Schöpfer einer Widerstands-Utopie
Tagesgericht: Heute vor 99 Jahren wurde Alberto Uderzo geboren
Entenhausen war mir zu bunt und quietschig, die Comics aus Gotham City und Metropolis zu düster. Lange blieben mir auch die Geschichten aus dem „kleinen gallischen Dorf“ oder dem „Dorf der Spinner“, wie es die Römer nannten, fremd.
Ich war als Kind ein Lucky-Luke-Kid. Mein älterer Bruder besaß eine ganze Sammlung der Comics um den damals noch rauchenden Cowboy, der schneller als sein Schatten zog. Seine zerlesenen Exemplare von „Calamity Jane“ und „Am Mississippi“ zogen mich in ihren Bann. Mit Lucky Luke als einsamem Helden, der am Ende jedes Abenteuers auf seinem Pferd Jolly Jumper in den Sonnenuntergang reitet, konnte ich mich identifizieren. Kein Wunder, dass ich an Karneval mehr als einmal als Cowboy verkleidet unterwegs war.
Doch irgendwann änderte sich das. Es muss in der siebten oder achten Klasse gewesen sein, einer Zeit, in der ich auf dem Schulweg mehr als einmal mit ein paar Rabauken aneinandergeriet. Ich glaube, es war der Zaubertrank, der mich zu den Geschichten hinzog, die sich Autor René Goscinny und der vor 99 Jahren am 25. April 1927 geborene Zeichner Albert Uderzo ausdachten.
Ja, der Zaubertrank, aber auch die Freundschaft, die die beiden ungleichen Helden Asterix und Obelix zusammenschweißte. Die Zeiten eines einsamen Cowboys sollten für mich vorbei sein.
Uderzo – Erfinder der unbeugsamen Gallier
Uderzo hat einige Comic-Helden erfunden, aber weltberühmt wurde er als Erfinder der unbeugsamen Gallier, die dem mächtigen Römischen Reich Widerstand leisten.

Albert Uderzo kam 1927 als Sohn einer italienischen Einwandererfamilie im französischen Fismes zur Welt – mit sechs Fingern an jeder Hand und einer Rot-Grün-Sehschwäche. Beides hätte eine Karriere als Zeichner verhindern können. Der überzählige Finger wurde operiert, die Farbschwäche umging er mit einem pragmatischen Trick: Er nummerierte seine Farbtuben. Und zeichnete trotzdem. Oder gerade deshalb.
Das Handwerk brachte er sich selbst bei, inspiriert von Walt Disneys Figuren, die ihn als Kind faszinierten. Früh schon war er als Zeichner erfolgreich – doch der eigentliche Durchbruch kam mit dem Mann, der seine Bilder mit Worten füllte: René Goscinny. Gemeinsam erfanden sie Asterix.
Am 29. Oktober 1959 erschien die erste Ausgabe des Comic-Magazins „Pilote“ – und mit ihr die ersten Abenteuer von „Asterix der Gallier“, damals noch als Fortsetzungsgeschichte angelegt. Der Erfolg war sofort und überwältigend: Über 200.000 Exemplare wurden verkauft. Ein kleines gallisches Dorf hatte die Welt betreten.
Goscinny verstarb am 5. November 1977, Band 24 („Asterix bei den Belgiern“) war der letzte Asterix, an dem er mitgewirkt hatte.
Uderzo starb am 24. März 2020. Der letzte Asterix-Band, an dem er mitgewirkt hatte, war 2009 erschienen (Band 34 „Asterix & Obelix feiern Geburtstag“).
Bis heute sind 41 Bände erschienen (Didier Conrad war ab Band 35 der Nachfolger von Uderzo). Ihre Gesamtverkaufszahl hat die 400 Millionen Exemplare überschritten. Damit sind die Asterix-Bände nach der Bibel und den Harry-Potter-Romanen die meistverkauften Publikationen der Welt.
Zaubertrank – Macht und Widerstand
Es sind eigensinnige Charaktere, die in dem kleinen gallischen Dorf leben, das die Römer vergeblich zu erobern suchen, um endlich über ganz Gallien zu herrschen. Und so oft sich einige Dorfbewohner aufgrund ihrer Eigenarten in die Haare kriegen, wenn ihre Gemeinschaft in Gefahr ist, raufen sie sich zusammen.
Was sie eint? Der Wille, sich nicht verbiegen zu lassen. Eben ihre Eigenarten zu behalten. Zudem die Freude, miteinander zu feiern. Es sich in Gemeinschaft gut gehen zu lassen. Das Fest am Ende jeden Asterix-Bandes ist obligatorisch.
Gemeinsam streiten und feiern macht stark. Und noch stärker macht sie der Zaubertrank.
Natürlich weckt der Zaubertrank Begehrlichkeiten: bei den Römern und auch diversen Schurken, die sich das Rezept aneignen wollen, weil der Trank ihnen Macht verleiht.
Und das finde ich einen ungemein interessanten Aspekt der Geschichten: Auch wenn der Zaubertrank den Galliern so viel Macht verleihen könnte, dass sie selbst zu Eroberern werden – sie nutzen ihn nicht, um ihre eigene Lebensweise zu verbreiten. Die Machtgier der Römer und der Schurken ist ihnen fremd.
Utopia – die Freiheit, anders zu sein
Dies macht das kleine gallische Dorf zu einem Utopia: zu einer utopischen Welt, in der die Gier nach Macht keine Macht hat. Die frei von Machtstreben ist – und dadurch so frei ist, die eigenen Eigenarten zu leben, ohne daran zu denken, diese Eigenarten zu exportieren.
Das gallische Dorf missioniert nicht. Es lädt auch nicht dazu ein, ihm nachzueifern. Es existiert einfach – und diese bloße Existenz ist der eigentliche Affront gegen Rom. Nicht die Siege im Kampf, nicht der Zaubertrank als solcher, sondern die Tatsache, dass hier Menschen leben, die kein Rezept anbieten, keine Weltanschauung verbreiten, keine Nachahmer suchen. Das ist, in einer Welt voller Systeme, die sich für universell halten und herrschen wollen, eine aufreizende Haltung.
In einer Welt, die von Expansion, Effizienz und Uniformität geprägt ist, erinnert mich Asterix daran, dass Widerstand auch Freude sein kann – und dass die größte Rebellion manchmal darin besteht, einfach anders zu leben.
Vielleicht ist das auch ein Grund, warum die Geschichten bis heute faszinieren: Sie zeigen, dass Freiheit nicht nur ein politischer, sondern auch ein kultureller Akt ist.
Ein Akt, der auch bedeutet, das Leben gemeinsam zu feiern, auch wenn man es unterschiedlich lebt.
Für mich sicherlich einer der Aspekte, der mich an den Asterix-Comics über die Jahre begeisterte und mich von meiner Faszination für den „lonesome Cowboy“ wegführte: diese Hochschätzung einer Gemeinschaft von Individuen. Eine Feier der Unterschiede und der Gemeinsamkeiten.
Und so sehr ich mir eine Zeit lang persönlich auch einen großen Schluck vom Zaubertrank gewünscht hätte, um mich besser auf dem Schulweg zu behaupten: Eigentlich bin ich froh, dass es in der Realität keinen Zaubertrank gibt. Weil die Menschen nicht so sind, dass sie frei von Machtgier und Missionslust wären. Weil sie die lebensfrohe Balance zwischen Eigensinn und Gemeinsinn nicht hinbekommen.
Ein Zaubertrank wäre nur Wasser auf die Mühlen der Cäsaren und Schurken von heute. Eine Welt, in der es einen Zaubertrank gäbe, wäre bald entzaubert.
Mehr Widerstand im Sandwirt:
„Widerstand und Aufklärung: Der Sandwirt“, von Andreas Tiedtke



