Unerwünscht, weil Jude

Wenn ein Jude in Deutschland ein Buch vorstellt, so muss die Veranstaltung, falls man überhaupt einen Ort findet, so bewacht werden wie der Sovereign’s Orb im Tower of London. Besondere Empörung, bis auf die Kreise, die diese unwürdige Entwicklung ohnehin seit Jahren beobachten und kritisieren, von Malca Goldstein-Wolf bis Henryk Broder, suchen Sie in diesem Land vergeblich. Frei nach dem fränkischen Motto: „Die einen wissen’s eh scho und die anderen sowieso net.“

Das ist die Entwicklung, die ich seit Jahren beobachte. Viele Menschen können sich Dinge, die außerhalb ihres Wohnortes geschehen und in ihren Medien, die sie so konsumieren, nicht besprochen werden, schlicht nicht vorstellen. Und die anderen, eben beim Thema Judenhass, können sich den Judenhass vorstellen, sehr gut sogar, nehmen ihn aber achselzuckend in Kauf oder befürworten ihn sogar noch heimlich. Ich bin mir gar nicht sicher, welche der beiden Gruppen ich schlimmer finden soll.

So auch vor wenigen Tagen in Berlin. Der großartige US-amerikanisch-israelische Schriftsteller und Theatermacher Tuvia Tenenbom, sein Nachname heißt übrigens tatsächlich „Tannenbaum“, stellte sein neues Buch vor, das den Titel trägt: „Wie nennt ihr dieses Land? Unter Siedlern.“

Ich muss dazu sagen, dass ich, seit mein Bruder mir auf Wunsch das Buch „Allein unter Deutschen“ geschenkt hatte, ein großer Fan von Tenenbom bin. Seine literarischen Reportagen zeugen von einem unheimlichen Gespür für den richtigen Humor an der richtigen Stelle, ebenso wie von der Fähigkeit, die Protagonisten auf eine liebevolle Art durch den Kakao zu ziehen, ohne dass er ihnen die Würde nimmt. Das war bei den Deutschen so, bei den Briten, bei den Amerikanern, und das ist in diesem Buch bei den israelischen Siedlern und den sogenannten Palästinensern so.

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Deutschland gibt ein erbärmliches Bild ab

Eigentlich wäre ein solches launiges und geistreiches Buch kein Grund, dass jemand auf jemanden böse wäre, geschweige denn, ihm nach dem Leben zu trachten. Doch Tuvia hat Pech, denn er ist Jude. Hätte Gustav Müller aus Hinterdupfing oder Fatima Al-Hussein aus Neukölln das Buch geschrieben, fände es ohne Probleme entweder im Kino Babylon Berlin oder im Theater Pfefferberg statt. Beide haben nämlich Tuvia Tenenbom schlicht und ergreifend gecancelt: ursprünglich sollte die Lesung erst im einen und dann im anderen Veranstaltungsort stattfinden. Sie wollten keinem Juden eine Plattform bieten, der nicht bereitwillig das ewige Lied der unterdrückten Palästinenser singt, obwohl sein Buch gar nicht besonders politisch ist. 

Und selbst wenn es polemisch wäre, unfair und diskreditierend, so hat Tuvia Tenenbom das Recht, seine Meinung zu äußern. Es ist unfassbar, dass man Sätze wie diesen in einem angeblich so freien Land wie Deutschland überhaupt schreiben muss.

Zum Glück gibt es in Berlin, übrigens auch ähnlich bewacht wie der Sovereign’s Orb, eine jüdische Gemeinde, die die prachtvolle Neue Synagoge in der Oranienburger Straße für die Lesung zur Verfügung gestellt hat. Neben einem privaten Sicherheitsdienst, der jeden Gast wie am Flughafen filzt, ist auch die Polizei mit drei oder vier Beamten vor Ort. 

Während der Veranstaltung, die trotz keinerlei sichtbarer Werbung, auch nicht vor der Synagoge, stattfand, war der Saal im dritten Stock mit rund 200 Menschen randvoll belegt. Während der humorvollen und im Kern trotz der akuten Bedrohungslage für Juden positiven Lesung sicherten zwei Beamte den Hof. In diesen Momenten gibt Deutschland ein erbärmliches Bild ab, nicht, weil der Staat eine Synagoge schützt, sondern, weil der Staat eine Synagoge schützen muss.

Keine andere Volksgruppe ist einer vergleichbaren Tortur ausgesetzt 

Einen Tag später bin ich in Leipzig, ich vermute, die linkeste Großstadt nach Berlin. Egal, schön ist die sächsische Metropole dennoch. An gefühlt jeder Ecke sehe ich Flaggen der Antifa und Banner, die vor Rassismus warnen oder vor der AfD. Verstehen Sie mich richtig: Rassismus gibt es in Deutschland und auch in Teilen der AfD. Das ist zu ahnden und zu verurteilen, und vielleicht hat der eine oder andere Freiheitliche oder der eine oder andere vernünftige Rechte das Thema zu lange nicht wirklich ernst genommen. Doch ich behaupte, dass Leipzig zwar viele Probleme hat, nicht zuletzt einen für eine ostdeutsche Metropole hohen Anteil an muslimischen Migranten, die gerne vom Staat leben und sonstige Probleme machen, sowie auch zunehmend aggressive Linksextreme, die das Leben für Andersgesinnte erschweren – aber was Leipzig nicht hat, ist ein übermäßig großes Problem mit Rassismus. Ungleich größer ist der Kampf dagegen sichtbar. Je länger das Dritte Reich zurückliegt, desto größer ist der Widerstand dagegen, heißt es doch. Und das stimmt.

Gleichzeitig sehe ich bei weiten Teilen der Linken, die antideutsche Antifa sei hier ausdrücklich ausgenommen, völliges Desinteresse und ja, nicht selten auch Zustimmung, was das Thema Judenhass angeht. So suchen Sie vergeblich eine lautstarke Polemik der linken Berliner taz, warum ein Jude, der ein Buch vorstellen wollte, von zwei Veranstaltungsorten in der ach so offenen Hauptstadt gecancelt wurde. Und die Tatsache, dass diese Lesung dann gewissermaßen „hauseigen“ und unter massiven Sicherheitsvorkehrungen stattfinden muss, daran hat sich Linksberlin in großen Teilen schon längst gewöhnt. O Tenenbom, o Tenenbom, wie verkommen ist doch dieses Land!

Wenn ein Jude in Deutschland ein Buch vorstellt, dann wird er, vorausgesetzt, er findet einen „mutigen“ Veranstalter, so bewacht wie die royalen Schätze der britischen Krone im Tower. Keine andere Volksgruppe ist hierzulande auch nur im Ansatz einer solchen Tortur unterzogen. Keine andere Volksgruppe muss sich trotz der greifbaren Bedrohungslage und im Hinblick auf der Zahl von vielleicht 100.000 Juden in Deutschland, noch rechtfertigen, dass sie existiert. Das Land von Dachau und Buchenwald scheint weniger aus der Geschichte gelernt zu haben, als es sich selbst in seinem ewigen „Nie wieder“-Mantra, ich kann es nicht mehr hören, voller stolzem vergangenem Schuldbewusstsein ans politisch korrekte Revers heftet. 

Doch Schuld, so meinte der großartige Sally Perel, bekannt als „Hitlerjunge Salomon“, Schuld kann man nicht vererben. Die jetzige Schuld aber, Judenhass zuzulassen oder sogar zu befördern, ist die Gegenwart. Und ich habe das Gefühl, dass ich auf den Tag vergebens warte, an dem diese Binsenweisheit das Juste Milieu erkennt.

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