Die Freiheit des Surfens

Herrlich, diese Momente im Wasser, in denen die Zeit aufhört, in geraden Linien zu verlaufen. Man sitzt auf dem Brett, spürt, wie sich rund um einen herum etwas aufbaut, das größer ist als man selbst, etwas, das einen dann mit aller Gewalt erfasst, man springt auf – und dann, für ein paar Sekunden oder wenn man Glück hat für eine ganze Minute, trägt einen die Welle in dieses unglaubliche Gefühl von Freiheit hinein.

Ich freue mich ungemein darauf, einen solchen Moment der Freiheit das erste Mal zu erleben. Denn aktuell schaffe ich es noch nicht, lange genug auf dem Brett stehen zu bleiben, habe ich doch erst diesen Sommer mit dem Surfen begonnen. Schon lange hatte ich mit dem Surfen geliebäugelt, aber es war ein Dokumentarfilm, den ich im Hotel auf einem Streamingportal gesehen habe, der mich dazu brachte, mich für meinen Urlaub am Meer bei der Surfschule anzumelden: „Waterman“, ein Film über das Leben des vor 136 Jahren geborenen Duke Kahanamoku, des Mannes, der als Vater des modernen Surfens gilt.

The Big Kahuna

Kahanamoku wurde am 24. August 1890 in Honolulu geboren, zu einer Zeit, in der das Wellenreiten auf Hawaii fast verschwunden war. Was Jahrhunderte lang selbstverständlicher Teil des Alltags und der Kultur der Insulaner gewesen war – das heʻe nalu, das Gleiten auf der Welle –, war durch die Missionare des 19. Jahrhunderts weitgehend verdrängt worden. Man hatte es für unschicklich, für zu freizügig, für zu wenig produktiv gehalten. Ein Volk, das Stunden damit verbrachte, auf Holzbrettern durch die Brandung zu reiten, passte nicht in das Bild von Arbeit und Frömmigkeit, das man den Hawaiianern aufzwingen wollte.

Kahanamoku änderte das. Nicht durch eine Rede, nicht durch einen Aufstand, sondern schlicht dadurch, dass er surfte – und zwar so, dass die Welt zusehen wollte.

Während seiner Jugend begann Kahanamoku, ein Vorläufermodell der heutigen Surfbretter zu entwickeln, und orientierte sich dabei an den seit Jahrhunderten bekannten hawaiischen Langbrettern. Sein „papa nui“ (großes Brett) bestand aus Akazien-Holz, war 4,80 Meter lang und wog 52 Kilogramm. Das Brett besaß keine Finne. 

Duke Kahanamoku war zudem ein herausragender Schwimmer, eine Zeitlang galt er als der beste Schwimmer seiner Zeit. Er hielt mehrere Weltrekorde. An drei Olympischen Spielen (1912, 1920, 1924) nahm er teil und gewann 3x Gold, 2x Silber. Als Schwimmer gewann er aber nicht „nur“ olympisches Gold, sondern wurde auch zum Lebensretter: Als er im Sommer 1925 am Strand von Los Angeles weilte und ein großes Boot kenterte, warf [er sich], ohne zu zögern, ins Wasser und rettete unter gewaltigen Anstrengungen vierzehn Personen vor dem sicheren Ertrinkungstod.

So wurde er zum ersten berühmten hawaiischen Sportstar überhaupt. Er arbeitete zeitweise als Schauspieler in Hollywood und nutzte seine Berühmtheit vor allem immer wieder, um das Surfen, das bisher nur auf Hawaii bekannt war, in den USA und in Australien populär zu machen. Er erteilte Unterricht im Wellenreiten; auch Frauen übten damals den Sport aus. Genannt wurde er dann „The Big Kahuna“. „Kahuna“ bedeutet in der hawaiischen Sprache‚Hexer, Zauberer, Meister‘, aber auch Kochen. In mehreren Filmen von Quentin Tarantino und Robert Rodriguez taucht „The Big Kahuna“ als Name einer fiktiven Fast-Food-Kette auf.

1966, zwei Jahre vor seinem Tod, wurde Kahanamoku als erste und bis heute einzige Person sowohl in die Surfing Hall of Fame als auch in die Swimming Hall of Fame aufgenommen.

Aloha

Was mich an Kahanamoku berührt, ist, dass Surfen für ihn nie Angeberei war, nie reiner Sport im Sinne von Wettkampf und Medaillen. Es war eine Haltung dem Leben gegenüber – eine, die er „Aloha“ nannte, die viel zitierte, oft banalisierte hawaiische Idee von Liebe, Respekt und Gastfreundschaft. 

Wer surft, tritt in eine Beziehung mit etwas Größerem. Man kann den Ozean nicht besiegen, man kann ihn nur lesen, mit ihm tanzen, ihn respektieren. Genau das hat Kahanamoku Menschen wie mir hinterlassen: nicht nur ein Brett und eine Technik, sondern eine Art zu sein.

Er zeigte uns, dass das Surfen mehr ist als nur ein Sport: Es ist eine Lebensweise, eine Philosophie, eine Art, die Freiheit zu spüren.

Dass diese Erfahrung heute Millionen Menschen auf der ganzen Welt offensteht, verdanken wir zu einem Großteil ihm. Und ich verdanke ihm als Inspiration die Erkenntnis, dass Freiheit einem nicht in den Schoß fällt: Frei sein können hat auch etwas mit Übung zu tun. Fähig werden, den Schritt hin zur Freiheit zu tun. Die Balance auf dem Brett, die Balance im Leben zu finden.

Mehr Sport im Sandwirt: 

Lust auf mehr Sport“ von Rob Alexander

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