Vorhang auf für den eingebildeten Kranken

Tagesgericht: Heute vor 353 Jahren wurde Molières letztes Stück uraufgeführt

„Le malade imaginaire – Der eingebildete Kranke“ ist das letzte Stück, das Molière geschrieben und selbst auf die Bühne gebracht hat. Äußerlich handelt es sich um eine Hypochonderkomödie: wortreich, komisch, bevölkert von geldgierigen Ärzten, arrangierten Heiratsplänen, einer berechnenden Erbschleicherin und einem Dienstmädchen, das den Überblick behält, während alle anderen ihn verlieren. Hinter dieser Komödie verbirgt sich jedoch mehr als bloße Farce.

Die Uraufführung fand am 10. Februar 1673 statt und war ein großer Erfolg. Molière spielte selbst die Hauptrolle des Argan, seine Frau Armande übernahm die Rolle der Angélique. Zu diesem Zeitpunkt war Molière bereits schwer lungenkrank. Während der vierten Vorstellung, am 17. Februar, erlitt er auf der Bühne einen Schwächeanfall. Wenige Stunden später war er tot.

Im Bewusstsein seines nahen Endes hatte Molière um die Sterbesakramente gebeten. Zwei Priester verweigerten sie ihm. Schauspielerei galt zu dieser Zeit als unehrenhaft, als sündhaftes Gewerbe, Schauspieler wurden nicht selten exkommuniziert. Erst ein dritter Priester erklärte sich bereit, zu kommen – er traf zu spät ein. 

Im Kostüm des Argan starb Molière ohne Segen der Kirche. Es heißt, erst durch das Eingreifen des Königs konnte er christlich beerdigt werden. Allerdings halten sich seit damals hartnäckig die Gerüchte, dass Molières sterbliche Überreste auf Betreiben der Kirche bald nach der Bestattung ausgegraben und in den für ungetaufte Kinder reservierten Teil des Friedhofs verlegt wurden.

Befreiung von Arroganz

Ein zentrales Angriffsziel des Stückes ist die Medizin seiner Zeit. Die Ärzteschaft des 17. Jahrhunderts berief sich mit nahezu religiösem Eifer auf die Autoritäten der Antike. Beobachtung und Erfahrung galten wenig, entscheidend war die überlieferte Lehrmeinung. Grundlage war die Lehre von den Körpersäften und Temperamenten: Gesundheit bedeutete Gleichgewicht von Wärme, Kälte, Trockenheit und Feuchtigkeit, Krankheit deren Störung. Behandelt wurde entsprechend mit Aderlass, Klistieren und ähnlichen Maßnahmen. Was einst als richtig gegolten hatte, musste es auch weiterhin sein.

Molière stellte sich dieser Denkweise entschieden entgegen. Er ignorierte nicht die medizinischen Fortschritte seiner Zeit, etwa die Entdeckung des Blutkreislaufs durch William Harvey im Jahr 1619. Seine Kritik richtete sich weniger gegen Heilkunst an sich als gegen Standesdünkel, Dogmatismus und die Arroganz gegenüber den Patienten – Punkte, die erstaunlich modern wirken.

Befreiung von eigener Krankheit

Mit scheinbar lockerer Hand gelang Molière eine zugleich amüsante wie hintergründige Kritik an der Medizin und der Ärzteschaft seiner Zeit, eine Kritik, die, insofern sie Standesdünkel und Arroganz gegenüber den Patienten betrifft, sehr aktuell ist. Die Medizinerschelte ist ein Thema, das sich über viele Jahre hinweg durch Molières Schaffen zog und welches im eingebildeten Kranken seinen gestalterischen Höhepunkt fand.

Molières Kritik an der Medizin war durchaus persönlich motiviert: Er war davon überzeugt, dass er die schwere Krankheit, die er von Dezember 1665 bis Januar 1666 durchlitten hatte (und deren misslungene Behandlung durch die Ärzte dann tatsächlich zu der anhaltend angeschlagenen Gesundheit Molières geführt hatte) und die ihn zur zeitweiligen Schließung seines Theaters gezwungen hatte, nicht wegen, sondern trotz der Ärzte überlebt hatte.

Gelang es Molière am Ende auch nicht über die Krankheit zu triumphieren, so gelang es ihm als Künstler dennoch, sich von der Krankheit so weit zu befreien, dass er mit Humor und Geist etwas erschaffte, das die Jahrhunderte überdauerte. Wem gelingt das schon?

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