Auf dem Plattenspieler: Kiss
Künstler: Kiss
Song: Lick it Up – veröffentlicht auf dem gleichnamigen Album, Mercury Records 1983
In der Popkultur gibt es ein eigenartiges Phänomen: Manche Bands existieren in der öffentlichen Wahrnehmung stärker als Symbol denn als Klang.
Richtig bewusst wurde mir das in einer bestimmten Situation vor einigen Jahren. Als großer Kurt-Cobain-Fan war ich irritiert, eine Freundin, die sonst ausschließlich Rap hörte, plötzlich mit einem Nirvana-Shirt zu sehen. Auf die Frage nach ihrem Lieblingsalbum kam nur ein zögerndes: „Vielleicht „Smells Like Teen Spirit“ … keine Ahnung.“
In diesem Moment wurde mir klar, dass beides oft gar nichts miteinander zu tun hat. Solche Shirts sind oft weniger Fan-Bekenntnis als ästhetisches Statement. Der Nirvana-Smiley steht für ein diffuses Gefühl von Rebellion, Coolness, Nostalgie – ob man die Musik tatsächlich hört, ist dabei völlig zweitrangig.
Eine Band, die dieses Phänomen schon früh verkörperte, ist die amerikanische Rockband Kiss: Ihre T-Shirts und das ikonische Logo begegnen mir seit meiner Kindheit bei Menschen jeden Alters.
Was so viele an Kiss faszinierte, verstand ich allerdings lange nicht. Bevor ich mich bewusst mit ihrer Musik auseinandersetzte, verband ich die Band nämlich mit einem lauten, düsteren Klang, irgendwo in der Nähe von Musikgruppen wie Korn. Die schwarz-weißen Gesichtsbemalungen, die fast dämonischen Figuren und der Klamottenstil wirkten auf mich wie das Abbild aggressiver, kompromissloser Musik. Umso mehr fragte ich mich: Warum finden sowohl Kinder als auch Erwachsene Gefallen daran?
Als mir Jahre später bewusst wurde, dass sie hinter Songs wie „I Was Made for Lovin’ You“ steckten, war die Überraschung natürlich entsprechend riesig!
Genau dieser Kontrast hat mein Interesse geweckt, genauer hinzusehen und herauszufinden, was wirklich hinter dem Image von Kiss steckt …
Die Geschichte der Band begann Anfang der 1970er-Jahre. Nach dem Scheitern ihrer vorherigen Band Wicked Lester starteten Gene Simmons und Paul Stanley einen Neuanfang mit dem Ziel, musikalisch und kreativ mehr Kontrolle zu haben. Zunächst stießen der Schlagzeuger Peter Criss, kurz darauf der Gitarrist Ace Frehley dazu, und die gemeinsame Reise begann.
Anfangs unterschieden sie sich kaum von anderen Rockbands ihrer Zeit: lange Haare, Schlaghosen, keine Schminke und ein harter Sound. Doch früh wurde ihnen klar, dass das allein nicht reicht, um wirklich hervorzustechen. Also begannen sie, ihr Erscheinungsbild und ihren Klang Schritt für Schritt gezielt zu schärfen.
Der entscheidende Wendepunkt war die Einführung des Make-ups. Kiss entwickelten für jedes Bandmitglied eine eigene Bühnenfigur: das „Starchild“, den „Demon“, den „Spaceman“ und den „Catman“. Diese Identitäten funktionierten fast wie Rollen in einem Theaterstück, sie wurden zu einer Art „Superheldenteam“.
Dieses Konzept funktionierte von Beginn an erstaunlich gut: Kinder konnten die Figuren nachzeichnen oder sich als sie verkleiden, während ältere Fans sich mit dem Auftreten der einzelnen Charaktere identifizierten. Die bewusst zugänglich und kommerziell angelegte Musik stand dabei teils eigenständig neben der Inszenierung und erreichte stellenweise ein eigenes Publikum.
Auch das Logo der Band war Teil der bewusst aufgeladenen Bildsprache. Die beiden „S“-Buchstaben wurden im Design häufig als Anspielung auf Siegrunen interpretiert, dem völkischen Symbol, das im Nationalsozialismus massiv instrumentalisiert wurde (die doppelte Rune beispielsweise als Emblem der Schutzstaffel).
Selbstredend löste diese Assoziation insbesondere in Deutschland Diskussionen, Empörung und sogar Gerichtsverfahren aus. Keiner dieser Fälle hatte jedoch juristische Konsequenzen: Das Logo wurde weder verboten noch strafrechtlich beanstandet – Gerichte entschieden wiederholt, dass die Ähnlichkeit nicht hinreichend gravierend sei und sich im Kontext nicht ohne Weiteres aufdränge.
Die deutsche Niederlassung von Kiss’ Plattenfirma Phonogram drängte in ihrer Hochphase dennoch darauf, das Design vorsorglich zu entschärfen, um solche Missverständnisse zu vermeiden. Unter diesem Druck stimmte das Management von Kiss zeitweise einer veränderten Darstellung zu; später wurde allerdings wieder auch das herkömmliche Logo verwendet.
Trotz (oder gerade wegen) dieser Kontroversen stieg die Bekanntheit der Gruppe weiter an. Schließlich entwickelte sich ein gigantischer Merchandising-Apparat rund um Kiss. Es gab T-Shirts, Comics, Spielzeuge, Lunchboxen, sogar Flipperautomaten: nahezu alles wurde mit ihrem Bild oder ihrem Logo versehen und diente als Einnahmequelle.

Kiss waren dann nicht mehr nur eine Musikgruppe, sondern auch Unternehmer – vielleicht sogar eine der ersten Bands, die Popmusik und Vermarktung so konsequent miteinander verbanden.
Anfang der 1980er-Jahre jedoch begann das System zu bröckeln. Musikalisch ging die gemeinsame Richtung verloren und ihre Alben knüpften nicht mehr an frühere Erfolge an. Und selbst das einst innovative Make-up verlor seinen Reiz: Was früher provokant und neu war, erschien plötzlich überholt.
Zunächst starteten alle vier Mitglieder Soloprojekte, wodurch die Gruppe vorübergehend auseinanderfiel. Doch auch nachdem sie sich nach diesen „Ausflügen“ wieder zusammenfanden, war der Zukunftsplan ungewiss: Würden sie das Ruder noch einmal herumreissen können, oder waren sie nur noch eine Karikatur ihrer selbst?
In dieser Situation beschlossen Kiss 1983 einen radikalen Schritt. In erster Linie wollten sie beweisen, dass hinter der Fassade echte Musiker standen – und so traten sie symbolisch erstmals ohne Make-up öffentlich auf!
Der Moment, in dem sie nach über einem Jahrzehnt ihre Anonymität verloren, war für viele Fans verständlicherweise fast schon schockierend. Viele wollten die vertrauten „Superhelden-Figuren“ nicht verlieren. Doch die Band zog den Schritt durch.
Und tatsächlich hat es funktioniert: Die Single „Lick It Up“, in dessen Zuge die „Demaskierung“ erfolgte, war der erste größere Erfolg der Gruppe seit Jahren!
Musikalisch passten sich die Musiker damit dem Zeitgeist der 80er-Jahre an und orientierte sich stark am damals aufkommenden Glam-Metal: Der Sound wurde wieder deutlich härter, trockener und „direkter“ als ihre bekannten Alben. Auch die Produktion betonte gezielt die aggressiven Gitarrenriffs und die donnernden Drums.
Mit dem gleichnamige Album, das nur wenige Tage später veröffentlicht wurde, waren Kiss wieder in aller Munde. Der Plan ging auf!
In den 90er-Jahren erlebte die Band überraschenderweise dann eine weitere Wendung. Mit einer aufkommenden Nostalgiewelle gewann plötzlich genau das wieder an Reiz, was zuvor als überholt gegolten hatte: Das ikonische Make-up kehrte zurück — und mit ihm der alte Mythos.
Vieles erinnerte wieder an die klassische Ära von Kiss. Nur musikalisch gab es keine vollständige Rückkehr zu den frühen Jahren: Der härtere Sound blieb erhalten, auch wenn er nun stärker mit den melodischeren und verspielteren Elementen der Vergangenheit verbunden wurde.
Ihre Fans reagierten diesmal größtenteils begeistert. Für sie war es, als würden alte Helden aus dem Ruhestand zurückkehren. Dass die Anonymität natürlich nicht mehr wiederherzustellen war, störte dabei nicht: Hauptsache Kiss sind wieder „so wie damals“.
In wechselnder Besetzung führte die Band ihre Karriere noch über mehr als zwei Jahrzehnte fort; das letzte Studioalbum „Monster“ erschien 2012. Mit einer Laufbahn von knapp 40 Jahren zählen sie damit zu den langlebigsten Bands der Rockgeschichte.
Erstaunlich, wie viel hinter einer Band steckt, die ich früher vorschnell als bloß düstere Heavy-Metal-Gruppe eingeordnet hatte!

Was so viele an Kiss fasziniert, ist wohl genau das: Sie sind das Symbol bewusst gestalteter Identität. Sie sind wie Figuren aus einem Comic – ein wandelbares Konzept, das sich immer wieder neu erfindet, ohne seinen Kern zu verlieren.
Ein Kiss-Shirt steht also, anders als bei Nirvana, nicht für eine innere Haltung, sondern für etwas nach außen Gerichtetes: Energie, Exzess, Übertreibung und vielleicht auch eine fast kindliche Freude am Fantastischen.
Und genau das macht „Lick It Up“ für mich stellvertretend für ihr ganzes Konzept: In dem Moment, in dem die Masken fallen, wird sichtbar, dass es nie um sie allein ging. Sondern um die Idee dahinter …
Hören und sehen Sie hier „Lick it Up“ von Kiss mit dem Musikvideo von 1983.


