Die Tyrannei des Durchschnitts
Alle zwei oder drei Jahre kaufe ich mir so ein Mate-Getränk. Ich habe keine Ahnung, was das genau ist, aber man kann es bei Rewe aus dem Kühlregal greifen. Und wenn ich es getrunken habe, komme ich immer zum gleichen Schluss: Mate schmeckt nicht gut, aber auch nicht schlecht. Es schmeckt nicht nach Tee, aber auch nicht nach einem Softdrink. Es ist nicht süß, aber auch nicht sauer. Es ist der getränkgewordene Kompromiss, der kleinste gemeinsame Nenner.
Mein letztes rasend spannendes Mate-Experiment war in Hannover. Ich kaufte mir bei Rewe so ein Getränk und hatte den gleichen Eindruck davon wie vor zwei oder drei Jahren. Dann schaute ich mich um und mir fielen die Schuppen von den Haaren, äh, von den Augen: Hannover ist die stadtgewordene Mate! Die Stadt ist grün, aber nicht so grün wie Freiburg, grüner aber als Nürnberg – also Durchschnitt. Die Innenstadt ist fest in arabischer Hand – also Durchschnitt. Und das Hochdeutsch, so sagen die Leute, stammt auch aus der Gegend, also die angepasste Durchschnittssprache.
Natürlich ist Hannover nicht wirklich durchschnittlicher als andere deutsche Großstädte. Jede Stadt besitzt ihre Eigenheiten, ihre Geschichte, ihre Schönheiten und ihre Schattenseiten. Wer genauer hinsieht, entdeckt auch hier Überraschungen. So steht in der Landeshauptstadt von Niedersachsen eine strahlend blaue Synagoge – Heimat einer jüdisch-bucharisch-sefardischen Gemeinde, gewissermaßen einer Minderheit innerhalb einer Minderheit, die der Islamisierung und den damit einhergehenden antisemitischen Anfeindungen zum Trotz hier ihren Platz gefunden hat.
Gerade solche Geschichten zeigen, dass sich keine Stadt auf einen Durchschnitt reduzieren lässt. Doch Hannover eignet sich dennoch als Sinnbild für etwas, das weit über Stadtplanung oder Dialekte hinausreicht. Es ist die Idee des Durchschnitts, die mich seit dem Besuch beschäftigt. Genauer gesagt: die erstaunliche Karriere, die das Mittelmaß in unserer Gesellschaft gemacht hat.

Selbstzensur bei Mehrheitsdruck
Noch vor wenigen Generationen war das Außergewöhnliche ein gesellschaftliches Ideal. Der tüchtige Handwerker, der geniale Erfinder, der mutige Unternehmer oder der eigenwillige Künstler waren keine Bedrohung für den Zusammenhalt, sondern Ausdruck einer freien Gesellschaft und damit Kitt des Zusammenhaltes. Man bewunderte Menschen nicht, weil sie wie alle anderen waren, sondern weil sie etwas konnten, das andere nicht konnten. Unterschiedlichkeit galt als Bereicherung, nicht als Verdachtsfall.
Heute scheint sich dieses Verhältnis umzukehren. Zwar ist ständig von Vielfalt die Rede, doch gemeint ist oft eine sehr eigentümliche Form von Vielfalt: möglichst bunt, aber bitte innerhalb klar definierter Grenzen. Frei nach dem Motto: „Wer vielfältig ist und wer nicht, bestimmt immer noch der Durchschnitt.“
Wer dieselben politischen Überzeugungen teilt, dieselbe Sprache benutzt und dieselben moralischen Reflexe zeigt, kann sich noch so individuell kleiden oder leben – wirklich anders ist er deshalb noch lange nicht. Echte Abweichung wird dagegen schnell unbequem. Es wird dann gar nicht mehr bunt, sondern entsättigt. Die, die sagen, sie seien bunt, sind meist so schwarz-weiß wie Pierrot der Clown, freilich ohne seine außergewöhnliche Aura.
Das zeigt sich besonders im Umgang mit Leistung. Wer erfolgreicher ist als andere, sieht sich immer häufiger mit Misstrauen konfrontiert. Erfolg wird selten als Ergebnis von Talent, Fleiß oder Risiko verstanden, sondern als etwas, das erklärt oder relativiert werden muss. Gleichzeitig wird das Mittelmaß zunehmend moralisch aufgewertet. Niemand soll sich über andere erheben. Niemand soll zu weit vorauslaufen. Hauptsache, alle bleiben ungefähr auf derselben Höhe. In der Schule wird der Streber gemobbt, nicht der, der die Sechser nach Hause trägt.
Dahinter steckt weniger ein politisches Programm als eine kulturelle Haltung. Der französische Denker Alexis de Tocqueville beschrieb im 19. Jahrhundert die Gefahr demokratischer Gesellschaften, dass nicht ein Tyrann die Freiheit einschränkt, sondern die Mehrheit. Der Mensch beginnt, sich aufgrund des Mehrheitsdruckes selbst zu zensieren, weil er dazugehören möchte oder es aufgrund ökonomischer Zwänge sogar dazugehören muss. Wer auffällt, macht sich angreifbar. Wer widerspricht, riskiert Ausgrenzung. Wer Verantwortung übernimmt, kann scheitern. Also lernt man, sich möglichst geräuschlos einzufügen. Anpassung erscheint vernünftig, Konformität wird zur Tugend, Freiheit zum Risiko.
Den Außergewöhnlichen werden oftmals die Flügel gestutzt
Dabei wird häufig übersehen, dass Freiheit nie bedeutet hat, möglichst gleich zu sein. Freiheit bedeutet, unterschiedlich sein zu dürfen, weil jeder Mensch möglich ist. Der eine gründet ein Unternehmen, der andere schreibt Bücher, ein dritter entwickelt Maschinen, ein vierter komponiert Musik und der fünfte wird zum außergewöhnlichen Experten in Sachen KI. Manche scheitern spektakulär, andere werden überdurchschnittlich erfolgreich. Genau diese Unterschiede treiben eine Gesellschaft voran. Sie sind keine Gefahr für den Zusammenhalt, sondern die Voraussetzung für Fortschritt.
Natürlich braucht jede Gemeinschaft gemeinsame Regeln. Gleichheit vor dem Gesetz gehört zu den größten Errungenschaften der westlichen Zivilisation. Doch daraus folgt nicht, dass auch die Menschen gleich sein oder dieselben Ergebnisse erzielen müssen. Im Gegenteil: Je freier eine Gesellschaft ist, desto sichtbarer werden die Unterschiede zwischen ihren Mitgliedern. Wer diese Unterschiede einebnen möchte, bekämpft am Ende nicht die Ungerechtigkeit, sondern die Freiheit selbst.
Vielleicht liegt das Problem also gar nicht bei Hannover. Vielleicht ist Hannover nur der Spiegel einer sich im Kern wohlfühlenden Durchschnittsgesellschaft. Das eigentliche Mate-Getränk unserer Zeit ist eine Gesellschaft, die überall den kleinsten gemeinsamen Nenner sucht. Nichts soll zu süß sein, nichts zu bitter, nichts zu laut und nichts zu außergewöhnlich. Am Ende schmeckt alles irgendwie – und nichts mehr wirklich.
Freiheit aber lebt nicht vom Durchschnitt. Sie lebt von Menschen, die den Mut haben, aus ihm herauszuragen, oder den Mut haben, gegen den Strom zu denken. Doch solchen außergewöhnlichen und nicht selten liebenswerten Menschen werden hier allzu oft die Flügel gestutzt.



