Freies, vergangenes Franken

Wenn man viel unterwegs ist, merkt man manchmal nicht, wie schön die Heimat doch ist. Und ich war in den vergangenen Jahren viel unterwegs. Von Hamburg bis zum Elsass, von Berlin nach Pilsen, von Wien nach Lübeck, wo ich mal wieder hin sollte, bis nach Meiningen in Thüringen und wieder nach oben in die Hansestadt Stettin, von Duisburg und natürlich bis nach Frankfurt; mir war vergönnt, in den letzten 24 Monaten viele tolle Orte mit beeindruckenden Menschen kennenzulernen. Oder anders gedacht: Mehr unbewusst als geplant habe ich die Reiseverunmöglichung, die mir das Corona-Regime versuchte aufzuerlegen, nachgeholt.

Umso kommoder wird der Globetrotter bei den ersten Sonnenstrahlen ab 16 Grad. Die Tomatenpflanze am Balkon wächst und gedeiht und es scheint, als halte die Welt mir zuliebe einen Moment lang die Luft an, damit ich für die nächsten beschissenen Martyrien, genannt Bahnreisen in Deutschland, gewappnet bin. Ich befinde mich in Franken, genauer gesagt in Marktbreit. Die kleine Stadt unweit der Bezirkshauptstadt Würzburg verfügt über beeindruckende Geschichte: von Hochwasser, wie beispielsweise das von 1784, welches die Schustergasse zu einer Wasserstraße wie in Venedig machte, bis zur Machtergreifung der Nazis, die dafür sorgte, dass überdurchschnittlich viele Juden aus Marktbreit deportiert wurden – was auch dem „geschuldet“ war, dass Marktbreit für die Region außergewöhnlich jüdisch geprägt war.

Die Bayern machten Franken zu Beutefranken

Was Marktbreit aber auch ist, erschließt sich erst, wenn man weiter zurückgeht – weit vor die modernen Nationalstaaten, in eine Zeit, in der Franken kein Teil eines homogenen Deutschlands war, sondern Kernraum eines der wohl eigentümlichsten politischen Gebilde Europas. Nach dem Zerfall des Karolingerreiches im Jahr 843, besiegelt im Vertrag von Verdun, entwickelte sich aus dem ostfränkischen Reich jenes politische Gebilde, das später als Heiliges Römisches Reich bezeichnet werden sollte. Franken war darin zwar nie Zentrum im Sinne eines Machtmonopols, jedoch vielmehr ein Raum der Verdichtung: Bischofssitze wie Würzburg, freie Städte wie Nürnberg und zahllose kleinere Herrschaften existierten nebeneinander. Marktbreit selbst wurde 1345 erstmals urkundlich erwähnt und entwickelte sich spätestens im 16. Jahrhundert unter den Markgrafen von Ansbach zu einem bedeutenden Handelsplatz am Main.

Gerade diese Zersplitterung, die man heute in Zeiten der Machtkrake EU vorschnell als Schwäche abtun würde, war in Wahrheit die zentrale Voraussetzung von Freiheit. Es gab kein einheitliches Recht, keine durchgreifende Zentralgewalt, keinen alles regulierenden Staat. Stattdessen existierten über Jahrhunderte hinweg parallel unterschiedliche Rechtsräume, Zölle, religiöse Ordnungen und wirtschaftliche Freiheiten. Wer in Marktbreit lebte oder handelte, war eingebettet in ein Geflecht von Zuständigkeiten, das nicht von oben entworfen, sondern historisch gewachsen war. Reichsstädte verteidigten ihre Privilegien, Territorialherren ihre Autonomie, und selbst der Kaiser war weniger Souverän als Schiedsrichter. Er war mehr eine Fantasie des „Impartial Spectator“, der unabhängige Beobachter, den Adam Smith beschrieb.

Erst mit dem Ende dieses Systems – formal 1806 mit der Niederlegung der Kaiserkrone durch Franz II. – begann jene Entwicklung, die schließlich in den modernen Zentralstaat mündete. Was über Jahrhunderte ein Nebeneinander war, wurde nun Schritt für Schritt vereinheitlicht: Verwaltung, Recht, Währung, Sprache. Marktbreit wurde Teil größerer staatlicher Einheiten, zunächst Bayerns, das die Franken zu Beutebayern machte, später Deutschlands. Die Logik änderte sich grundlegend: Nicht mehr das Lokale bestimmte die Ordnung, sondern das Zentrum. Nicht mehr Vielfalt war Ausgangspunkt, sondern Gleichförmigkeit war das Ziel.

Die EU ist das Gegenteil des alten Frankens

Und genau hier beginnt die eigentliche Gegenwart. Denn was sich heute auf europäischer Ebene vollzieht, ist in gewisser Weise die Fortsetzung dieser Entwicklung – nur viel größer und wesentlich endgültiger. Die Europäische Union versteht sich als Garant von Freiheit und Einheit, operiert aber in einer Logik, die dem alten fränkischen Raum fremd gewesen wäre. Volksfremde Richtlinien ersetzen Gewohnheit, Harmonisierung ersetzt Unterschied, politische Programme ersetzen gewachsene Praxis. Was einst in Orten wie Marktbreit aus sich selbst heraus entstand, würde heute kategorisiert, gefördert, reguliert. Die Dezentralität, die Franken prägte, erscheint aus dieser Perspektive nicht mehr als Stärke, sondern als Problem, das es zu überwinden gilt.

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Besonders deutlich wird diese Form des Zentralismus dort, wo die Europäische Union tief in gewachsene ökonomische und soziale Strukturen eingreift. Man denke an die Agrarpolitik, die über Subventionen und Auflagen bis in den kleinsten Betrieb hineinwirkt und festlegt, wie Landwirtschaft in Europa auszusehen hat – unabhängig davon, ob man in Franken auf kleinteiligen Flächen wirtschaftet oder in anderen Regionen unter völlig anderen Bedingungen. Was einst durch Erfahrung, lokale Gegebenheiten und überlieferte Praxis bestimmt wurde, wird heute durch Formulare, Zertifikate und Richtlinien ersetzt. Freiheit erscheint hier nicht mehr als Handlungsspielraum, sondern als Einhaltung vorgegebener Standards.

Noch krasser tritt dieser dirigistische Anspruch in Krisensituationen hervor – und in der Migrationsfrage. Hier zeigt sich die EU als Akteur, der die Kontrolle systematisch unterläuft und zugleich zentralisiert. Außengrenzen werden faktisch geöffnet, während im Inneren Verteilmechanismen, Quoten und politische Erwartungen formuliert werden, die tief in die Souveränität der Staaten eingreifen. Gemeinden und Städte – auch solche in Regionen wie Franken – sehen sich mit Entscheidungen konfrontiert, die sie weder getroffen haben noch real beeinflussen können, deren Konsequenzen sie aber tragen müssen. Gleichzeitig werden finanzielle Anreize gesetzt, Narrative vorgegeben und Kritik moralisch delegitimiert. Der Anspruch, Vielfalt zu schützen, kippt hier in eine Form politisch gesteuerter Demographie. Was einst aus lokalen Ordnungen erwuchs, wird heute durch ein Zusammenspiel aus Grenzöffnung und Binnenzwang ersetzt – eine Kombination, die nicht Freiheit erzeugt, sondern Abhängigkeit, was das eigentliche Ziel der Europäischen Union ist.

Das alles kümmert die Tomatenpflanze so wie die in die Jahre gekommene Katze Maja, die die restlichen Sonnenstrahlen genießt, herzlich wenig. Und wenn die Akkus wieder voll sind, geht es auch schon wieder auf die beschissene Reise, genannt Bahn-Martyrium. Erst Thüringen, dann vielleicht Niederlande, Österreich und mal wieder in den „echten Norden“, auch Schleswig-Holstein genannt. 

Von der bockbeinigen Freiheit des Franken ist heute leider nur mehr wenig übrig. Zu saturiert hat man sich in der bequemen und selbstgewählten Unfreiheit zwischen CSU, Beamtenadel und Katharina Schulze eingerichtet. Auf der Uhr des Abschieds ist es zehn vor elf. Doch nun scheint erst mal die Sonne und selbst eine stehengebliebene Uhr zeigt zweimal am Tag die richtige Zeit an.

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