastatur geworden. Das Phänomen ist dem Journalismus schon seit Jahrhunderten eigen: Je weiter ein Mensch weg ist, um über ihn zu schreiben, desto weniger Rücksicht wird genommen.

Der entlarvte Mechanismus und die digitale Sackgasse

Die Phrase, dass man im realen Leben plötzlich nichts so heiß isst, wie es im Internet gekocht wurde, ist keine bloße Anekdote. In den sozialen Medien herrscht das Feuerwerk der Aufregung und Feindbilder. Etwas, das eben nicht nur die einfachen User betrifft, sondern bis weit in die oberen Ränge von Prominenz, Medien und Politik reicht. Die völlige Überfrachtung mit Kommunikation hat dazu geführt, dass man an Instrumente wie Stummschaltung und Blocken gewöhnt ist, um sich des kaum zu bewältigenden Geplappers sonst behelfen zu können. Das persönliche Gespräch, die Umarmung und die Geste ist zur Seltenheit geworden – und damit auch soziale Kompetenzen, die uns Menschen bei der Konfliktbewältigung ausmachen.

Das Christentum garantiert auch als einzige Religion eine Menschenwürde, die völlig losgelöst ist von allen politischen Überzeugungen oder physischer Beschaffenheit. Es ist seit dem 18. Jahrhundert in die Defensive geraten. Das heißt nicht, dass das christliche Mittelalter gewaltlos war. Historisch betrachtet ist jedoch eine Akzeleration der Entmenschlichung bzw. Entwertung der Menschenwürde ab der Revolution zu beobachten, die mit den totalitären Systemen einen Vorgeschmack auf die Perfektion des Sündenbocks brachte. Selbst die Hexenverfolgung war, ganz entgegen dem verbreiteten Bild, eine Angelegenheit staatlicher, nicht kirchlicher Behörden.

Ideologisch sind daher das Christentum und die „auflösenden“ Rezepte von Mitleid und Gewaltlosigkeit zur Bekämpfung des Sündenbockmechanismus auf dem Rückzug. Vieles erinnert an eine Rückkehr vor dem Erscheinen Christi. In der paganen, grauen Vorzeit Europas sollen auch schon Jungfrauen wie bei Strawinskys „Sacre du printemps“ dargeboten worden sein, um die Götter gnädig zu stimmen und für eine gute Ernte zu beten. Auch das: ein komplett unschuldiges Opfer. Die vorchristliche Moral ist eben weniger fortschrittlich als gedacht. Die Entchristlichung der Welt stürzt uns im wahrsten Worte zurück in die Barbarei.

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