19 Grad im Büro

Was gab es während der Pandemie nur für ein Gezeter. Neben Hygienekonzepten wurden Lüftungskonzepte gebastelt und – Achtung Wortspiel – eiskalt durchgezogen. Schüler saßen bei offenem Fenster mit Mütze, Schal und Jacke im Unterricht. Ungefragt froren sie für die Solidarität. 

Aber auch für Büros in öffentlichen Gebäuden waren Konzepte entworfen und minutiös beachtet worden. Hausmeister und eigens dafür beförderte Firmenkollegen achteten auf die Einhaltung der Regeln, führten Liste über erfolgte Lüftperioden und mahnten zum sogenannten Stoß- oder auch Querlüften an. 

Nun ist die Pandemie – wie man weiß – fast Geschichte. Die Lüftungskonzepte haben ausgedient. Ersetzt wurden diese nun durch die so genannte „19-Grad-Regel“. Im feinstem Jura-Jargon wurde diese Verordnung mit dem Namen „Kurzfristenergieversorgungssicherungsmaßnahmenverordnung EnSikuMaV“ versehen. Dieses Wortmonster lässt nichts Gutes erahnen. Die Verordnung regelt Maßnahmen zur Energieeinsparung in Gebäuden. Mit anderen Worten: Sie regelt, wann wir frieren – oder eben nicht. 

Regeln der Temperatur

Nach der EnSikuMaV darf im Arbeitsraum in einem öffentlichen Nichtwohngebäude die Lufttemperatur für körperlich leichte und überwiegend sitzende Tätigkeit auf höchstens 19 Grad Celsius geheizt werden. So regelt dies § 6 Abs. 1 Nr. 1 der Verordnung. 

Aber wer regelt nun tatsächlich die Temperatur? In vielen öffentlichen Gebäuden – vor allem in denen der Verwaltung – sind Modernisierungsarbeiten regelmäßig ausgeblieben. Hohe, unterkellerte Räume ohne digitalisierte Heizungsregler sind eher die Regel als die Ausnahme. Diese Räume speichern zuverlässig die Kälte und Feuchte. Es bedarf der Hilfe eines Hausmeisters, um die Zimmertemperatur korrekt abzulesen. 

Eine Unterschreitung der maximal erlaubten 19 Grad ist keine Seltenheit. Und so frieren nun die Büromitarbeiter für die Ukraine. Mit dicken Jacken, Stiefeln, Decken, Heizlüfter und Wärmflaschen behelfen sich die Ausgekühlten. 

Kann das Sinn machen? Ich meine: Nein – und meine damit die Verordnung! 

Auf den ersten Blick erscheinen 19 Grad nicht so schlimm. Kann man schon aushalten, möchte man meinen. Und so argumentieren auch die erbarmungslosen Verfechter dieser Maßnahme. Immerhin – so wird gerechtfertigt – fröre der Bauarbeiter auf dem zugigen Bau ja auch. Da soll man mal als Bürosachbearbeiter nicht so verweichlicht sein. 

Aus ärztlicher Sicht muss ich allerdings hier Bedenken anmelden. Die Bürotätigkeit ist keine schwere körperliche Arbeit. Die Tätigkeit erfolgt überwiegend im Sitzen. Der unbewegte Körper kühlt schnell aus. Zwiebellook kann dagegen helfen, richtig. Trotzdem mag sich bei dauerhaften 19 Grad und dem Winter immanenten, immer tiefer sinkenden Außentemperaturen keine rechte Betriebstemperatur einstellen. Arbeitsgeschwindigkeit und Arbeitsmoral leiden. Auf den Fluren kann man sich auch nicht mehr aufhalten, denn dort darf gemäß der Verordnung nun gar nicht mehr geheizt werden. Welch ein Malheur. 

Wärmflaschen, Heizdecken und Heizlüfter

Dass Büromitarbeiter diese Kälte bei der Arbeit nicht so einfach hinnehmen, war vorhersehbar. Schnell zogen neben Thermoskannen auch Wärmflaschen und Heizlüfter, manchmal sogar Heizdecken in das ausgekühlte Büro ein. Es wird durch die 19-Grad-Regel nun Energie beim Heizen eingespart. In Anbetracht der Selbsthilfemaßnahmen wird die Energiesparrechnung nicht vollends aufgehen. Das Erhitzen des Wassers für Wärmflaschen und das Betreiben der Heizlüfter benötigt wiederum Strom. Das wurde wohl nicht bedacht. 

Der Verordnungsgeber glaubte tatsächlich, dass die Büromitarbeiter aus Solidarität widerstandslos vor sich hin frören. Man hätte hier einmal eine Verordnung zu Ende denken können. Diese Chance hat der Verordnungsgeber verpasst. 

Es bleibt nur zu hoffen, dass es nicht wie in der Pandemie weitergeht. Damals erließ man eine flankierende Bußgeldverordnung als erkannt wurde, dass sich nicht das ganze Volk an die – aus heutiger Sicht überzogenen – Maßnahmen hielt. 

Die EnSikuMaV ist zwar bereits seit 1. September 2022 in Kraft, allerdings bemerkten viele erst in den letzten Wochen, dass dieses Jahr die niedrige Raumtemperatur nicht mit der Entlüftung der Heizung sein Ende nimmt, sondern verordnet wurde und somit bleibt. 

Täglich etwa 8 Stunden bei 19 Grad im zugigen Altbau mit alten Fenstern, aus denen der Kitt bereits bröselt, zu sitzen, ist sicher keine Wohltat. Ja, es gibt Neubauten. Ja, es gibt sanierte und renovierte Altbauten. Es gibt jedoch noch sehr viele alte Gebäude, in denen der oben beschriebe Zustand vorherrscht. Und auch dort müssen nun mal Menschen ihrer Arbeit nachgehen. 

In Deutschland ist so gut wie alles geregelt. Auch der Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz. Doch hier wird dieser vollkommen außen vor gelassen. Bei 19 Grad im Büro, die übrigens sicher nicht immer erreicht werden, weil sowohl Messung als auch Heizungsregler oft versagen, appelliert man an die Solidarität und bringt dies absurderweise mit der Ukraine in Verbindung.

Erkältungswelle durch Kältewelle

Vor Corona und EnSikuMaV war die Winterzeit auch als Erkältungszeit bekannt und akzeptiert. Niemand hätte dem widersprochen. Mit der Pandemie wurde dem Coronavirus plötzlich die Saisonalität abgesprochen – und folglich dem Winter seine Erkältungszeit. 

Verfechter der Verordnung argumentieren, dass nicht die Kälte zur Krankheit führen würde. Diesem Argument kann mit einem simplen Beispiel der Wind aus den Segeln genommen werden. Der überzeugte Erkältungsleugner solle bitte – lediglich mit Unterhose bekleidet – für 30 Minuten regungslos auf dem winterlichen Balkon verharren. Ein paar Tage später können wir dann das Experiment auswerten. 

Natürlich braucht man für jeden Infekt einen Erreger. Doch jeder, der nur annähernd mit dem Thema Medizin zu tun hat, weiß, dass wir von Erregern umgeben sind. Anhaltende Kälte ist ein entscheidender Faktor eine Erkältung zum Ausbruch zu bringen. Catch a cold – eine Erkältung bekommen. Dieser englischsprachige Ausdruck erklärt es sehr gut. Klar ist natürlich: Wer es nicht hören will, der lehnt diese Tatsache ab.

Das Argument, dass Kälte abhärte, vermag wie blanker Hohn in den Ohren derer klingen, die nun von Berufswegen zum Frieren gezwungen werden. Kurz kalt duschen, ein kneippscher Guss oder Eisbaden können der Gesundheit zuträglich sein. Diese Kältemaßnahmen verkehren jedoch in das Gegenteil, wenn der Körper über längere Zeit komplett auskühlt und kühl bleibt.

Was wird nun passieren? Viele Büromitarbeiter werden sich eine Erkältung holen und krank zu Hause bleiben. Einige werden sich womöglich vorsorglich arbeitsunfähig schreiben lassen, weil es ihnen im Büro zu kalt und die eigne Gesundheit zu wichtig ist. Andere wiederum werden erneut Homeoffice bevorzugen. Womöglich wird der Arbeitgeber selbst wieder vermehrt auf Homeoffice zurückgreifen lassen und ggf. anordnen. Vor allem dann, wenn es draußen nun noch kälter werden wird. Denn jeder Mitarbeiter, der von zu Hause arbeitet, spart Energie in der Arbeit. Und darauf kommt es ja an. Nein. Nicht auf das Einsparen von Energie an sich. Es kommt darauf an, die Verordnung irgendwie zu erfüllen. Egal, wie sinnlos das auch sein mag.

Schimmel(inzidenz)welle durch schlecht beheizte Gebäude

Zu guter Letzt sei hier auf eine Folge hingewiesen, die jeder Mieter oder Vermieter kennt. Die Vermieter haben Sorge, dass der Mieter aus Sparsamkeit nicht genug heizt oder zu wenig lüftet. Der Mieter hat ein Problem, wenn in seinem Heim der Schimmel an den Wänden Einzug gefunden hat. Auch Bürogebäude sind davor nicht gefeit. Und damit meine ich nicht den Amtsschimmel. Dieser ist nicht gesundheitsgefährdend. 

Gemeint ist der Schimmelpilz. Dieser findet an Wänden und Decken von feuchten und kalten Gebäuden geeignete Lebensbedingungen. Schimmelsporen in der Luft können eingeatmet werden und stellen ein nicht zu unterschätzendes Gesundheitsrisiko dar. 

Hier drängt sich nun die Frage auf, wie es um den Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz in Deutschland steht? Mit Blick auf die Drangsalierungen, die am Arbeitsplatz während der Pandemie im Namen des Gesundheitsschutzes erfolgten, mag man antworten wollen, dass diese sehr hoch seien. 

Bei Betrachtung der möglichen gesundheitlichen Auswirkungen der EnSikuMaV bleibt man jedoch fassungslos und grübelnd zurück. Auch ob die Verordnung wie geplant am 28. Februar 2023 außer Kraft tritt, bleibt – mit Blick auf die unzählige Male verlängerten Infektionsschutzmaßnahmenverordnungen – abzuwarten.

Und was ist nun aus den Lüftungskonzepten, die ihrer Grundidee nach sinnvoll sein können, geworden? Regelmäßiger kurzer Luftaustausch (Stoßlüften) ist förderlich für die Raumluft am Arbeitsplatz und der Gesundheit zuträglich. Die Konzentration der Keime (z. B. Viren und Pilzsporen) in der Raumluft sinkt hierdurch und frischer Sauerstoff wird angereichert. 

Wer aber wird nun freiwillig eiskalte Luft in einen kaum beheizten Raum hineinlassen? 

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Der nächste Gang …

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1 Kommentar. Leave new

  • Ob Corona, Energiekrise oder Genderquatsch: Von der Politik wurde ein Wust künstlich erzeugter Probleme erschaffen, deren angebotene »Lösungen« nebst Cancelung sämtlicher Kritiker die Lage im Land langsam aber sicher unerträglich machen.

    Was die Arbeit bei 19 Grad Raumtemperatur betrifft, so scheint mir das noch eine der geringeren Herausforderungen zu sein. Das von Ihnen, Herr Dr. Pürner, genannte Beispiel, sich bei Minusgraden eine halbe Stunde lang nackt auf den Balkon zu stellen, passt in diesem Fall nicht wirklich, denn eine angemessene Bekleidung ist das A und O bei jeder Temperatur.

    Ich kann inzwischen aus eigener Erfahrung einige Tipps beitragen, was das Arbeiten in eiskalten Räumen angeht. Dies ist schon der zweite Winter, den ich (fast) ohne jegliche Heizung verbringe. In meinem Homeoffice hat es an heftigen Tagen auch schon mal 3 °C. Erst wenn diese Temperatur unterschritten ist, nehme ich zeitweise einen kleiner Heizlüfter in Betrieb. Sind wieder luxuriöse 12 Grad erreicht, schalte ich ihn wieder aus. Grund für diesen massiven Einschnitt war die Coronazeit, in der aufgrund der Konjunkturflaute meine Auftragslage dünner wurde, sodass an sowas wie Brennstoffkauf schon längst nicht mehr zu denken ist. Hinzu kam ja noch die erfundene »Gretasteuer« (CO2-Steuer), die Heizöl für mich zusätzlich unerschwinglich macht. Da ich mich aber nicht von jeder Widrigkeit unterkriegen lasse, muss es eben jetzt ohne Heizung gehen: Unsere Vorfahren haben das auch geschafft (wenngleich ich die Errungenschaft des Warmwassers dennoch sehr vermisse, mehr noch als die Heizung, das gebe ich offen zu).

    Und nun zu meinen Tipps direkt aus der Praxis:

    a) Dick anziehen, auch wenn das scheiße aussieht. Bei mir heißt das: langes Unterhemd, T-Shirt, Hoodie und ein gefütterter Wollmantel sowie Leggins und darüber eine Skihose. (Auf eine Mütze kann ich persönlich gut verzichten, da ich langes, dichtes Haar habe.)
    b) Das A und O sind die Füße: Sind sie warm, fühlt sich auch der restliche Körper wohl. Bedeutet: Lange Strümpfe, darüber dicke Socken und Straßenschuhe mit dicker Sohle. Unter dem Schreibtisch liegt zudem eine Styroporplatte zum Füßedraufstellen, um die Bodenkälte abzuhalten.
    c) Reichen diese Maßnahmen mal nicht mehr aus (vor allem gegen Abend, wenn es noch kälter wird und man außerdem schon müde ist), dann kommt eine warme Fleecedecke nebst Wärmflasche ins Spiel. Liegt die auf dem Schoß, hat das Frieren keine Chance mehr.
    d) Eine große Kanne Ingwertee sollte nie fehlen: Er kurbelt die Durchblutung an und aktiviert damit die körpereigene Heizung.
    e) Und wenn mal wirklich alles nichts mehr hilft (was selten vorkommt), dann empfiehlt es sich, die obersten Kleiderschichten [Jacke und Skihose] abzulegen und einen kleinen Marsch draußen bei Minusgraden zu unternehmen. Fünf bis zehn Minuten genügen. Danach fühlt sich auch ein eiskaltes Haus plötzlich wieder mollig warm an, zumindest für die nächsten ein, zwei Stunden.
    f) Jede Art von kalorienreduzierter Kost sollte man in solchen Zeiten nach meiner Erfahrung aufgeben. Das heißt: Deftige bayerische Küche, die ruhig auch mal etwas fetter ausfallen darf. Oder ein richtig scharfes Chili con Carne mit viel Käse. Mit solchem Essen setzt man der Kälte zusätzlich etwas entgegen.
    g) Abends früh ins Bett gehen. Dort ist es nicht nur warm, sondern man braucht den zusätzlichen Schlaf, da der Kampf gegen die Kälte auch geistige Energie verbraucht.
    h) Für die verzweifelten Momente, die es natürlich auch gibt, empfehle ich ein Video aus der wohl kältesten Stadt der Welt: aus dem sibirischen Yakutsk. Anschließend fühlt man sich auch bei 3° C im Haus wie ein Weichling: https://www.youtube.com/watch?v=8MqbdX6n6yY

    Wir werden wohl noch eine Weile mit unseren Politirren klarkommen müssen, ehe die Krise so krass auf die Mehrheit durchschlägt, dass diese sich endlich entschließt, andere Politiker zu wählen. Das Schwerste an alldem ist, nicht in Depressionen zu verfallen.

    Danke, Herr Dr. Pürner, dass sie die geistigen Ausfälle unserer selbsternannten »Elite« immer wieder aufs Korn nehmen!

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