Als Georg Elser den Krieg verhindern wollte

Tagesgericht: 04.01.1903 – heute vor 123 Jahren

Am 4. Januar 1903 wurde im württembergischen Hermaringen Georg Elser geboren. Am 8. November 1939 explodierte im Münchner Bürgerbräukeller die von ihm gebaute Bombe, mit der er Adolf Hitler und nahezu die gesamte nationalsozialistische Führungsspitze töten wollte. Das Attentat scheiterte, Georg Elser wurde in Konstanz festgenommen.

„Ich habe den Krieg verhindern wollen.“ – Mit diesem schlichten Satz fasste Georg Elser nach seiner Festnahme unter Folter zusammen, was ihn zu seiner Tat angetrieben hatte. In den Verhörprotokollen der Gestapo wurde festgehalten: 

„Die von mir angestellten Betrachtungen zeitigten das Ergebnis, dass die Verhältnisse in Deutschland nur durch eine Beseitigung der augenblicklichen Führung geändert werden könnten. Unter der Führung verstand ich die ‚Obersten‘, ich meine damit Hitler, Göring und Goebbels. Durch meine Überlegungen kam ich zu der Überzeugung, dass durch die Beseitigung dieser drei Männer andere Männer an die Regierung kommen, die an das Ausland keine untragbaren Forderungen stellen, die kein fremdes Land einbeziehen wollen und die für eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse der Arbeiterschaft Sorge tragen werden.“

Lange Zeit tat sich das Nachkriegsdeutschland schwer damit, Georg Elser als Widerstandskämpfer anzuerkennen. Sein Attentat auf Adolf Hitler passte nicht in gängigen Erzählungen vom organisierten Widerstand. Wie sollte ein einfacher Handwerker zu so einer Tat fähig sein?

Gerüchte, gezielte Desinformation und Legenden über angebliche Hintermänner, zum Beispiel die Beteiligung des britischen Geheimdienstes, der Elser gesteuert haben soll, verdeckten den Blick auf einen Einzelnen, der früher als viele andere erkannte, wohin Hitlers Politik führen würde: in Krieg, Zerstörung und millionenfaches Leid. Aus dieser Erkenntnis heraus traf Elser seine Entscheidung – allein, ohne Netzwerk, aber mit klarem Ziel.

Entschluss und Plan

Georg Elser wurde von Zeitzeugen als ein Mensch beschrieben, bei dem schon früh ein starkes Bedürfnis nach Freiheit und Selbstbestimmung zu erkennen war. Die Ideologie der Nationalsozialisten, ihre Gleichschaltung und ihr Führerkult waren ihm zutiefst zuwider. Demonstrativ verweigerte er den Hitlergruß und machte damit öffentlich deutlich, dass er das Regime ablehnte – ein gefährlicher Akt im Alltag des „Dritten Reiches“. Für ihn stand schließlich fest, dass Hitler Deutschland und die Welt in eine Katastrophe führte.

Im November 1938, ein Jahr vor dem Anschlag, begann er mit der Umsetzung seines Entschlusses, Hitler und die NS-Führung zu töten. Er fuhr nach München, wo es zum jährlichen Ritual Hitlers gehörte, im Bürgerbräukeller den Jahrestag seines Putsches von 1923 zu begehen. Elser hörte Hitlers Rede und besichtigte anschließend die Lokalität: Er kam zum Schluss, dass hier der geeignete Ort für ein Sprengstoffattentat ist. Die Beobachtung, dass es dem Personal verboten war, während der Rede zu bedienen, so dass weniger Unbeteiligte anwesend waren, bestärkte ihn in seiner Wahl. 

Im Jahr darauf arbeitete er obsessiv am Zeitmechanismus der Bombe und organisierte den Sprengstoff (er entwendete 125 Sprengkapseln aus einem Steinbruch, in dem er eine Arbeit angenommen hatte). Nichts an diesem Plan hatte etwas von Pathos – alles war Arbeit, Geduld, Wiederholung.

Mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs sah Elser seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Elser zog nach München, um dann die mittlerweile fertige Bombe in einer Säule im Bürgerbräukeller zu verstecken. 30 Tage lang war er zu Gast im Bürgerbräu, versteckte sich kurz vor Lokalschluss in einer Kammer und ließ sich einschließen. Er schaffte es in diesen 30 Tagen, unbemerkt die Säule über Hitlers Rednerpult mit Meißel, Bohrwinde und Steinbohrer auszuhöhlen und die Bombe dort rechtzeitig für Hitlers Auftritt am 8. November 1939 zu platzieren. 

Am Morgen des 6. November war es soweit: Die Bombe und zusätzlicher Sprengstoff waren in der Säule verbaut, Georg Elser stellte die beiden Uhrwerke des Zündmechanismus auf den Abend des 8. November ein. Er orientierte sich dabei an Hitlers Reden in den Jahren zuvor und wählte einen Zeitpunkt mittig der üblichen Redezeit: 21.20 Uhr.

13 Minuten

Hitler begann seine Rede am 8. November im Bürgerbräu eine halbe Stunde früher als sonst und beendete sie auch früher als in den Jahren zuvor. Um 21.07 Uhr verließen er und andere hohe NS-Führer, darunter Goebbels, Heydrich, Heß, den Saal. 

Um 21.20 Uhr detonierte die Bombe planmäßig. Der Saal wurde verwüstet, eine Säule zertrümmert, die Decke stürzte ein. Sieben Menschen starben sofort, vom Explosionsdruck des Dynamits zerfetzt oder erschlagen von Trümmern. Unter ihnen die Kellnerin Maria Henle, die nach dem Ende der Rede den Saal betreten hatte. Ein achter Mann erlag später seinen Verletzungen. Weitere 63 wurden verwundet, davon 16 schwer.

Georg Elser war noch vor der Explosion bei dem Versuch, in die Schweiz zu gelangen, in Konstanz festgenommen worden. Bei seiner Festnahme trug er eine Ansichtskarte des Bürgerbräukellers, ein Abzeichen des Roten Frontkämpferbundes, Aufzeichnungen über Rüstungsfertigungen sowie einige Teile des Zeitzünders bei sich. 

Die Nachricht über das Attentat führte zu seiner Überstellung an die Gestapo. In München wurde er verhört und schwer misshandelt. Die NS-Propaganda versuchte, die Tat ausländischen Geheimdiensten zuzuschreiben, eine Propaganda, die bis weit über 1945 Wirkung zeigte.

Elser aber blieb bei der Wahrheit: Er hatte allein gehandelt. Knapp fünf Jahre vor dem Attentat vom 20. Juli 1944 war es ein einzelner Mann aus dem Volk, der dem Ziel, Hitler zu töten und den Krieg zu beenden, nahekam.

Was wäre geschehen, wenn er Erfolg gehabt hätte? Was wäre alles nicht geschehen? Wer würde heute noch alles leben, wie viele Millionen Menschen hätten den Schrecken, den Hass, den Terror überlebt?

Nach Jahren der Haft in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau wurde er am 9. April 1945, wenige Wochen vor Kriegsende, im KZ Dachau ermordet.

Heute steht Georg Elser für einen Widerstand, der sich aus der Gewissheit speist, ein grausames Unrecht zu erkennen und ihm bis zum Äußersten konsequent entgegenzutreten – auch dann, wenn man allein steht. Er ist ein Beispiel dafür, wie viel Mut ein Einzelner aufbringen kann, um die Freiheit vieler zu verteidigen.

Er steht aber auch für Fragen wie: Ist es moralisch vertretbar, Gewalt anzuwenden, um einen tyrannischen Herrscher zu töten? Und wenn Tyrannenmord moralisch gerechtfertigt, vielleicht sogar geboten ist, um moralisch zu handeln, wie stelle ich fest, einen solchen Tyrannen vor mir zu haben und dass mir kein anderer Weg bleibt, als seinen Tod zu planen und für diesen Mord die Schuld auf mich zu nehmen? Ab wann kann der Tod einer Einzelperson durch einen geplanten Anschlag durch den Schutz vieler Menschen gerechtfertigt sein? Darf man ein Leben opfern, um möglicherweise Millionen zu retten?

Georg Elser ist ein Beispiel dafür, wie viel Mut ein Einzelner aufbringen kann, um die Freiheit vieler zu verteidigen – aber auch für den Abgrund, der sich vor uns Menschen auftun kann, weil wir als freie Menschen die Wahl haben: zwischen Gut und Böse, richtig und falsch, hinsehen oder wegsehen. Und weil wir, so sicher wir uns auch sein mögen, richtig gewählt zu haben, uns dennoch immer irren können.

Gerade in dieser Freiheit liegt die Verantwortung, die jeder von uns trägt.

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